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Ein Anruf bei ...:... Stefan Fischer, der die Stinkmorchel feiert

Pilz des Jahres

Wie sieht der bloß aus?

(Foto: Silas Stein/dpa)

Der "Pilz des Jahres" ist gekürt. Dass er nach Aas riecht und wie ein Penis aussieht, war kein Hindernis.

"Pilz des Jahres 2020" ist die Stinkmorchel. Gekürt hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM), die zum Preisträger mitteilte, dass "neben dem Aasgeruch insbesondere die einem männlichen Begattungsorgan ähnlichen Fruchtkörper auffällig" seien. Ein Gespräch mit Stefan Fischer, Schriftführer der DGfM.

SZ: Herr Fischer, der Pilz, den Ihre Gesellschaft gekürt hat, sieht aus wie ein Penis und verbreitet einen sehr üblen Geruch. Wofür ist er denn nun geehrt worden?

Stefan Fischer: Der Pilz heißt im Lateinischen Phallus impudicus, frei übersetzt: "anrüchiges Penisorgan". Aber deswegen ist er natürlich nicht gekürt worden.

Sondern?

In Zeiten des Insektensterbens wollten wir ein Zeichen setzen und einen Pilz hervorheben, der wichtig für die Insekten ist.

So wie die Stinkmorchel.

Ihr Aasgeruch zieht Insekten an. Man riecht die Stinkmorchel, bevor man sie sieht. Bei Beobachtungen wurden bis zu 150 Zweiflügler festgestellt, hauptsächlich Fliegen. Sie tragen die Sporen des Pilzes weiter.

Wie machen sie das?

Stinkmorcheln haben eine Fruchtschicht, die schleimig ist. Fliegen fliegen diesen Schleim an und nehmen ihn dann mit ihrem Saugrüssel auf. Und damit natürlich auch die Sporenmasse des Pilzes. Im Schleim ist eine Art Abführmittel, damit die Sporen in der Fliege keinen zu langen Aufenthalt haben. Also jedenfalls ist er für die Insektenwelt ein sehr nützlicher Pilz, deswegen wurde er gekürt.

Ist die Stinkmorchel eigentlich ein bedrohter Pilz?

Nein. Die findet sich wirklich überall, im Wald, in Parkanlagen, auf Friedhöfen. Sie ist ein Universalist. Mit der Speisemorchel hat die Stinkmorchel übrigens gar nichts zu tun. Die Speisemorchel ist ein Schlauchpilz, die Stinkmorchel dagegen ein Ständerpilz, sie basiert also auf einem Ständer.

Ganz offenkundig.

Die Ständer, um die es geht, die sind nur im mikroskopischen Bereich erkennbar.

Ärgert es Sie, dass jetzt Witze gemacht werden über Ihre Stinkmorchel?

Stefan Fischer, 62, ist Bibliothekar an der Uni Leipzig, Hobby-Pilzforscher und Schriftführer der Deutschen Gesellschaft für Mykologie.

(Foto: privat)

Nein. Der Pilz kann doch nichts dafür. Es ist schön, wenn man einen Pilz zum Pilz des Jahres gekürt hat, über den man spricht. Egal in welcher Art und Weise.

Bei den Pilzen des Jahres 2018 und 2019, dem Wiesenchampignon und dem grünen Knollenblätterpilz, war das anders?

Beim Knollenblätterpilz hieß es schon: Wie kann man denn einen Pilz ehren, der verheerende Folgen haben kann?

Im Gegensatz zur Stinkmorchel.

Ja. Die wabenartige Konstruktion des Stiels und seine Fähigkeit, sich schnell strecken zu können, sind sehr faszinierend. Das wurde auch ingenieursmäßig schon untersucht, dass da enorme Kräfte wirken. Eine Stinkmorchel hätte die Kraft, eine Steinplatte zu heben.

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass die Tochter von Charles Darwin, Henrietta Darwin, die Stinkmorchel vernichten wollte und jede entfernte, die sie sah?

Wenn man der Literatur glaubt: ja. Sie war verwitwet und kinderlos und fürchtete um die Unbescholtenheit der unschuldigen Waldspazierenden. Angeblich hat sie die Pilze im Kamin ihres Salons verbrannt.

Der Preis als Pilz des Jahres ist also auch eine Art Ehrenrettung für diesen unterschätzten Pilz.

Ich finde schon. Man sollte diesen lieben Stinker mit Freude betrachten.

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