Einrichtung und Dekoration:O Puschelbaum

Lesezeit: 2 min

Einrichtung und Dekoration: Mittlerweile hat sich Pampasgras auch in der Hierarchie der Weihnachtsdeko emporgearbeitet.

Mittlerweile hat sich Pampasgras auch in der Hierarchie der Weihnachtsdeko emporgearbeitet.

(Foto: mauritius images / Roman Sahaida)

Pampasgras lauert überall, wo es etwas zu dekorieren gibt. Die Hipster-Büschel gelten sogar als Weihnachtsbaum-Alternative. Über das Grauen in Beige.

Von Violetta Simon

Durch die Wohnzimmer der Instagrammer zieht sich offenbar eine subtropische Grassteppe. Zumindest würde das erklären, warum in den sozialen Medien neuerdings aus allen Ecken Pampasgras wuchert, das ja eigentlich nach Südamerika an die Ufer des Río de la Plata gehört. Ungeachtet dessen, dass die Pampa bisher eher als Synonym stand für eine Region, in der man nicht einmal tot überm Zaun hängen wollte, verkörpert das Pampasgras mittlerweile modernen Lifestyle. Kaum ein Arrangement scheint ohne Hipster-Puschel auszukommen. Selbst Vintage-Mode oder Strickpullis auf Ebay erhalten sicherheitshalber ein paar Halme als optische Beigabe.

Nach Orchideen und Kakteen, Monstera und Eukalyptus muss es jetzt also Pampasgras sein. Wo früher alte Sträuße als Trockenblumen-Arrangement durchgingen, verkünden heute die Zweige der Cortaderia selloana: Hier wohnt ein Mensch mit Geschmack! Auch wenn nicht ganz klar ist, ob gut oder schlecht. Aufgrund seiner unentschiedenen Farbe, die sich zwischen Cremeweiß, Silber und Hellbraun bewegt, kann man zumindest nicht viel falsch machen. Und das war nie wichtiger als in Zeiten wie diesen.

Pampasgras überträgt jedem Arrangement einen Instagram-tauglichen Do-it-Yourself-Anstrich. In einer bauchigen Bodenvase zwischen Rattanstuhl und Makramee-Wandbehang versprüht es lässigen Bohemian-Ethno-Lifestyle. Vor der gekalkten Ziegelmauer mit Surfboard steht es für "romantisches Beachfeeling". Und wer nicht weiß, was genau das ist, platziert das dekorative Süßgras einfach im Tonkrug auf dem Tisch und behauptet, das sei "irgendwas mit Skandi-Design".

Mit dem Fön gegen die Fusseln

Mit Skandinavien hat das südamerikanische Gras allerdings wenig zu tun. Es fühlt sich wohler im gemäßigten Klima der Pampa, wo der Wind über die Steppe streicht. Auch in unseren Vorgärten wächst es und blüht mitunter sogar bis in den Winter hinein, genau wie in jedem gut sortierten Baumarkt. Zugleich fragt man sich, was diese Pflanze in unseren Breitengraden verloren hat. Wo sie außerhalb ihrer Heimat doch nur Unsinn anstellt: Pampasgras lässt Gärten verwildern, setzt sich an Straßenrändern fest und verdrängt die einheimische Vegetation. In einigen Ländern sollen deshalb Import, Herstellung oder Verkauf der invasiven Pflanze sogar verboten werden.

In getrocknetem Zustand hingegen taugt Pampasgras bestens als Dekoration. In seiner flauschigen Harmlosigkeit bietet es einen tröstlichen Gegenpol zur pandemisch-bedrohlichen Außenwelt. Kleine Einschränkung: Vor allem in der beheizten Wohnung fusseln die Büschel und verteilen ihre Samen. Dagegen hilft ein Friseur-Trick: Man solle, heißt es in einschlägigen Blogs, das Pampasgras zunächst kopfüber ausschütteln und mit einem Fön auf niedriger Stufe in die gewünschte Form bringen. Sind die Wedel dann schön fluffy, werden sie mit Haarspray fixiert.

Wie die Weihnachtsfrisur von Rod Stewart

Das ist insofern ratsam, weil sie in der Vorweihnachtszeit einiges aushalten müssen: Derzeit werden die Büschel mit großem Eifer zu Adventskränzen verzurrt. Damit das flaumige, runde Gebilde nicht an ein verendetes Schwanenküken erinnert, empfiehlt es sich, noch ein paar andere Gräser oder Eukalyptus einzuflechten. Der Adventskranz von Cathy Hummels, in dem die Gräser natürlich auch nicht fehlen durften, hat allerdings nicht mal den ersten Advent überlebt: Er brannte ab, wie sie auf Instagram berichtete.

Inzwischen hat sich das Gewächs sogar in die Kategorie Weihnachtsbaum emporgearbeitet - in einigen Haushalten wird Pampasgras derzeit als Double der klassischen Nordmanntanne zweckentfremdet. Das Ergebnis könnte aber, wenn nicht professionell ausgeführt, eher als die Weihnachtsfrisur von Rod Stewart missverstanden werden. Nun, ein paar bunte Kugeln werden das Problem sicher lösen.

Aber keine Angst, liebe Naturschützer. Dass die Ebenen rund um den Río de la Plata bald vollständig abgegrast werden, ist kaum zu befürchten. Den Grashalmen wird es genauso ergehen, wie allen Deko-Trends: Nach ein paar Monaten schickt man sie zurück in die Pampa.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNachhaltige Mode
:Das vergeht wieder

Nachhaltig ist gut, biologisch abbaubar klingt noch besser. Deshalb setzt die Modebranche auf T-Shirts, Jeans und Laufschuhe, die auf den Komposthaufen können.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB