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Arktisexpedition:"Wir werden einer der wenigen coronafreien Orte der Welt sein"

Expedition in die Arktis: Corona-frei auf die Polarstern

Angedockt an einer Eisscholle.

(Foto: Manuel Ernst (CC-BY 4.0)/Alfred-Wegener-Institut)

Seit September 2019 ist der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" im arktischen Eis unterwegs, angedockt an einer Eisscholle. Fast hätte Corona die Expedition beendet. Warum es jetzt trotzdem weitergehen kann.

Es ist die größte Arktisexpedition der Geschichte: Seit September 2019 ist der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern im arktischen Eis unterwegs, angedockt an einer Eisscholle, mit der Wissenschaftler aus 17 Nationen sich am Nordpol vorübertreiben ließen. Ziel der Expedition: die Lücken in den bislang sehr ungenauen Klimamodellen zu schließen. Die Corona-Pandemie hätte nun um ein Haar den Abbruch der auf ein ganzes Jahr angelegten Expedition zur Halbzeit erzwungen: Der turnusmäßige Austausch des Teams an Bord im April war nicht mehr wie geplant mit Flugzeugen über das mittlerweile abgeriegelte Spitzbergen möglich.

In letzter Minute gelang ein Rettungsplan: Deutschland stellt die Forschungsschiffe Sonne und Maria S. Merian zur Verfügung. Sie werden an diesem Montag mit der Austauschmannschaft von Bremerhaven aus in See stechen, um dann vor Spitzbergen die Polarstern zu treffen, die sich dafür für drei Wochen vom Eis lösen muss. Die vergangenen beiden Wochen verbrachten deshalb 100 Wissenschaftler und Crewmitglieder aus aller Welt in Quarantäne im Hotel in Bremerhaven. Wie der Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut das Warten erlebt hat.

SZ: Herr Rex, wie geht es Ihnen so kurz vor der Abfahrt?

Markus Rex: Ganz kurz vorab, ab 11 Uhr beginnt hier der dritte unserer Corona-Tests. Es könnte sein, dass es dann an der Türe klopft und mir ein Stäbchen tief in die Nase gerammt wird. Dann müssten wir unser Gespräch kurz unterbrechen.

Aber sicher ...

Wir sind jetzt im Expeditionsfieber. Es ist natürlich eine merkwürdige Situation. Nach dem Packen, nach dem Verabschieden von Freunden und Familien zu Hause ist man normalerweise auf See und unterwegs in die Polarregion. Da weht einem der Wind um die Nase, und das Schiff schaukelt. Jetzt sind wir, völlig ungewöhnlich, in so einem Zeitloch gefangen und sitzen im Hotel.

Wenn Sie dann von Montag an auf See sind, dann sind Sie vielleicht am einzigen wirklich coronafreien Ort der Welt.

Wenn der dritte Test jetzt auch bei allen negativ ausfällt, dann können wir mit großer Sicherheit sagen, dass keiner von uns das Virus trägt. Dann können wir die Abstandsregeln aufgeben. Wenn wir im Eis sind, werden wir einer der wenigen Orte der Welt sein, die völlig coronafrei sind. Wir können dann ohne Sorge gemeinsam arbeiten, wir können auch gemeinsam Partys feiern in der Arktis, ohne auf Abstand zu achten. Da geht's uns besser als den meisten Menschen anderswo.

Eisbrecher 'Polarstern'

Die "Polarstern".

(Foto: Steffen Graupner (CC-BY 4.0)/Alfred-Wegener-Institut)

Wie geht es denn der Mannschaft auf der "Polarstern", die ja viel länger im Eis festsaß als eigentlich vorhergesehen?

Wir tauschen uns regelmäßig aus, über E-Mail oder aber auch über die immer wieder unterbrochene Satellitenleitung. Die Menschen auf dem Schiff sind acht Wochen länger unterwegs als eigentlich geplant. Sie haben sich dazu bereit erklärt und viele Härten in Kauf genommen. Nur das hat unseren Plan möglich gemacht, die Expedition unter den Bedingungen der Corona-Pandemie überhaupt weiterzuführen. Viele andere wissenschaftliche Projekte mussten abgesagt werden. Und auch bei uns war lange nicht klar, ob wir weitermachen können.

Sind die Leute erschöpft?

Expeditionen sind immer ein Marathon. Man muss da seine Kräfte einteilen, das hat auch das derzeitige Expeditionsteam gemacht. Da muss es immer wieder auch Zeiten zum Durchatmen geben, dass man mal eine Party feiert oder abends zusammen sitzt und auch mal über andere Dinge spricht als die Arbeit. Gerade in dieser Phase jetzt aber ist das Team wieder intensiv beschäftigt. Wir haben eine sehr hohe Eisdynamik. Im Eis um die Polarstern herum haben sich viele neue Risse gebildet. Es mussten ganz viele Instrumente auch überstürzt vom Eis geborgen werden. Jetzt wird die Polarstern aber bald aufbrechen und wir lösen die Leute ab, das ist also der Endspurt für das derzeitige Team.

Expeditionsleiter Markus Rex.

(Foto: Alfred-Wegener-Institut)

Und wie verbrachten Sie Ihre Tage im Hotel?

Mein Arbeitsalltag hat mich in die Quarantäne begleitet. Es gab noch wahnsinnig viel zu organisieren und zu entscheiden, bis hin zur Frage, welche der Sachen, die wir auf dem Eis installiert hatten, denn jetzt noch geborgen werden müssen vor der Abfahrt der Polarstern und welche Instrumente dort verbleiben sollen.

Und jetzt sind Sie überglücklich, dass es geklappt hat?

Ja! Es war nicht einfach, mit einer so internationalen Expedition weiterzumachen, in dieser Phase der Pandemie, mit all ihren Reisebeschränkungen, wo sich die Regeln ja manchmal fast stündlich geändert haben, wo wir ständig neue Nachrichten bekamen, was hier oder dort mit einem Mal nicht mehr möglich war. Es stand auf Messers Schneide, ob wir einen Plan finden. Alle haben sich Sorgen gemacht, ob sie überhaupt noch Gelegenheit haben werden, ihre Messungen in der Arktis fortzuführen. Nun ist die Erleichterung besonders groß. Ich habe in diese Expedition viele Jahre meines Lebens investiert. Da ist es wunderbar, zu sehen, dass wir nicht mittendrin abbrechen müssen, sondern dass es weitergehen kann. Als Leiter fühlte ich mich schon sehr verantwortlich für die Expedition als Ganzes, und auch für die hohen Finanzmittel, die da eingesetzt wurden und jetzt wie geplant das ganze Jahr über Früchte tragen können. Die Freude also ist groß. Jetzt wollen wir aber auch alle hin, ins Eis!

© SZ/muth
Arktis-Expedition mit der Polarstern

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