Park in Tokio:195 000 Euro aus Höflichkeit erlassen

Photographers stand in the Taiwan Pavilion in Shinjuku Gyoen National Garden on a sunny autumn day in Tokyo

Der "Taiwan Pavillion" in Shinjuku-Gyoen-Garten in Tokio.

(Foto: Thomas Peter/Reuters)

Nur 1,60 Euro kostet der Eintritt im Shinjuku-Gyoen-Garten, einer der Touristenattraktionen Tokios. Doch von Ausländern verlangte ein Ticketverkäufer lieber kein Geld - aus Angst.

Von Magdalena Pulz

Wer im Shinjuku-Gyoen-Garten flanieren möchte, etwa um der tosenden Innenstadt Tokios zu entkommen, muss dafür nicht viel Geld ausgeben. Der Eintritt in den Nationalpark voller Teiche und Kirschbäume kostet für einen Erwachsenen erschwingliche 200 Yen - also umgerechnet knapp 1,60 Euro. Genauer gesagt: So viel würde es kosten, wenn das Eintrittsgeld auch wirklich kassiert werden würde.

Damit hat es wohl einer der am Parkeingang arbeitenden Angestellten nicht allzu genau genommen. Der Japaner, der Medienberichten zufolge etwa 70 Jahre alt sein soll, ließ wohl mehr als zweieinhalb Jahre lang ausländische Besucher ohne Bezahlung in die Parkanlage. Etwa 160 000 Menschen sollen den Garten gratis besucht haben. Und das läppert sich dann doch: Das Umweltministerium, das den Garten betreibt, schätzt den Schaden auf mindestens 25 Millionen Yen - an die 195 000 Euro also.

Als Grund für sein Verhalten gab der Parkangestellte nach Informationen lokaler Medien gegenüber der Parkleitung an, sich gefürchtet zu haben, von Touristen angeschrien zu werden: Da der ältere Herr nur japanisch spricht, hatte er Probleme, sich mit fremdsprachigen Besuchern zu verständigen. Tatsächlich hatte der Mann wohl eine schlimme Erfahrung mit einem äußerst wütenden Besucher hinter sich. Und weil nichts weniger Nachfragen provoziert, als wenn es etwas kostenlos gibt, verlagerte sich der Ticketverkäufer darauf, einfach gar kein Geld mehr für den Eintritt zu verlangen.

Der Ticketverkäufer hätte weiterarbeiten dürfen - für zehn Prozent weniger Gehalt

Seine Furcht vor ausländischen Touristen ging sogar so weit, dass er einen Kollegen, der Zugang zur Datenbank des Parks hatte, bat, ihm zu helfen: Schließlich musste der Unterschied zwischen den tatsächlich vergebenen Tickets und den erwarteten Einnahmen verdeckt werden.

Bis zum Dezember 2016 hatte der Kniff wohl auch funktioniert, dann wurde der Parkangestellte von einem Kollegen ertappt. Die Parkleitung wurde informiert, ein Deal wurde ausgehandelt. Nach Informationen der Zeitung Sankei Shimbun hätte der Ticketverkäufer zwar weiter arbeiten dürfen - jedoch zehn Prozent von seinem Gehalt gekürzt bekommen. Stattdessen hat der Mann seinen Job jedoch lieber aufgegeben.

Vielleicht kam er zu der Erkenntnis, dass ein Ticketverkäufer, der sich unwohl im Kontakt mit Kunden fühlt, genauso fehl am Platz ist wie ein Pilot mit Höhenangst.

© SZ.de/olkl
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