bedeckt München 22°
vgwortpixel

Paris:Geht doch!

43 000 Autos brausen täglich am rechten Seine-Ufer entlang, mitten in Paris herrschen Lärm und Gestank. Es reicht, findet die Bürgermeisterin. Sie will die Stadtautobahn zur Fußgängerzone machen - zum Ärger der Pendler.

Es ist eine abendliche Idylle, die sich ausbreitet hier unten am Fluss. Gegenüber auf der Île de la Cité wacht der mächtige Justizpalast über Paris, dahinter erstrahlen im Flutlicht die Türme von Notre-Dame. Ein Bateau-Mouche voller Touristen schwimmt heran, der Schiffsmotor übertönt das Rauschen des Autoverkehrs, der von oben über die Kaimauer auf die Uferpromenade fällt. Zwei junge Frauen joggen vorbei, und das alte Ehepaar, das eben vorsichtig die Steintreppe zur Voie Georges-Pompidou hinabgestiegen ist, bestaunt eine der vielen Palmen, die die Pariser Stadtverwaltung in riesigen Kübeln auf den Asphalt gestellt hat. Für einen Moment herrscht mitten in Paris etwas, das es sonst eigentlich nirgendwo gibt in dieser Zwei-Millionen-Metropole: Stille.

Das Schreckensszenario der Autolobby: Ein Terroranschlag - und die Polizei steckt im Stau

Nur, genau diese Ruhe an der Seine hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Denn hier am "rive droite", am rechten Ufer, rasen normalerweise auf zwei Spuren täglich mehr als 43 000 Autos am Wasser entlang. Rund um die Uhr. Nur im August, wenn die meisten Pariser eh in den Urlaub verschwinden, wird dieses Stück Stadtautobahn alljährlich gesperrt und zum Strandspektakel umgerüstet, zu den "Paris Plages" inklusive Sandburgen und Liegestühlen. Die Palmen erinnern noch an den Sommerspaß, die hat Bürgermeisterin Anne Hidalgo diesmal stur stehen lassen. Und sie hat entschieden: Die 3,3 Kilometer lange Schnellstraße, die den Ost-West-Verkehr ab den Tuilerien-Gärten und dem Louvre vorbei an den beiden Seine-Inseln bis zum Bassin de l'Arsenal schleust, bleibt für Autos und Motorräder gesperrt. Das Ufer, bisher die Sprintstrecke durch die innerste Innenstadt, soll fortan ein Ort des Verweilens sein und zur Fußgängerzone werden, für immer. Am Montag dürfte der Stadtrat die Verkehrsberuhigung beschließen.

Hidalgos Plan treibt Gegner auf die Barrikaden, massenhaft. Die konservative Opposition hält der Sozialistin vor, sie riskiere den Verkehrsinfarkt der Hauptstadt. So ähnlich sieht das auch eine Untersuchungskommission, die dem Rathaus kürzlich vorwarf, die Ausweichmanöver verzweifelter Autofahrer zu unterschätzen: Nicht in vier, wie von Hidalgos Verwaltung simuliert, sondern in mindestens sieben Arrondissements drohten mehr Staus, mehr Lärm, mehr Abgase. Eine Autofahrerlobby sammelte binnen weniger Tage 60 000 Unterschriften gegen die Fußgängerzone.

Paris-Plages, France

Seit 2002 wird die Schnellstraße an der Seine im Sommer zur Strandpromenade. So könnte es künftig das ganze Jahr ausschauen.

(Foto: Getty Images)

Wozu braucht der Pariser denn ein Auto? Es gibt doch die Metro, Leihräder und Elektro-Carsharing

Auch Michel Cadot, als Polizeipräfekt im Dienste des französischen Zentralstaats der eigentliche Herr aller Boulevards von Paris, hegt Bedenken. Vorerst will der Spitzenbeamte nur "eine Testphase von sechs Monaten" dulden. Danach werde endgültig entschieden. Cadot fürchtet, ohne die ampelfreie Uferstrecke könnten Notärzte und Sanitäter im Stau stecken bleiben. Oder Anti-Terror-Brigaden ihren Einsatz verpassen, falls Paris erneut von einem Anschlag heimgesucht wird.

Politisch brisant ist vor allem die Fronde, die in den Pariser Vorstädten aufwallt. Dort leben Millionen Pendler, die sich schon bisher in überfüllten Zügen oder auf verstopften Einfallstraßen ins Herz der Hauptstadt quälen. Die Bürgermeister der Banlieues werfen Madame la Maire arrogante Kirchturmpolitik vor: "Hidalgo bastelt eine Stadt nur für die Pariser", schimpft Bruno Beschizza, der Rathauschef im nordöstlichen Arbeitervorort Aulnay-sous-Bois, "sie muss das mit der ganzen Region abstimmen." Sein Kollege Éric Berdoati, der im reichen Südwesten von Paris dem Städtchen Saint-Cloud vorsteht, ordnet den Kampf zwischen Chauffeuren und Flaneuren sogar historisch ein. "Seit hundert Jahren wirft Paris seinen Nachbarn all seine Scheiße vor die Füße."

Tatsächlich tickt die Hauptstadt anders. Nur etwa jeder zweite Bürger, der sich das teure Leben im Schatten von Sacré-Cœur, Triumphbogen und Eiffelturm leisten kann, hat überhaupt noch ein eigenes Auto. Metro und S-Bahn, Fahrradverleih und Elektro-Carsharing genügen vielen Bobos, wie die urbane Bourgeois-Bohème abfällig genannt wird. Die Anti-Auto-Politik ist populär. Hidalgos Vorgänger Bertrand Delanoë verwandelte vor knapp vier Jahren eine andere Uferstraße auf der linken Seine-Seite erfolgreich in eine populäre Freizeitzone.

Foto: SZ-Karte

Tempo 30 in den Quartiers, Sonderspuren für Busse, neue Radwege, Fahrverbote für alte Dieselfahrzeuge - Hidalgo verschärfte diesen Kurs, der die miserable Luft in Paris verbessern soll. Jede Verkehrsberuhigung, so ihre Faustregel, schrecke jeden fünften bis sechsten Autofahrer auf dieser Strecke ab, sich weiter gewohnheitsmäßig hinters Steuer zu setzen. Auf diese Weise reduzierte die Stadt den Kfz-Verkehr zwischen 2002 und 2012 um 15 Prozent, die Durchschnittsgeschwindigkeit im Pariser Verkehr sank von 19 auf 17 Kilometer pro Stunde. Stickoxide und Feinstaub gingen zurück, um bis zu 30 Prozent.

Diese Trends, so sagen Umweltschützer wie Ärzte, retten jährlich Tausende Leben. Still und leiser, als die neue Idylle abends am Seine-Ufer je sein kann.

  • Themen in diesem Artikel: