Peggy-Prozess Drei Tatversionen und ein Phantom

Wie ein Mann, der Kinder sexuell missbraucht hat, einen Mord gesteht und dann widerruft - und eine Stadt trotz allem an seine Unschuld glaubt.

Von Hans Holzhaider

Lichtenberg, im April - Peggy ist verschwunden, das zumindest steht fest. Monatelang hat man nach ihr gesucht. Hundertschaften von Polizei und Bundesgrenzschutz haben die Wälder rund um Lichtenberg durchkämmt, Spürhunde haben Keller und Kasematten durchschnüffelt, die Ruine eines Hauses wurde Stein für Stein und Balken für Balken abgetragen, Tornados der Luftwaffe sind mit Wärmebildkameras über das Land geflogen - alles vergebens. Peggy Knobloch, das neunjährige, blonde Mädchen mit den blauen Augen, blieb verschwunden.

Fast drei Jahre ist das jetzt her. Seit dem Nachmittag des 7. Mai 2001 fehlt jede Spur von Peggy Knobloch. Am Freitag wird das Schwurgericht in Hof sein Urteil verkünden gegen Ulvi K., den Mann, den die Staatsanwaltschaft für Peggys Mörder hält. Lebenslange Haft hat Staatsanwalt Gerhard Heindl gefordert für den 26-jährigen Ulvi.

Staatsanwalt Heindl ist überzeugt, dass Ulvi K. Peggy Knobloch mit bloßen Händen erstickt hat, aus Angst davor, sie könnte verraten, dass er sie wenige Tage zuvor sexuell missbraucht hatte.Aber in Lichtenberg gibt es nicht viele, die diese Überzeugung teilen. "Die meisten hier glauben, dass Peggy noch am Leben ist", sagt Bürgermeister Dieter Köhler in seinem Amtszimmer im schmucken, in Altrosa gestrichenen Rathaus.

Es gibt auch Lichtenberger, die glauben zwar, dass Peggy tot ist, aber dass es sicherlich nicht Ulvi war, der das Mädchen umgebracht hat.

Lichtenberg ist eine kleine Stadt mit 1200 Einwohnern. Seit dem 11. Jahrhundert stand hier, auf einer Bergkuppe über dem tief eingeschnittenen Tal der Selbitz, eine mächtige Burg. Der breite, gepflasterte Marktplatz zieht sich den Hügel hinauf. An seinem unteren Ende liegt der Henri-Marteau-Platz, benannt nach einem französischen Geiger, der sich 1913 in Lichtenberg eine Jugendstil-Villa bauen ließ. Raiffeisenbank, Sparkasse, eine Bäckerei, ein Friseursalon - viel mehr an Geschäften gibt es nicht in Lichtenberg.

In die Gemeinschaft integriert

Oben, auf der Bergkuppe, wo heute nur noch ein Turm und Reste der Befestigungsmauern an die Burg erinnern, liegt die Gaststätte "Schlossklause", das Vereinslokal des TSV Lichtenberg. Als Pächter hat der TSV das deutsch-türkische Ehepaar Elsa und Erdal K. angestellt, Ulvis Eltern. Elsa K. wurde als Zeugin im Prozess gegen ihren Sohn gehört, und wer ihre Aussage miterlebt hat, kann ohne weiteres nachvollziehen, dass ihr Herz an diesem Kind hängt, auch wenn der Staatsanwalt jetzt sagt, Ulvi sei ein Mörder.

Ulvi sei als gesundes Kind zur Welt gekommen, berichtet die Mutter. In seinem dritten Lebensjahr, es war am Faschingsdienstag, Ulvi hatte gerade noch mit seiner Schwester getanzt, da konnte er plötzlich nicht mehr laufen, und binnen weniger Stunden hatte er 41 Grad Fieber.

Der Arzt habe gesagt, das sei nur eine Grippe; erst zwei Tage später sei ihm der Verdacht gekommen, es könnte eine Hirnhautentzündung sein. Auf der Fahrt ins Krankenhaus fiel Ulvi ins Koma. Die Ärzte diagnostizierten eine eitrige Meningitis, "sie haben mir keine Hoffnung gemacht, dass er je sprechen und laufen kann".

Er hat es aber doch gelernt, sowohl sprechen als auch laufen. "Er war nicht mehr so lebendig wie früher", sagt Frau K., "er brauchte zu allem länger."

