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Passbilder:Bitte nicht lächeln

Fotoautomat am Kottbusser Tor im Berliner Stadtteil Kreuzberg Photoautomat

Ein Kreuzberger Fotoautomat: Ist das Ende seiner Ära da?

(Foto: imago/Mehrdad Samak-Abedi)

Adieu, Fotoautomat: Passbilder sollen künftig vom Bürgeramt gemacht werden. Aber auch eine andere Branche dürfte leiden. Über das Ende einer Ära.

Biometrisch wäre es schwierig geworden für Rudi Dutschke. Die Haare, auf seinem berühmten Passautomaten-Bild: deutlich zu lang. Sein Kopf: nicht ganz gerade. Zudem der Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht. Im Bürgeramt würden sie dem Studentenführer heute wahrscheinlich eine Schablone über sein schwarz-weißes Foto halten und entscheiden: "Das machen Sie jetzt aber noch einmal, Herr Dutschke. Draußen im Automaten. Kostet sechs Euro. Und diesmal den Kopf bitte schön gerade halten."

Wer zuletzt sichergehen wollte beim Pass-Termin, der schritt zuvor ins Foto-Studio und ließ sich professionell ablichten. Von einem Fotografen, der sonst für Verliebte, Schwangere oder Babys zuständig war ("Sag mal Grießbrei!"). Die Schablone vom Bürgeramt hatte der schon im Sucher. So sah er gleich, ob das Gesicht auch passte, für den Pass.

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Von Sommer 2022 an dürfte es damit in Deutschland vorbei sein. Denn dann sollen Passbilder nur noch während der Beantragung im Bürgerbüro geknipst werden - so will es das Bundesinnenministerium. Ähnlich wie die US-Einwanderungsbehörde übernimmt damit das deutsche Beamtentum die volle Macht über die Gesichter seiner Bürger. Blinzeln, runzeln oder grinsen, das ist dann nicht mehr. Darauf werden die Mitarbeiter der Passstelle schon achten. Für 177 Millionen Euro sollen Tausende Fotoapparate und -automaten für die Bürgerämter angeschafft werden. So soll beispielsweise verhindert werden, dass durch Bildbearbeitungsprogramme ("Morphing") Passbilder so manipuliert werden, dass sie gleich auf mehrere Nasen passen.

Und damit endet sie, die Zeit des klassischen "Apparats zur selbstthätigen Herstellung von Photographien" - wie das Reichspatent 51081 im Jahr 1889 noch hieß. 1889, das ist übrigens das Geburtsjahr gleich zweier Personen, deren Porträtbilder das gesamte Spektrum menschlicher Mimik deutlich machen: Charlie Chaplin und Adolf Hitler.

Passautomaten werden zu Spaßautomaten

Man darf also schon ein bisschen traurig darüber sein, dass man als Passinhaber künftig nicht mehr unbedingt selbst entscheiden darf, mit welchem Ausdruck man auf seiner Identitätskarte erscheint (Hornbrille und Kopfbedeckung hatte man aus Gründen der internationalen Sicherheit ja eh schon abgelegt).

Die Passautomaten, wie sie sich derzeit noch in Bahnhofshallen oder Kaufhäusern finden, dürften zudem bald keine Typen mehr anziehen wie Nino Quincampoix, in den sich Amélie Poulain am Pariser Gare du Nord einst unsterblich verliebte (im Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" nämlich).

Passautomaten dürften künftig bestenfalls als "Spaßautomaten" weiterleben, etwa, wenn sich eine Horde betrunkener Jungliteraten in sie zwängt, um ihren intellektuellen Zusammenhalt auch bildlich festzuhalten. Und natürlich muss das Foto-Studio in der Fußgängerzone nun schauen, wie es jetzt noch Geld verdienen kann. Etwa mit Bewerbungsbildern. Oder weichgezeichneten Senioren-Akten.

Aber gut, so ist das eben. Rudi Dutschke und seine marxistische Soziologie sind ja auch längst tot. Und Fotoautomaten-Fans wie Andy Warhol oder Max Ernst hätten - rein optisch - natürlich weder auf Instagram noch auf Tiktok die geringste Chance. Nicht nur im Tod, auch vor den staatlichen Objektiven sind die Menschen künftig alle gleich. Biometrisch zumindest.

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