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Physiker über den "Titanic"-Untergang:"Auch heute denkt man, so ein Schiff ist unsinkbar"

Süddeutsche.de: So hat der Eisberg den Rumpf der Titanic einfach aufgeschlitzt?

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Fußball, James Bond und der Untergang der Titanic: Alles hängt irgendwie mit Physik zusammen, sagt Professor Metin Tolan.

(Foto: dpa)

Tolan: Das glauben viele. Aber versuchen Sie mal, mit einem Eiszapfen ihr Auto aufzuschlitzen. Das gibt höchstens ein paar Kratzer im Lack. Stahl ist deutlich härter als Eis. Was wirklich passiert ist: Die Titanic ist gegen den Eisberg gedrückt worden und die Nieten, die die Stahlplatten verbanden, sind aufgegangen. So entstanden Spalten, die allerdings nur wenige Zentimeter breit waren.

Süddeutsche.de: Und trotzdem waren die Lecks so verhängnisvoll?

Tolan: Insgesamt war das Leck nur gut einen Quadratmeter groß, etwa so groß wie eine Seite der Süddeutschen Zeitung. Aber auf 90 Metern der Schiffslänge entstanden durch die Kollision mehrere schmale Spalten. Durch sie drang Wasser ein und überflutete sechs der 16 wasserdichten Abteilungen im Schiffsrumpf. Man weiß, dass nach zehn Minuten das Wasser im Bug schon gut vier Meter hoch stand. Anhand der Wassermenge lässt sich nicht nur ausrechnen, wie groß das Leck war, sondern auch, wie viel Zeit der Besatzung noch blieb. Man kommt so auf eine, höchstens zwei Stunden.

Süddeutsche.de: Zwei Stunden, maximal. War das viel?

Tolan: Für die Besatzung war es sehr wichtig, diese Zeitspanne zu kennen. Da leitet man ganz andere Maßnahmen ein, als wenn man weiß, man hat nur 20 Minuten. Dann heißt es vielleicht nur: Rette sich wer kann! Und der Mannschaft der Titanic ist es heldenhaft gelungen, eine Schlagseite zu verhindern.

Süddeutsche.de: Wie denn?

Tolan: Nach der Kollision sind 20.000 Tonnen Wasser eingedrungen, pro Stunde. Die Pumpen an Bord konnten höchstens 400 Tonnen stündlich aus dem Rumpf abpumpen. Das war völlig hoffnungslos. Aber mit den Pumpen konnte man das Wasser gleichmäßig verteilen, so dass keine Schlagseite entstand. Dann wären sofort die Maschinenräume vollgelaufen, man hätte keinen Strom mehr gehabt um die Boote hinabzuwinden, kein Licht, um zu sehen was man tut. Das Schiff wäre viel schneller gesunken. So ist nur der Bug vollgelaufen. Das Schiff hat sich ganz langsam geneigt und es war noch genug Zeit, die Leute zu evakuieren. In diesem Sinne ist die Titanic optimal gesunken. Anders als zum Beispiel die Costa Concordia, ...

Süddeutsche.de: ... die noch immer auf der Seite vor der Insel Giglio liegt.

Tolan: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Concordia auf der falschen Seite liegt?

Süddeutsche.de: Nein, warum?

Tolan: Das Schiff liegt so, dass man das Leck sehen kann. Aber eigentlich müsste die Concordia auf der Seite liegen, auf der das Wasser eingedrungen ist. Der Fehler war wohl, dass die Besatzung die Türen offenstehen ließ.

Süddeutsche.de: Welche Türen?

Tolan: Das Prinzip ist immer noch Dasselbe: Auch die Concordia ist in mehrere Abteilungen unterteilt. Drei davon wären vollgelaufen, das Schiff wäre nicht gesunken. Aber die Stahlwände zwischen den Abteilungen sind auf einem Kreuzfahrtschiff lästig, man hätte statt vieler kleiner Räume lieber einen großen Tanzsaal. Deswegen baut man Türen ein. Eigentlich ist es streng verboten, sie zu öffnen. Aber genau das ist offensichtlich passiert. Als das Wasser in die Concordia eingedrungen ist, hat es sich durch die offenen Türen im ganzen Schiffsrumpf verteilt, völlig ungleichmäßig. Deswegen ist das Schiff auch hin und her geschwankt, wie die Passagiere berichtet haben, die Besatzung hatte die Situation nicht mehr unter Kontrolle.

Süddeutsche.de: Also war auch hier der Faktor Mensch entscheidend?

Tolan: In letzter Konsequenz lassen sich viele Unglücke auf irgendeine Entscheidung zurückführen, die ein Mensch getroffen hat. Hätten sich alle an die Sicherheitsregeln gehalten, hätte die Concordia nicht sinken müssen. Aber auch heute denkt man ja, dass so ein Schiff unsinkbar ist.

© Süddeutsche.de/holz/woja

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