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Pharma-Werbung:Viele Broschüren täuschen

Ärzte sollten Infoblätter der Pharmaindustrie in den Papierkorb werfen, und nicht auf deren Grundlage ihre Patienten beraten. Denn: "Oft wird das Bild von Wirksamkeit und Sicherheit der Medikamente dort verzerrt", meinen Fachleute.

Von Klaus Koch

Die Altpapier-Tonne gehört zu den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen einer Arztpraxis. Vor allem Hausärzte und Internisten erhalten täglich so viele kostenlose Zeitschriften, Broschüren und Werbematerialien, dass sie unmöglich alles lesen können.

Für die Patienten aber ist es ohnehin besser, wenn ihr Arzt Broschüren der Pharmaindustrie gleich ungelesen in den Papierkorb wirft. Zu diesem Schluss kommt eine Gruppe um Thomas Kaiser und Peter Sawicki vom Kölner Institut für evidenzbasierte Medizin (Diem). "94 Prozent" der Aussagen in Werbeprospekten der pharmazeutischen Industrie seien "nicht durch valide wissenschaftliche Untersuchungen belegt", schreibt die Gruppe im aktuellen Arzneitelegramm (Bd. 35, S. 21, 2004).

Hinter der Zahl steckt Fleißarbeit. Die Mitarbeiter des Instituts haben im Juni letzten Jahres 43 niedergelassene Ärzte gebeten, alle per Post zugeschickten oder von Vertretern dagelassenen Pharmabroschüren aufzuheben.

Dann hat die Gruppe die medizinische Aussagen zu den beworbenen Medikamenten einzeln überprüft: In 175 Prospekten waren das immerhin 520. Auffällig war, dass die Firmen bei sechs von zehn Aussagen von vornherein darauf verzichtet haben, eine Quelle anzugeben. "Da stellt sich die Frage, ob es überhaupt valide Quellen für diese Aussagen gab", sagt Kaiser.

Dass Zweifel berechtigt sind, zeigt der Vergleich der insgesamt 218 durch Quellen belegten Werbeaussagen mit den Schlussfolgerungen der angegebenen Literatur: Acht von zehn dieser Aussagen waren durch die Quellen gar nicht gedeckt.

"Oft wird das Bild von Wirksamkeit und Sicherheit der Medikamente verzerrt", sagt Kaiser. So behauptete eine Firma, ihr Medikament sei so verträglich wie ein Placebo, während die angegebene Quelle Nebenwirkungsraten nennt, die zwei- bis 20-mal höher liegen.

In einem weiteren Fall zitiert eine Broschüre positive Teilergebnisse einer Studie, verschweigt aber die Tatsache, dass es in derselben Studie auch wichtige negative Ergebnisse gab. Sawicki fordert nun Reaktionen von Selbstverwaltung und Gesetzgeber, die den Spielraum für Werbung eingrenzen sollen.

© SZ vom 17.2.2004
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