Pausenbrot-Prozess Giftiger als Kampfstoffe im Ersten Weltkrieg

Der Angeklagte beim Prozessauftakt im November, begleitet von seiner Anwältin.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Für versuchten Mord mit vergifteten Pausenbroten am Arbeitsplatz ist ein Mann aus Ostwestfalen zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
  • Das Landgericht Bielefeld ordnete darüber hinaus Sicherungsverwahrung für den 57-Jährigen an, da die Richter von einem Hang zu weiteren schweren Straftaten ausgehen.
Von Jana Stegemann, Bielefeld

"Nick N. existiert nur noch als die leibliche Hülle seiner selbst. Alle Funktionen, die das Leben lebenswert machen, sind ausgeschaltet", sagt Georg Zimmermann. "Aber er wird noch geliebt." Der Vorsitzende Richter am Landgericht Bielefeld ruft diese beiden Sätze bei seiner Urteilsbegründung sehr laut, er blickt dabei in Richtung der Eltern des jungen Mannes.

N.s Mutter sitzt auf der Nebenklagebank, sie weint, hält die Hand ihres Mannes ganz fest. Ihr Sohn Nick N. liegt im Wachkoma, er wird nie wieder aufwachen; seine Eltern werden ihn den Rest seines Lebens pflegen müssen. "Seine Vergiftungserscheinungen sind in den vergangenen 100 Jahren in der wissenschaftlichen Literatur nur dreimal aufgetaucht - weltweit", fährt Richter Zimmermann fort.

Kriminalität Mordanschlag mit Pausenbrot
Prozess am Landgericht Bielefeld

Mordanschlag mit Pausenbrot

Klaus O. soll über Jahre die Pausenbrote seiner Kollegen vergiftet haben. 38 Jahre arbeitete er in der Firma im ostwestfälischen Schloß Holte-Stukenbrock, jetzt steht er wegen versuchten Mordes vor Gericht.   Von Jana Stegemann

Der Mann, der dem jungen Werkstudenten die Quecksilber-Methyl-Vergiftung beigebracht hat, sitzt derweil unbeteiligt und mit ausdruckslosem Gesicht auf der Anklagebank. "Wir wissen nichts über Klaus O.s Beweggründe. Der Angeklagte hat sich weder verbal noch mit Gesten oder Mimik an der Hauptverhandlung beteiligt", betont der Richter und verliest die höchste in Deutschland mögliche Strafe: Für versuchten Mord mit vergifteten Pausenbroten muss der 57-Jährige lebenslang ins Gefängnis. Das Gericht ordnete darüber hinaus Sicherungsverwahrung für den Mann an, da die Richter von einem Hang zu weiteren schweren Straftaten ausgehen. "O. ist eine Gefahr für die Allgemeinheit."

Klaus O., zweifacher Familienvater, habe in einem "primitiven Kellerlabor" in seinem Haus in Bielefeld immer giftigere Stoffe zusammengemischt, sagte der Richter. Mit einem Ziel: seine Arbeitskollegen in einer Werkzeugbau-Firma im ostwestfälischen Schloss Holte-Stukenbrock zu vergiften. "Die Verbindungen, die O. zuletzt verwendet hat, sind giftiger als die Kampfstoffe des Ersten Weltkriegs."

Zwei frühere Arbeitskollegen des Mannes, der 57-jährige Udo B. und der 28-jährige Simon R., haben bleibende und sehr schwere Nierenschäden durch die Vergiftungen davongetragen. B. ist nicht mehr arbeitsfähig, der Frührentner ist für den Rest seines Lebens auf die Dialyse angewiesen, Simon R. wird für immer mit deutlichen gesundheitlichen Einschränkungen zu rechnen haben. Er deckte das perfide Treiben O.s auf.

R. bemerkte Teilchen in seiner Wasserflasche und Krümel auf seinen Pausenbroten. Doch lange konnte er sich die Verunreinigung an seinem Pausensnack nicht erklären, irgendwann wandte er sich schließlich an den Betriebsrat der Firma und an die Geschäftsleitung; sie ließ eine Überwachungskamera im Pausenraum installieren. So wurde O. letztlich im Jahr 2018 überführt; Nick N. fiel allerdings schon 2016 ins Wachkoma.

Neun Worte, 62 Buchstaben, nüchtern und völlig unbeteiligt vorgetragen

An 15 Prozesstagen spricht Klaus O. nur einen einzigen vollständigen Satz. Vor einer Woche, am vierzehnten Prozesstag sagt der kleine, deutlich jünger wirkende Mann: "Ich schließe mich den Ausführungen meiner Verteidigung vollumfänglich an." Neun Worte, 62 Buchstaben, nüchtern und völlig unbeteiligt vorgetragen. Mehr bekommen die Opfer, deren Leben Klaus O. zerstört hat, von ihm nicht zu hören. Keine Erklärung, keine Entschuldigung, kein Mitleid.

Auch deshalb sprechen die Richter ein ungewöhnlich hartes Urteil für einen versuchten Mord. Der Verurteilte kann nicht damit rechnen, dass seine Strafe nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt wird. Die Verteidiger von Klaus O. sehen nach dem Indizienprozess hingegen nur Beweise für Körperverletzungsdelikte. Sie haben auf eine Freiheitsstrafe von höchstens neun Jahren plädiert und wollen nun in Revision gehen.

Das Gespräch mit dem Gutachter im Prozess hatte Klaus O. verweigert. Nur mit einem Psychologen seiner Haftanstalt sprach er. Nach dessen Eindruck habe der 57-Jährige an seinen Kollegen beobachten wollen, wie das Gift auf ihren Pausenbroten wirke. "Seine Äußerungen zu seinem Motiv kamen mir vor wie bei einem Wissenschaftler, der ausprobiert, wie Stoffe wirken bei einem Kaninchen", hatte der Mitarbeiter des Psychologischen Dienstes in der JVA Bielefeld gesagt.

Die Mutter von Nick N. bezeichnete Klaus O. bei ihrer Aussage als "Irren" und schilderte, wie ihr früher lebensfroher Sohn, angefangen mit Taubheitsgefühlen und Schwächephasen, auf rätselhafte Weise immer kränker wurde. Simon R. flehte Klaus O. vor Gericht an, endlich etwas zu seinem Motiv zu sagen. Doch Klaus O. schwieg.

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