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Nerzzucht:Quälend langer Todeskampf

Nerze Video, Soko Tierschutz

Nerzpelz verkauft sich vor allem in Russland und China gut.

(Foto: Soko Tierschutz)

Obwohl in Polen ein neues Tierschutzgesetz auf den Weg gebracht wurde, werden derzeit wieder Millionen Nerze für den Pelzhandel getötet - auf grausame Weise.

Von Nina Bovensiepen und Florian Hassel, Warschau

Auch Politiker sind bekanntlich nur Menschen, daher wird Politik oft von Persönlichem bestimmt. Bei Jarosław Kaczyński war es die Liebe zu Tieren, die den mächtigsten Mann Polens handeln ließ. Kaczyński, der Vorsitzende der größten Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit", von dem im Netz viele Fotos mit Katzen zu finden sind, brachte in diesem Jahr ein neues Tierschutzgesetz auf den Weg. Es soll unter anderem die Pelztierzucht in Polen komplett verbieten. Polen gehört mit Dänemark und Finnland zu den größten Pelzexporteuren Europas, vor allem von Nerzen. Deren wertvolle Felle sind insbesondere in China und Russland begehrt, wo sie zu Mänteln, Kapuzen oder anderen wärmenden Accessoires verarbeitet werden.

Wie dringend notwendig der Vorstoß Kaczyńskis ist, belegen aktuelle Videos von deutschen und polnischen Tierschützern. Anders als in Dänemark, wo viele Nerze dieses Jahr getötet werden, weil sie womöglich das Coronavirus übertragen, findet derzeit in Polen die reguläre "Pelzernte" statt. Aktuell tragen die Tiere ihr flauschiges Winterfell. Die beiden Organisationen Soko Tierschutz (Deutschland) und Viva (Polen) haben in den vergangenen Wochen in zwei Farmen gefilmt, auf welch grausame Art die Nerze dabei gequält werden.

Die Tiere, die in winzigen Drahtverschlägen mehr dahinvegetieren als leben, werden für die Tötung in Boxen gesteckt, in denen sie mit Gas erstickt werden, bevor ihnen dann das Fell abgezogen wird. Die Bilder zeigen, dass die Nerze dabei keineswegs schnell bewusstlos werden und zügig sterben, wie es die Agrarlobby gerne behauptet.

Nerze Video, Soko Tierschutz

Die Nerze werden für die Tötung in Boxen gesteckt, in die dann Gas geleitet wird. So ersticken die Tiere qualvoll.

(Foto: Soko Tierschutz)

Stattdessen findet in den Boxen ein langer Todeskampf statt - nach Angaben von Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz leben die Nerze manchmal noch, wenn die Boxen bis zu dreißig Minuten später geöffnet werden. Vorher rennen die Tiere panisch im Gas umher, sie verletzen sich dabei, wie Blutspuren in den Boxen zeigen, und erleiden große Qualen. Nerze sind gute Schwimmer und können lange die Luft anhalten, umso grausamer ist die Prozedur.

Wenn Tiere die Tortur überleben, stecken die Arbeiter sie entweder noch einmal in die Box oder sie schleudern oder treten sie tot. Auf den Bildern ist zu sehen, dass zwischen den toten Nerzen immer noch lebende übrig bleiben, die unter riesigen Qualen langsam eingehen. "Die Tötungsarten in der Pelzindustrie sind noch unvorstellbarer als ohnehin in der Tierhaltung", sagt Mülln.

In vielen Ländern ist die Pelztierhaltung daher längst verboten. In Deutschland trat 2017 das "Tiererzeugnisse-Handels-Gesetz" in Kraft, das so strenge Regeln einführte, dass auch die letzte Pelzfarm bald zumachte. In vielen anderen Ländern - Österreich, Tschechien, Frankreich oder Norwegen - ist die Haltung untersagt oder sie läuft aus. Die Niederlande beenden sie wegen Corona nun vorzeitig.

Die Todesbilanz: fünf bis sechs Millionen Nerze pro Jahr

In Polen dagegen werden nach Angaben von Tierschützern jedes Jahr fünf bis sechs Millionen Nerze auf mehreren Hundert Farmen getötet. Die Agrarlobby ist im Land und Parlament stark, in der Branche arbeiten einige Tausend Menschen. Wie mächtig die Lobby ist, erfuhr auch Kaczyński mit seinem Gesetzesvorstoß. Es kam zu Bauernprotesten und erregt geführten politischen Debatten, quer durch die Parteien.

Am 18. September wurde das Gesetz im Sejm, der unteren Parlamentskammer, zwar angenommen - aber nur dank etlicher Stimmen der Opposition. In der Regierungskoalition stimmten Dutzende Abgeordnete dagegen. Ein Affront für Parteichef Kaczyński. Auch im Senat, dem Oberhaus des Parlaments, gab es heftige Konflikte darüber. Als dort schließlich am 14. Oktober doch dafür votiert wurde, hatte der Senat 36 Änderungen beschlossen. Die entscheidende: Die Pelztierzucht sollte mindestens bis zum 31. Juli 2023 erlaubt bleiben. Den Änderungen hätte der Sejm nun noch einmal zustimmen müssen. Das ist aber eben so wenig in Sicht wie ein neuer Entwurf für das Gesetz, an dem das Agrarministerium sitzen soll. Und so geht die Nerzzucht und -quälerei vorerst weiter.

Wie auf den Videos der Tierschützer zu sehen ist, war bisher daran indirekt das Dax-Unternehmen Linde beteiligt - auf den Farmen wird Gas eingesetzt, welches der Konzern liefert. Immerhin an dieser Stelle fiel nun eine wirklich schnelle Entscheidung. Kurz nachdem die Süddeutsche Zeitung Linde eine Anfrage dazu geschickt hatte, teilte das Unternehmen mit, dass es in Polen unmittelbar "die Belieferung von Pelztierfarmen einschließlich der von Ihnen genannten Firma eingestellt" habe.

© SZ/nas
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Screenshots: Bilder aus Video von Animal Equality, INVESTIGATIV. Ansprechpartnerin Bovensiepen.

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