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Papst auf Flüchtlingsinsel Lampedusa:Franziskus, der Gewissenserwecker

Papst Franziskus setzt mit seiner ersten Reise ein Zeichen der Solidarität. In den umjubelten vier Stunden, die er bei den Flüchtlingen von Lampedusa verbringt, muss jedes Wort, jede Geste stimmen. Da wird auch ein neues Boot aus Afrika kurzerhand umgeleitet.

Von Andrea Bachstein, Rom

An diesem Morgen waren es 166 Menschen, die auf dem kleinen Eiland zwischen Europa und Afrika an Land gingen. Sie stiegen aus den rettenden Schiffen der italienischen Küstenwache und Finanzpolizei nur ein paar Stunden vor dem großen Besuch, bei dem sich dann alles um Menschen wie sie dreht: Bootsflüchtlinge, Migranten, Asylsuchende. Papst Franziskus begegnet am Montag 50 von ihnen, die schon einige Tage vorher übers Meer gekommen sind, im Hafen von Lampedusa, wo bereits Aberzehntausende ihren Fuß auf europäischen Boden gesetzt haben. Seine allererste Reise hat der Papst genau hierher machen wollen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen - mit den Migranten, und mit denen die sie aufnehmen.

Und natürlich setzt der Papst so auch ein Signal an die Politik. "Lampedusa soll ein Leuchtturm für die ganze Welt sein", sagt Franziskus, "damit sie die aufnimmt, die ein besseres Leben suchen." Die Fischer- und Ferien-Insel ist längst Symbol für die Flüchtlingsfrage in Europa, seit dort vor 21 Jahren zum ersten Mal so ein Boot aus Nordafrika eingetroffen ist. Nur vier Stunden dauert der Besuch von Franziskus. Jedes Wort, jede Geste und jedes Bild muss stimmen.

Nach der Ankunft am Flughafen steigt der Papst auf ein Boot der Küstenwache, das seine weißgelbe Flagge neben der italienische Tricolore wehen lässt. Eine Flotte von mehr als 100 Fischerbooten und Yachten folgt dem grauen Militärschiff. Ein Skipper hat auf sein Segel geschrieben: "Wir danken dir, dass du gekommen bist, Papst".

Chrysanthemen für die Ertrunkenen

Nur Franziskus, seine kleine Entourage und ein paar Marineoffiziere sind an Deck, als das Militärboot stoppt. Einen Kranz aus weißen und gelben Chrysanthemen wirft der Papst ins blaue Wasser, betet für die Toten. Für jene, die auf ihrer Reise über das Mittelmeer ertrunken, verdurstet, der Unterkühlung oder Infektionen erlegen sind. Um die 6000 Menschen sollen es nach Schätzungen seit dem Jahr 1994 gewesen sein.

Doch an diesem Tag herrscht auf der Insel vor allem eine feierliche Stimmung, zum ersten Mal überhaupt kommt ein Papst nach Lampedusa. Inselpfarrer Don Stefano, unermüdlich im Einsatz für seine Gemeinde und die Flüchtlinge, hat schon 2011 einen Brief an Papst Benedikt geschrieben, er möge doch kommen. Es war das Jahr, als Lampedusa kurz vor einer Revolte stand. Sie konnten nicht mehr, die etwa 4500 Einwohner. Der arabische Frühling setzte Nordafrika in Bewegung, in Libyen herrschte Krieg, 60.000 Migranten kamen nach Italien. Lampedusa war der Hauptanlaufpunkt, die italienische Regierung ließ die Lage dort sich unerträglich zuspitzen. So dramatisch ist es bei Weitem nicht mehr, aber immer noch 13.000 Bootsflüchtlinge erreichten Italien im vergangenen Jahr. Wenn es so weitergeht, werden es in diesem Jahr gleich viele sein. Etwa 4000 sind bisher auf Lampedusa gelandet.

Jubel für den Mahner der Solidarität

Als der Papst vom Hafen zum Stadion fährt, kommt er am Schiffsfriedhof vorbei. Dort liegen bunt bemalte Fischerboote, auf denen die Flüchtlinge zusammengepfercht waren. Sie sind verziert mit Ornamenten und arabischer Schrift, fürs hohe Meer taugen diese Kähne aber nicht. Aus dem Holz solcher Boote hat der Tischler Franco Tuccio für den Papst den Messkelch und einen Hirtenstab geschnitzt für die Messe auf dem Sportplatz. Aus solchem Holz ist auch das Predigtpult, selbst der Altar steht auf einem kleinen Boot.

Das ist nicht nur Symbolik. Franziskus wollte, dass seine Reise möglichst wenig kostet, seit dem ersten Tag seines Pontifikats spricht er von der "armen Kirche". Sie haben sich daran gehalten auf Lampedusa. Man sieht dem Papst an, dass ihm das alles gefällt, die Einfachheit des Stils, ohne unnötigen Aufwand. Sein "Papamobil" ist ein 20 Jahre alter Fiat-Geländewagen, den eine Ferienhausbesitzerin ausgeliehen hat.

Der Papst dankt allen für ihre Hilfe, als er am Morgen unter der glühenden Hitze vor den Insulanern und Urlaubern spricht, die mit Fähnchen auf ihn gewartet haben. Und doch es ist ein Bußgottesdienst, den der Heilige Vater hier abhält: "Ich bin hier, um die Gewissen zu wecken", sagte er in seiner Ansprache. Nie wieder dürfe es solche Toten im Meer geben. Er erinnert an das Leiden, das Migranten auf sich nehmen, und daran, dass alle, auch er selbst, sich von Gleichgültigkeit überwältigen ließen angesichts ihres Schicksals.

"Eine Globalisierung der Gleichgültigkeit", prangert er an. Starke Worte wählt Franziskus, er bittet um Vergebung für die, die zur "Betäubung des Herzens" beigetragen haben und dafür, dass niemand Verantwortung übernehmen will für Flüchtlingsdramen. Er klagt die Menschenschmuggler an, die aus der Not der anderen Gewinn schlagen. Immer wieder unterbricht ihn die Menge mit Applaus, sie rufen "Es lebe der Papst".

Der aber bleibt streng, redet von der "Kultur des Wohlbefindens" ohne "brüderliche Solidarität". Ein Flüchtlingsboot, das vor der Ankunft von Franziskus gesichtet worden ist, hat die Küstenwache unterdessen nach Syrakus umgelenkt.

© SZ vom 09.07.2013/leja

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