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Pfarrer lässt Graffiti in Kirche sprühen:"Mein Hauptargument: Es kann nicht schlechter werden"

Er hatte genug von den weißen Wänden in seiner Kirche, deshalb ließ er sie mit einem christlichen Graffiti besprühen: Der katholische Pfarrer Thomas Braunstein erzählt, wie er Skeptiker von der modernen Kirchen-Kunst überzeugt hat - und wie er zu Rap-Gottesdiensten steht.

Der Stadtteil Goldscheuer im badischen Kehl: Fachwerkhäuser, ein Heimatmuseum, ein Naturschwimmbad - und natürlich eine Kirche. Die wirkt von außen unscheinbar, doch innen prangt ein Graffiti an der Wand. Und hinter dem gekreuzigten Jesus leuchten bunte LED-Lampen. Pfarrer Thomas Braunstein, 47, der sein katholisches Gotteshaus zusammen mit dem Street-Art-Künstler Stefan Strombel renoviert hat, ist sicher: So was füllt die Kirche.

Pfarrer Thomas Braunstein

Hat einen Sinn für moderne Kunst: der katholische Pfarrer Thomas Braunstein.

(Foto: St. Johannes-Nepomuk)

SZ: Ganz schön bunt bei Ihnen, Herr Pfarrer. Was war denn vorher an der Stelle, wo jetzt das Graffiti ist?

Thomas Braunstein: Nichts. Eine weiße Wand.

SZ: Was haben Sie denn gegen weiße Wände?

Braunstein: Wenn es zu viele weiße Wände sind, dann sieht es aus wie eine Turnhalle.

SZ: Und warum Graffiti?

Braunstein: Die Idee hatte der Künstler Stefan Strombel. Wir haben uns über einen Mitarbeiter meiner Pfarrgemeinde kennengelernt. Er hat mir gesagt, er hätte Lust, ein Graffiti in der Kirche anzubringen. Ich fand die Idee hervorragend!

SZ: Ist das Ganze nicht eher ein verzweifelter Mode-Gag, eine Anbiederung an junge Leute?

Braunstein: Nein! Null! Wir wollten keine Jugendkirche. Graffiti ist eine Art und Weise, wie man ein Kunstwerk gestaltet. Und unseres ist kein typisches Graffiti-Bild. Gucken Sie mal im Internet, die Madonna sieht nicht so richtig aus wie gesprayt, von weitem zumindest.

SZ: Gab es auch Graffiti-Gegner?

Braunstein: Die gab es, aber gibt es jetzt nicht mehr: Die Leute finden, dass es ein sehr gutes Graffiti geworden ist. Wissen Sie, die Kirche war vorher hässlich innen, und alle haben gemäkelt. Mein Hauptargument war: Es kann eigentlich nicht schlechter werden.

SZ: Stimmt es, dass Sie jetzt mehr Besucher haben?

Braunstein: Oh ja. Am Wochenende war früher kaum einer da, jetzt kommen 60 bis 80 Leute. Es halten sogar Busse. Und es werden Konzerte angeboten, die oft übervoll sind. Auch der Gottesdienst ist wieder ansprechender, weil die Leute sich in dem Raum nun wohler fühlen.

SZ: Passt das denn zur katholischen Kirche? Diese Haltung: Gott, mein Kumpel?

Braunstein: Es geht nicht um Gott, meinen Kumpel. Es geht uns darum, ein für alle Altersgruppen ansprechendes Gesamtkonzept zu gestalten. Das ist nicht nur eine Kirche für Abgefahrene, sondern auch für ganz normale, bürgerliche und bäuerliche Menschen.

SZ: Denen ist das nicht zu poppig?

Braunstein: Gar nicht. Es gibt Leute, die sagen, sie haben sich die Farben viel kräftiger vorgestellt. Wenn man in der Kirche drin steht, sieht es gar nicht so pink aus.

SZ: Fehlt nur noch Hip-Hop.

Braunstein: Wenn es jemanden gibt, der Lust hat, einen Rap-Gottesdienst zu machen, dann darf er mit mir gerne ins Gespräch kommen. Mir begegnen Menschen mit unterschiedlichen Begabungen, und ich gucke dann, was ich daraus machen kann.

© SZ vom 31.01.2012/jkz/jobr
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