Kuriose Auktionen:So frisch wie Sisis Unterwäsche

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Kuriose Auktionen: US-Präsident Kennedy trifft im Kölner Rathaus 1963 Oberbürgermeister Theo Burauen und Kanzler Konrad Adenauer.

US-Präsident Kennedy trifft im Kölner Rathaus 1963 Oberbürgermeister Theo Burauen und Kanzler Konrad Adenauer.

(Foto: imago/piemags)

Die Stadt Köln lässt einen alten Rathausteppich versteigern, über den einst Kennedy und die Queen schritten. Profaner Gegenstand mit prominentem Touch, dieser Verkaufstrick funktioniert immer wieder - siehe Justin Biebers Milchglas oder John Lennons Klo.

Von Moritz Geier

Also, das Wichtigste zuerst: John F. Kennedy hat diesen Teppich betreten, er ging darauf, er stand darauf, er saß darauf (Webstück und präsidialen Hintern trennte nur ein Stuhl), und auch Queen Elizabeth II. beehrte ihn mit ihrem Schuhwerk, und das gleich zwei Mal, 1965 und 1992.

Der Teppich: 14 Meter lang, 6,25 Meter breit, "durchgemustert mit dichtem Blütendekor über Kartuschen auf hellrotem Grund. Flecken, geringer Substanzverlust in einer Knickfalte", alles fein säuberlich aufgelistet im Versteigerungskatalog. Mehr als 50 Jahre lang lag der Perser im Hansasaal des historischen Rathauses in Köln, aber die Stadt will ihn jetzt verkaufen, und die Queen und Kennedy sind da natürlich hervorragende Marketingbotschafter: So ein Lappen wird halt einfach interessanter, wenn er ein bisschen Ruhm abbekommen hat, ein bisschen was vom Glanz der Reichen, Schönen und Mächtigen, und wenn es nur deren Schuhcreme ist.

Auch jener alte VW-Golf von Kardinal Joseph Ratzinger wäre sonst vermutlich nicht für 188 938 Euro und 88 Cent versteigert worden, kurz nachdem sein Ex-Besitzer zum Papst gewählt worden war. Und ein von Justin Bieber benutztes Milchglas hätte eine findige Hotelmitarbeiterin auf Ebay sicher nicht gegen 70 000 Euro eintauschen können.

Warum wollte eigentlich niemand das alte Bushäuschen aus dem Heimatort der Tokio-Hotel-Brüder haben?

Dabei ist wissenschaftlich noch wenig erforscht, wie sich ein - nennen wir es Ruhmeshauch - auf Gegenständen manifestiert. Fällt so ein Glanz schon ab von Lichtgestalten, wenn sie etwas nur leicht berühren, oder müssten sie es doch besser abschlecken? Muss der Gegenstand überhaupt berührt werden oder reicht es schon, wenn er intensiv betrachtet wurde, vom jeweiligen Ruhmesmenschen sozusagen mit Blicken durchbohrt? Wie ist es mit den Gedanken von Geistesgrößen, können die an Gegenständen haften bleiben? Fragen über Fragen. Und warum hat sich bei Ebay eigentlich niemand für das alte Bushäuschen aus dem Heimatort der Tokio-Hotel-Brüder interessiert?

Ein mit blauen Blumen bemaltes Porzellanklo, das John Lennon frequentiert haben soll, war einem anonymen Käufer im Jahr 2010 dagegen immerhin 12 000 Euro wert. Beim Verkauf einer Toilette aus dem früheren Haus des Schriftstellers J. D. Salinger (Auktionsslogan: "Kennst du irgendeine andere Toilette, auf der J. D. Salinger womöglich den ,Fänger im Roggen' geschrieben hat?"), schritt wiederum die Familie des 2010 verstorbenen Autors ein.

Offiziell nicht bekannt ist auch, welche Halbwertszeit jene Ruhmesstrahlen haben, die hier und da auf die Dinge fallen. Die im Vergleich zum 70 000 Euro teuren Justin-Bieber-Glas eher mickrig wirkenden 4500 Euro, die ein von Winston Churchill runtergerauchter Zigarrenstummel 2021 erlöste, sprechen wohl für einen gewissen zeitlichen Wertverfall. Dass die Unterwäsche von Kaiserin Sisi einem Auktionshaus im vergangenen Jahr nur 3800 Euro einbrachte, kann allerdings nur am Substanzverlust der Knickfalten liegen.

Den Kölner Teppich schätzt das Auktionshaus Lempertz übrigens auf 30 000 bis 40 000 Euro. Wer auch immer das 400 Kilo schwere Stoffteil am Ende kauft - der Geruch der Geschichte wird auf jeden Fall mit dabei sein. Ein bisschen Kennedy, ein bisschen Queen. Und ein bisschen Illusion von Nähe.

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