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Papst besucht Synagoge:Benedikt warnt vor neuem Antisemitismus

Benedikt XVI. hat als zweiter Papst in der Geschichte eine Synagoge besucht und dabei vor neuem Antisemitismus gewarnt. Als Gast der jüdischen Gemeinde in Köln versicherte er am Freitag, er wolle den von seinem Vorgänger Johannes Paul II. eröffneten "vertrauensvollen Dialog" zwischen Juden und Christen "mit voller Kraft" fortsetzen.

Johannes Nitschmann

Der Pontifex rief die Gläubigen beider Religionsgemeinschaften auf, sich verstärkt für soziale Gerechtigkeit und den Frieden einzusetzen. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, sprach von einer "historischen" Rede. Sie werde Signalwirkung haben.

Benedikt XVI. ist der erste Papst, der eine Synagoge in Deutschland besuchte. Bei der Feierstunde in Köln würdigte er seinen Vorgänger Johannes Paul II., der "zur Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk entscheidende Schritte getan" habe. Benedikt, der zum Weltjugendtag nach Köln gekommen war, erinnerte an "die komplexen und oft schmerzlichen Beziehungen" zwischen Christen und Juden.

Es habe Zeiten guter Nachbarschaft gegeben, aber auch die Vertreibung der Juden aus dem katholischen Köln im Jahr 1424. "Eine wahnwitzige neuheidnische Rassenideologie" habe im 20. Jahrhundert das europäische Judentum staatlich geplant und systematisch ausgelöscht. "Weil man die Heiligkeit Gottes nicht mehr anerkannte", so der Papst, "wurde auch die Heiligkeit menschlichen Lebens mit Füßen getreten."

Huber: Pflicht zum Frieden

Heute gebe es "leider erneut Zeichen des Antisemitismus und Formen allgemeiner Fremdenfeindlichkeit", warnte der Papst. Dies sei Grund zu Sorge und Wachsamkeit. Die katholische Kirche trete ein für Toleranz, Freundschaft und Frieden unter allen Völkern, Kulturen und Religionen. Im Verhältnis zwischen Juden und Christen bleibe "noch vieles zu tun", sagte Benedikt.

Er ermutige zu einem "aufrichtigen und vertrauensvollen Dialog". Dieser werde nur bei "einer beiderseits akzeptierten Interpretation historischer Fragen" möglich sein. Unterschiede dürften nicht verwischt werden: "Auch und gerade in dem, was uns auf Grund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung voneinander unterscheidet, müssen wir uns gegenseitig respektieren und lieben."

"Tief beeindruckt" zeigte sich Zentralrats-Präsident Spiegel von der Rede Benedikts. Der Papst habe die "gemeinsamen Wurzeln" beider Religionen in den Mittelpunkt gestellt. Dabei sei er "authentisch und glaubwürdig" gewesen, habe sich "unmissverständlich zu den Naziverbrechen geäußert" und "nichts ausgelassen", sagte Spiegel.

Auf die jüngsten Verstimmungen zwischen Israels Regierung und dem Vatikan wegen dessen Haltung zum anti-israelischen Terror ging der Papst in seiner Rede nicht ein. Nach den blutigen Bombenanschlägen in London hatte der Heilige Vater in seinem Sonntagsgebet den Terrorismus in England, Ägypten, der Türkei und Iran verurteilt, Terrorattacken gegen Israel aber unerwähnt gelassen.

Abraham Lehrer vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Köln erklärte anschließend, dieser Konflikt müsse zwischen dem Vatikan und Israel "hinter den Kulissen beigelegt" werden. Allerdings koche diese Auseinandersetzung nach seinem Eindruck derzeit "nicht mehr auf heißem Herd". Dafür spreche, dass unter den 500Gästen in der Kölner Synagoge auch der israelische Botschafter in Berlin, Shimon Stein, gewesen sei.

Vor dem Besuch der Kölner Synagoge hatte der Papst Bundespräsident Horst Köhler in Bonn zu einem einstündigen Gespräch getroffen. Zentrales Thema sei die Frage gewesen, "wie wir es schaffen, die deutsche Gesellschaft zusammenzuhalten und was die Kirche dazu beitragen kann", erklärte Köhler.

Ein zentrales Anliegen des Papstes bei seinem Deutschland-Besuch ist der Dialog mit anderen religiösen Gemeinschaften. Am Freitagabend kam der Papst in Köln mit Vertretern anderer christlicher Kirchen zusammen. Für diesen Samstag war ein Treffen mit Mitgliedern muslimischer Organisationen geplant.

In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung schrieb der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, alle Religionen müssten "an der Pflicht zum Frieden Anteil haben und ihre öffentliche Wirksamkeit daran messen lassen". Huber mahnte zu "ökumenischer Gemeinsamkeit". Das Bemühen darum bezeichnete er als Verpflichtung.

© SZ vom 20.08.2005
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