"Er gehörte sozusagen zum Stadtbild"

Als Ulvi in die Vorschule kam, wurde schnell klar, dass er mit den anderen Kindern nicht mithalten konnte. Er kam in ein Therapeutisch-Pädagogisches Zentrum in Hof, dort blieb er bis zum 18. Lebensjahr. "Er hat eine ganze Menge gelernt", erzählt die Mutter, "Schuhe zubinden, bügeln, addieren im Zahlenraum bis zwanzig", aber lesen kann er fast gar nicht, und auch die Uhr abzulesen bereitet ihm Schwierigkeiten.

Zuletzt hat er, bis zu seiner Festnahme, in der Gaststätte der Eltern geholfen, Bier zapfen, Essen austragen, ab und zu sogar kassieren. Was denn ein Bier gekostet habe, fragt ihn einer der beisitzenden Richter. "Drei Mark", sagt Ulvi. Und wenn einer zwei Bier hatte und mit zwanzig Mark zahlt, was kriegt er dann raus? Ulvi grübelt etwas, dann sagt er: "Vierzehn Mark". Und lächelt zufrieden.

In der kleinen Stadt war Ulvi so eine Art Faktotum. "Er gehörte sozusagen zum Stadtbild", sagt Bürgermeister Köhler. Fast jeder habe ihm schon mal ein Bier spendiert oder ihn im Auto mitgenommen. Jedenfalls hat man ihn allgemein für harmlos und gutmütig gehalten, obwohl er im Lauf der Jahre zu einem, wie man in Oberfranken sagt, "Prügltrumm von Mannsbild" heranwuchs.

Peggys Mutter bleibt eine Unbekannte

Susanne Knobloch hingegen, Peggys Mutter, war eine weitgehend Unbekannte in der kleinen Stadt. Lichtenberg, betont Bürgermeister Köhler, sei ein weltoffener Ort, er verweist auf das musikalische Begegnungszentrum in der Villa Marteau. Es gebe auch kein Problem mit Neubürgern, seien sie deutscher oder ausländischer Herkunft - die Hand voll Kroaten in Lichtenberg seien bestens im Vereinsleben integriert.

Frau Knobloch, aus Sachsen zugezogen, war nun aber ganz offensichtlich kein Vereinsmensch. "Man ist halt nicht mit ihr ins Gespräch gekommen", sagt der Bürgermeister. Und, ja, es gebe wohl den einen oder anderen, der andere Ansichten über die richtige Art der Kinderbetreuung habe als Frau Knobloch.

Manche in Lichtenberg äußern sich da sehr viel drastischer. Dass das Mädchen Nachmittage lang in der Stadt herumgestreunt sei, bekommt man zu hören, dass sie sich jedem angeschlossen habe, der auch nur ansatzweise freundlich zu ihr gewesen sei, dass sie sich vor dem damaligen Lebensgefährten ihrer Mutter, "dem Terk" (dem Türken) gefürchtet habe. Am Tag ihres Verschwindens kam Peggy um eins aus der Schule, aber die Suche nach ihr begann erst abends um acht Uhr, als die Mutter von der Arbeit kam und merkte, dass Peggy nicht da war.

Da war Peggy, wenn der Staatsanwalt Recht hat, längst tot. Susanne Knobloch hat vor Gericht gesagt, Ulvi sei ihr erster Gedanke gewesen. Bei dem habe sie "immer so ein komisches Gefühl gehabt".

Sexueller Missbrauch schon bekannt

Und in der Tat gestand Ulvi schon wenige Tage nach Peggys Verschwinden, er habe das Mädchen wenige Tage vorher sexuell missbraucht. Aus irgendwelchen Gründen glaubten ihm die Vernehmungsbeamten das nicht. Aber die Ermittlungen ergaben, dass Ulvi sich schon früher auch an Buben herangemacht hatte - nicht massiv, nicht gewalttätig, aber doch eindeutig jenseits der Grenze dessen, was der Gesetzgeber als sexuellen Missbrauch definiert.

Eine Frau hatte ihn einmal mit heruntergelassener Hose auf einer Bank sitzen sehen, mit einem Jungen neben sich. Die Frau nahm den Buben mit, informierte dessen Eltern, die erstatteten Anzeige. Das war im Jahr 2000, und Ulvis Mutter berichtet, ihr Sohn habe auch eine Gesprächstherapie absolviert "wegen dieser sexuellen Dinge".

Weitere Fälle wurden bekannt, zwölf insgesamt. Im September 2001 wurde Ulvi K. in die Psychiatrie eingewiesen - wegen der Missbrauchsfälle und der Wiederholungsgefahr.

