Israel: Hirntoter Ex-Premier als Wachsfigur Denkmal für einen Untoten

"Widerlicher Voyeurismus" oder legitimer Tabubruch? Ein in Berlin lebender Künstler hat eine Wachsfigur von Ariel Scharon geschaffen - Israels Ex-Premier liegt seit fünf Jahren im Koma.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Da liegt er nun im Krankenbett, bekleidet mit einem himmelblauen Pyjama und gewärmt von einer weißen Wolldecke. Im rechten Handrücken steckt eine Infusionsnadel, der Brustkorb wogt auf und ab, und wenn es ganz still ist in diesem kahlen, weißen Raum, dann kann man den Atem hören, gleichmäßig und ein wenig scheppernd. Die Augen sind geöffnet, doch Ariel Scharon schaut niemanden an. Er blickt ins Leere. Schließlich liegt er ja auch schon seit fast fünf Jahren im Koma, mit einem Schlag herausgerissen aus seinem Amt als Israels Premierminister, und eigentlich hat ihn seither keiner mehr zu Gesicht bekommen außer seinen Ärzten, den Pflegern und den engsten Angehörigen. Nun aber kann ihn jeder sehen - ausgestellt in einer Galerie in Tel Aviv.

Die polemische Wachsfigur steht in einer der ältesten Galerien der Stadt - der echte Ariel Scharon liegt indes in einer Klinik in einem Vorort von Tel Aviv, hirntot und künstlich ernährt, aber mit einem starken Herzen.

(Foto: dpa)

Lebensgroß und täuschend echt ist der nachgebildete Kranke, den der Künstler Noam Braslavsky aus weichem Plastik geschaffen hat. Die Entrüstung über dieses Werk hat schon manche hohe Welle geschlagen, obwohl die Ausstellung offiziell erst an diesem Donnerstagabend eröffnet wird. Was darf Kunst, was darf sie nicht - darum dreht sich nun die Diskussion. Ein alter Parteifreund Scharons spricht von "widerlichem Voyeurismus".

Doch wenn man Braslavsky fragt, warum er das so zeigt, dann sagt er knapp: "Weil ich das kann", und blickt mit Wohlgefallen auf sein Werk.

Er weiß, dass er provoziert, und er will auch provozieren. "Das ist ein legitimes Mittel, um ein Gespräch zu entfachen", sagt er. In Israel ist er geboren und aufgewachsen, doch seit zwanzig Jahren lebt er in Berlin. Von außen hat er verwundert wahrgenommen, wie sich ein dunkler Mantel des Schweigens über diesen Ariel Scharon gelegt hat. "Er hatte den größten Einfluss auf das Leben in Israel, doch nun liegt er irgendwo und niemand redet mehr über ihn", sagt Braslavsky. "Er ist ein Tabu, aber als Künstler kann ich das Tabu brechen."

Tragischer Gefangener zwischen zwei Welten

Tatsächlich ist es die Tragik des heute 82-jährigen Ariel Scharon, dass er nicht leben, aber auch nicht sterben kann. Er liegt in einem kleinen Zimmer der Scheba-Klinik in einem Vorort von Tel Aviv, hirntot und künstlich ernährt, aber mit einem starken Herzen. Seine beiden Söhne verhandeln mit den Ärzten, ob sie ihn heimholen können auf die Farm in der Negev-Wüste, doch die Entscheidung wird immer wieder vertagt.

Im Zwischenreich des Komas aber erwächst kein Angedenken an diesen Mann, der als General und als Politiker Israel über Jahrzehnte geprägt hat. Keine Würdigung kann es geben und keine Abrechnung, nicht einmal Trauer. Um Ariel Scharon hat sich nichts als Leere ausgebreitet in den letzten Jahren. Bis zu diesem Tag, bis zu Noam Braslavskys Ausstellung.

"Ich habe ihm ein Semi-Mausoleum gebaut", sagt der Künstler, "und ich gebe den Menschen hier die Möglichkeit, von ihm Abschied zu nehmen." Er will dabei nicht Partei ergreifen, "kein Urteil fällen über sein Lebenswerk". Er will einen Raum schaffen für Emotionen, die sonst aufgestaut sind, schließlich hat Scharon polarisiert wie kaum ein anderer. "Er wurde gehasst und geliebt, vergöttert und verteufelt", sagt Braslavsky. Deshalb gibt er nun den Besuchern "eine Möglichkeit zur Bearbeitung ihrer Gefühle", wenn er sie in kleinen Gruppen ans Krankenbett lässt.

Galeristin führt Erbe von Epharim Kishon fort

Renana Kishon hat ihm dafür ihre Galerie zur Verfügung gestellt, die eine der ältesten ist in Tel Aviv, gegründet einst von ihrer Mutter Sarah und ihrem Vater Ephraim Kishon, dem Satiriker. Sie ist eine freundliche, fast schüchtern wirkende Frau, doch die Kontroversen hat sie kalkuliert, und Angst vor Protesten kennt sie nicht. "Die Kunst sollte immer mit dem wirklichen Leben zu tun haben", sagt sie, "und im wirklichen Leben gibt es auch schwierige Zeiten und schmerzhafte Momente." Einen Monat lang will sie Scharon ausstellen, danach hofft sie auf Interesse andernorts und auch auf einen Käufer. Zum Preis will sie "besser nichts sagen".

Womöglich würde das die Wut noch steigern von jenen, die sich ohnehin schon provoziert fühlen von dieser Schau. "Hier wurde die Linie zwischen Kunst und Herabwürdigung überschritten", sagt Raanan Gissin, der lange Jahre ein enger Vertrauter und der Regierungssprecher Scharons war - durchs Telefon wird seine Stimme immer lauter. "Sein Leben lang war er aktiv und dynamisch, und weder ich noch seine Familie wollen ihn so in Erinnerung halten."

Der Kranke in seinem Bett, zwischen Leben und Tod - für Noam Braslavsky ist genau dieser Zustand Scharons auch ein Sinnbild für Israels stets labile Lage "zwischen Himmel und Erde".