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Polen:Ein Mord wie im Buch

In Breslau steht ein Autor vor Gericht, weil er in einem Krimi ein wahres Verbrechen allzu präzise schildert. Vielleicht hat er sich auch nur überschätzt.

Thomas Urban

Spaziergänger entdeckten die Leiche, die sich an einem Wehr der Oder unweit der schlesischen Metropole Breslau verfangen hatte. Es war der 10. Dezember 2000. Schon auf den ersten Blick erkannten die herbeigerufenen Polizisten, dass es sich um Mord handelte. Dem Mann waren die Hände auf den Rücken gebunden. Um den Hals war eine Schnur gelegt, die mit den Knoten um die Handgelenke verbunden war.

Buchtitel eines polnischen Autors unter Mordverdacht Krystian Bala; oh

Fiktion oder wahrer Schauder? Buchtitel "Amok"

(Foto: Foto: oh)

Die Gerichtsmediziner stellten fest, dass der Mann gefoltert worden war. Das Opfer wurde als Dariusz J. identifiziert, Besitzer einer kleinen Werbefirma. Doch die Ermittlungen im Umfeld des Toten verliefen ergebnislos.

Drei Jahre später aber bekam die Breslauer Kriminalpolizei einen anonymen Hinweis, dass genau so ein Mord in dem soeben erschienenen Roman "Amok" beschrieben sei. Das Buch hat der Reiseschriftsteller Krystian Bala verfasst, der bislang vor allem Berichte und Fotoreportagen aus den Tauchgebieten Asiens veröffentlicht hatte. Bala wurde wegen Mordverdachts verhaftet, kam allerdings bald wieder frei.

Im vergangenen Jahr aber erging ein zweiter Haftbefehl. Nach Ansicht des Staatsanwaltes ist er der Mörder von Dariusz J., sein Motiv: Eifersucht. J. war ein Bekannter von Balas geschiedener Frau. In der vergangenen Woche ging der Prozess zu Ende, der Staatsanwalt fordert 25 Jahre Haft wegen Mordes.

Ein fiktives Werk

Der 33-jährige Angeklagte aber bestreitet alles. Mit seinem gut geschnittenen Anzug und der modischen Brille wirkt er in dem Käfig für die Angeklagten neben dem bulligen Wachmann deplatziert. Sein Buch sei ein fiktives Werk, er habe sich dabei von Presseberichten inspirieren lassen, sagt er und wirkt dabei arrogant.

In der Tat hatten damals die Breslauer Zeitung ausführlich über den Fall berichtet. Das Fernsehprogramm 997, das polnische Gegenstück zum deutschen Aktenzeichen XY ungelöst, hatte sogar Schaubilder von den fachmännisch geknüpften Fesseln und der Halsschlinge gezeigt.

Bala erklärte während des Prozesses, er sei Opfer einer Intrige des Polizeikommissars Jacek Wroblewski. Dieser wolle sich an ihm rächen, weil er sich in dem Fall lächerlich gemacht habe. Wroblewski hatte sich die Mühe gemacht, den Roman Zeile für Zeile mit Balas realem Lebenslauf abzugleichen. Ein Kommentator schrieb dazu hämisch, dass die Polizei offenbar Fiktion und Realität nicht auseinanderhalten könne.

"Amok" ist kein klassischer Kriminalroman. Eine sich logisch entwickelnde Handlung fehlt. Die Figuren sind überwiegend gelangweilte Intellektuelle, die ihr Heil in Alkohol, Drogen und Sex suchen.

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