Mit Peggys Verschwinden, glaubte die Polizei damals noch, hätte er nichts zu tun. Denn Ulvi hatte ein Alibi. Um 13.15 Uhr war Peggy zum letzten Mal gesehen worden, auf dem Heimweg von der Schule, kurz vor dem Henri-Marteau-Platz. Von dort waren es nur noch ein paar Meter nach Hause. Aber dort war sie nach Überzeugung ihrer Mutter nie angekommen, denn der Schulranzen fehlte und das Essen stand unberührt auf dem Tisch.

Um 13.15 Uhr aber stand Ulvi, der Aussage seiner Eltern zufolge, gerade vom Mittagessen auf, und machte sich auf den Weg zu einem Bekannten. Der sagte aus, Ulvi sei spätestens um 13.45 Uhr bei ihm angekommen. Unterwegs sollte Ulvi noch bei einem anderen Bekannten warmes Essen aus der Gastwirtschaft abliefern. Wenn das alles stimmt, wäre kaum Zeit geblieben, ein Kind zu töten und die Leiche zu beseitigen.

Alle Ermittlungen verlaufen im Sande. Im Januar 2002 wird auf Initiative des bayerischen Innenministers Günter Beckstein eine neue Sonderkommission eingesetzt. Der Nürnberger Kriminaldirektor Wolfgang Geier wird mit der Leitung beauftragt, ein akribisch arbeitender Kriminalist.

Die Lichtenberger sind nicht begeistert darüber, dass nun alles noch einmal von vorne anfangen soll. Nicht selten, sagt Geier vor Gericht aus, sei seinen Beamten die Tür vor der Nase zugeschlagen worden. Der neue Soko-Leiter hat Zweifel an den verblüffend genauen Zeitangaben der Zeugen, die Ulvi ein Alibi geben. Eine neue Zeugin taucht auf: Sie behauptet, sie habe Ulvi schon um 13 Uhr auf einer Bank am Henri-Marteau-Platz sitzen sehen, genau dort, wo Peggy auf dem Heimweg vorbeikommen musste. Das würde die Sachlage entscheidend verändern.

Die SoKo-Beamten konzentrieren sich immer stärker auf Ulvi. Und dann, am 2. Juli 2002, geschieht es. Die Vernehmung ist schon beendet, der Verteidiger ist schon weg, Ulvi steht unten auf dem Hof, wo das Fahrzeug wartet, um ihn ins Bezirkskrankenhaus Bayreuth zurückzubringen. Plötzlich sagt er, er wolle noch eine Aussage machen. Man bringt ihn zurück ins Vernehmungszimmer, und dort legt Ulvi K. ein Geständnis ab.

Das Geständnis geht bis ins Detail

Er erzählt, er habe Peggy auf dem Heimweg abgepasst, habe sie angesprochen, um sich für die "Vergewaltigung" zu entschuldigen, aber sie habe ihn nicht anhören wollen und sei weggelaufen. Vom Henri-Marteau-Platz zieht sich ein schmaler Fußweg zwischen Schrebergärten entlang bis zu einem Steilgelände unterhalb der alten Schlossmauern. Diesen Weg entlang habe er Peggy verfolgt, habe sie am Fuß des Treppenaufgangs, der hinauf zum Schlossplatz führt, eingeholt, und sie, weil sie nicht aufhören wollte zu schreien, mit den Händen erstickt.

Zwei Wochen nach diesem ersten Geständnis führen die Polizeibeamten UlviK. zum mutmaßlichen Tatort und lassen ihn dort seine Angaben vor laufender Videokamera wiederholen.

Wer die Vorführung dieses Films im Gerichtssaal miterlebt hat, dem fällt es schwer, an Ulvis Unschuld zu glauben. In allen Einzelheiten beschreibt er die Verfolgungsjagd, er zeigt einen Stein, über den Peggy gestolpert sei, wie sie am Knie und an der Stirn geblutet habe, wie er sie aufhob, wie sie ihn in die Genitalien getreten habe, "dass ich Sterne sah", wie sie sich noch einmal losriss, wie er sie schließlich wieder einholte, zu Boden schubste, wie sie geschrieen habe, sie werde ihn verraten, und wie er sie dann - er demonstriert das mit einer lebensgroßen Puppe - mit einer Hand am Genick gepackt und ihr mit der anderen Mund und Nase zugehalten habe, bis ihr schließlich die Augen zugefallen seien und sie sich nicht mehr bewegt habe.

