Parlamentswahlen auf Sark Souveräner Tritt in den Hintern

Keine Autos, keine Steuern und Lehenspacht an die Queen: Die Kanalinsel Sark war der letzte europäische Feudalstaat. Die Parlamentswahlen endeten jedoch ganz anders, als es die Mächtigen wollten.

Von Wolfgang Koydl

Man kennt das ja: Da tut man und macht man, und macht man und tut, und was ist der Dank? Undank.

Sechshundert Menschen, ein Radweg, keine Autos, bis vor kurzem keine Demokratie: die Insel Sark bei Guernsey.

(Foto: Foto: dpa)

Sir David und Sir Frederick Barclay, milliardenschwere Zwillingsbrüder, Nummer 40 auf der Sunday-Times-Liste der reichsten Briten, muss sich ein solcher Stoßseufzer entrungen haben, als die Ergebnisse der ersten freien, gleichen und allgemeinen Parlamentswahlen auf der Kanalinsel Sark vorlagen: Nur zwei der von ihnen empfohlenen Reformkandidaten waren in die Chief Pleas, das Parlament, gewählt worden - und dies, obwohl es die Barclays waren, die den Insulanern die Segnungen der Demokratie erst beschert hatten, zusammen mit Millionen Pfund an Investitionen.

"Wir haben einen Tritt in den Hintern bekommen", gestand ein Sprecher der beiden 73 Jahre alten Brüder der Tageszeitung Times. In der Tat: Fast alle Kandidaten, vor denen die Unternehmer die Sarkesen gewarnt hatten, ziehen in das Parlament ein, darunter auch Edric Baker, den die Sark News, die Propaganda-Postille der Barclays, als einen "feudalen Talibanisten" geschmäht hatte.

Die Barclays revanchierten sich auf unbritisch unfeine Weise: Über Nacht schlossen sie alle ihre Unternehmen und Bauprojekte auf einer der kleinsten britischen Inseln im Ärmelkanal - Hotels, Läden und Baustellen. Mit einem Schlag wurden damit - zwei Wochen vor Weihnachten - Dutzende Sarkesen arbeitslos - mithin ein dramatisch hoher Prozentsatz der Gesamtbevölkerung von lediglich 600 Menschen.

"Die Leute von Sark ernten nur, was sie gestern gesät haben", rieb Gordon Dawes, der Anwalt der Geschäftsleute Salz in die Wunden der Insulaner. "Sie können nur sich selbst die Schuld geben. Offensichtlich will und schätzt man auf Sark die Investitionen der Barclays nicht - und deshalb wird es sie auch nicht bekommen." Die Brüder, die ihr Geld mit Immobilien verdienten und heute unter anderem den Daily Telegraph und das Londoner Ritz ihr Eigen nennen, hatten 1993 das kleine Felseneiland Brecqhou erworben, das Sark vorgelagert ist.

Damit wurden sie Teil jener Elite von 40 Grundbesitzern, in deren Händen seit mehr als 400 Jahren die Macht auf Sark konzentriert war. Die Insel war de facto der letzte Feudalstaat Europas: Sie gehört der Krone, seitdem Königin Elisabeth I. im Jahre 1563 den Edelmann Helier de Carteret mit dem Felsbrocken im Kanal belehnte.

Dessen Nachfolger lenkt noch immer als Seigneur die Geschicke der Insel. Der Amtsinhaber, der 80 Jahre alte Michael Beaumont, zahlt der Königin die Pacht für das Lehen: Umgerechnet zwei Euro im Jahr, der Betrag wurde nie der Inflation angepasst. Auch andere Errungenschaften der Neuzeit fehlen auf Sark: Es gibt keine Autos und keine Straßenbeleuchtung, keine Einkommen- und keine Mehrwertsteuer.

Die Barclays wollten das ändern. Sie investierten jedes Jahr fünf Millionen Pfund in die Wirtschaft, kauften fünf der sieben Hotels sowie fast komplett die eine Seite der einzigen Einkaufsstraße. Traktoren und Fahrräder - bislang die einzigen Beförderungsmittel - wollten sie durch Elektrofahrzeuge ersetzen; ein Hubschrauber-Landeplatz sollte die strapaziöse Anreise mit der Fähre von der Nachbarinsel Guernsey ersetzen.

Und schließlich sollte die Demokratie einziehen - der Seigneur sollte entmachtet, die Bewohner als Souverän ermächtigt werden. Nun hat der neue Souverän gesprochen und Beaumont hat verstanden: "Heute gibt es hier viele lächelnde Gesichter", meinte der Feudalherr. "Sark hat klargemacht, was es von seiner neuen Regierung wünscht." Aber auch bei den Barclays ist die Botschaft angekommen, wie deren Anwalt bestätigte. "Sark kehrt wieder dahin zurück wo es war, bevor die Barclay-Brüder kamen", sagte er.