bedeckt München 17°
vgwortpixel

Papst Franziskus:Kirche quer zur westlichen Selbstverständlichkeit

Für die Christen in Europa kann das durchaus verstörend werden - in ihrer wohlgeordneten Bürgerlichkeit, in er sie zumeist leben. Sie spenden viel für die armen Länder, sie sind überdurchschnittlich oft sozial engagiert. Ihre Frömmigkeit aber ist zumeist auf die Bewältigung ihres Lebens ausgerichtet: Sie soll ihnen Halt und Orientierung in einer unübersichtlichen Welt geben, Gemeinschaft gegen die Vereinzelung, Begleitung durchs Leben, von der Taufe bis zur Beerdigung. Sie ist gebildet, philosophisch, differenziert und handlungsarm. Die katholische Kirche Europas und vor allem Deutschlands ist reich und wohlgeordnet, eine Kirche der Angestellten und der Bischöfe mit Oberregierungsratsgehalt.

Papst Franziskus

Vom Arbeiterkind zum Pontifex

Der alte bescheidene Mann in Weiß dürfte diese bürgerliche Kirchlichkeit infrage stellen, mehr vielleicht als alle säkularen Kirchenkritiker zusammen. Müssen nicht auch die Bischöfe Europas die Paläste verlassen, wenn der Erste unter ihnen einst als Bischof den Palast verlassen hatte? Wie wollen sie leben - wie wollen aber auch die Christen leben, die in diesem Papst ihr Vorbild sehen?

Es ist ein zutiefst religiöses Projekt, das da auf Europas Katholiken aus dem fernen Lateinamerika zukommt. Es setzt auf die Macht des zeichenhaften Andersseins, die Kraft der Transzendenz, die frei macht, gerade weil sie so anstößig ist in einer aufs Nächstliegende ausgerichteten Welt. Und vielleicht hat Papst Benedikt XVI. ihm ungewollt ein Programm gegeben, als er im September 2011 in Freiburg von der "Entweltlichung" sprach, die die Kirche immer wieder brauche. Es wäre eine Entweltlichung, die sich nicht im philosophischen Differenzdenken erschöpft. Es wäre eine Kirche, die quer zum allzu Selbstverständlichen der westlichen Welt stünde - und gerade deshalb neu glaubwürdig werden könnte.

Ändert ihn das Amt schneller, als er das Amt ändern kann?

Franziskus' Pontifikat kann scheitern. Es kann scheitern an der Macht der Bewahrung in der katholischen Kirche. Natürlich wird die Kurie in der Hand der Italiener und Europäer bleiben, und wer das Erschrecken der Kurialen angesichts der ersten Formbrüche des neuen Papstes sieht, kann ahnen, wie viel Widerstand ihn da erwartet. Es kann aber auch an den inneren Widersprüchen in der Theologie und im Weltverständnis von Jorge Mario Bergoglio scheitern: Kann er von der Liebe zu den Armen und Ausgeschlossenen reden und gleichzeitig die Liebe homosexueller Menschen zueinander als minderwertig vor Gott ansehen? Kann er von Gerechtigkeit sprechen, ohne innerkirchlich die Frauenfrage als Frage der Gerechtigkeit zu sehen? Und ändert ihn das Amt schneller, als er das Amt ändern kann?

Doch auch wer der katholischen Kirche fernsteht, sollte ihm wünschen, dass dieses Pontifikat gelingt; sollte wünschen, dass Franziskus, bei all seinen Grenzen, Kirche und Welt verändert. Da lebt einer einen anderen Stil in einer Zeit, in der Lebensstilfragen zu Lebensfragen werden. Da hält einer die Tür zur anderen Wirklichkeit offen und stört den Gang der Dinge - ein alter Mann in Weiß, der sich demütig vor den Menschen verbeugt.