Dann habe er "erst mal eine geraucht". Er sei die Treppen hoch gestiegen zum Schlossplatz, habe seinen Vater geweckt, der auf dem Sofa schlief, und habe zu ihm gesagt: "Vaddi, komm', ich hab die Peggy umgebracht." Der Vater habe Peggy in eine grüne Decke gewickelt und sie im Auto weggefahren, wohin, das wisse er nicht.

Das alles, sagt Ulvi K. nun im Prozess, habe er sich nur ausgedacht, weil er endlich seine Ruhe vor der Polizei haben wollte. Nichts habe er zu tun mit Peggys Verschwinden. Das ist, bei allen Merkwürdigkeiten, die diesen Prozess in 25 Verhandlungstagen geprägt haben, schwer nachzuvollziehen.

"Er ist schon immer ein großer Erzähler gewesen"

Aber ist es unmöglich? Ulvi, sagt Bürgermeister Köhler, sei schon immer ein großer Erzähler gewesen. "Geben sie ihm ein Thema, und er legt los." Immerhin drei verschiedene Versionen hat Ulvi geliefert, was mit Peggys Leiche passiert sei. Er hat andere Lichtenberger der Beihilfe bezichtigt, bis er die Version mit seinem Vater präsentierte.

Aber Ulvis Vater bestreitet entschieden, etwas mit Peggys Verschwinden zu tun zu haben, und in seinem Auto fanden sich keine Spuren, die darauf hindeuten, dass Peggy in diesem Fahrzeug transportiert worden ist.

Und wenn, gibt der Bürgermeister zu bedenken, die Polizei schon die verdächtig präzisen Zeitangaben der Entlastungszeugen anzweifelt, warum legt sie dann nicht den gleichen kritischen Maßstab an jene Zeugin an, die sich überraschenderweise erst fast ein Jahr nach dem Verschwinden des Mädchens erinnern will, Ulvi zu einer ganz präzise erinnerten Zeit genau am richtigen Ort gesehen zu haben?

Und was ist, fragt zum Beispiel Norbert Rank, der Jugendleiter der Fußballabteilung beim TSV Lichtenberg, mit jenen Kindern, die sich ganz sicher sind, Peggy am Nachmittag des 7. Mai 2001 noch gesehen zu haben, als sie nach der Version der Staatsanwaltschaft schon längst tot gewesen ist?

Rank, der sehr intensiv Nachforschungen nach Peggys Verbleib betrieben hat, legt im Keller seines Hauses viele maschinenbeschriebene Blätter auf den Tisch, auf denen seine "Ermittlungsergebnisse" festgehalten sind.

Kann man, fragt er, den Schulkameraden, die Peggy jeden Tag gesehen haben, wirklich so einfach unterstellen, sie hätten das Kind verwechselt? Und was ist mit jener geheimnisvollen E-Mail, die in einem Internet-Café an der türkischen Südküste abgeschickt wurde, und in der stand, Peggy werde in einem Bergdorf versteckt gehalten? Und hat nicht die Polizei ein Telefongespräch des damaligen Lebensgefährten von Peggys Mutter abgehört, in dem dieser sich erkundigt hat, was ihm passieren könne, wenn er ein Mädchen in die Türkei entführt?

Nein, in Lichtenberg sind nicht viele von Ulvis Schuld überzeugt, und Bürgermeister Köhler meint, die Lichtenberger hätten möglicherweise andere Auffassungen davon, was ein Beweis ist, als die Juristen in Hof.

Im Vorstand des TSV Lichtenberg wurde, als die Anschuldigungen gegen Ulvis Vater bekannt wurden, die Frage erörtert, ob man dem Ehepaar K. die Pacht für die Vereinsgaststätte entziehen solle. Dafür fand sich keine Mehrheit.

Susanne Knobloch hingegen ist aus Lichtenberg weggezogen, sie fühlte sich nicht mehr wohl gelitten dort. "Denen hat vielleicht meine Nase nicht gefallen", sagte sie in der Fernsehsendung "Mona Lisa". Später trat sie auch bei Johannes B. Kerner auf, zusammen mit Renate Schmidt, und die heutige Familienministerin sprach von der "Mauer des Schweigens", die die Lichtenberger aufgebaut hätten, um Ulvi K. zu schützen.

Bürgermeister Köhler hat einen geharnischten Brief an Renate Schmidt geschrieben. "Alle Lichtenberger", schrieb er, "haben um die kleine Peggy getrauert und tun es noch." Nach Abschluss des Prozesses, hat Renate Schmidt versprochen, werde sie nach Lichtenberg kommen, um sich selbst ein Bild von der kleinen Stadt zu machen.