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Pädophilie-Skandal in Portugal:Sexorgien mit Heimkindern

Der größte Kinderschänder-Prozess seiner Geschichte erschüttert Portugal. Die Angeklagten - darunter mehrere Prominente - sollen sich an 32 Kindern und Jugendlichen aus Heimen vergangen haben.

Zwei Jahre nach der Aufdeckung des größten Pädophilie-Skandals in der Geschichte Portugals hat der Prozess gegen sieben mutmaßliche Kinderschänder begonnen.

Den Angeklagten werden sexuelle Gewalt gegen Minderjährige oder Anstiftung zur Prostitution vorgeworfen.

Unter den sieben Beschuldigten sind der populärste Showmaster des portugiesischen Fernsehens, Starmoderator Carlos Cruz, ein renommierter Ex-Botschafter, ein Prominenten-Arzt, ein ehemaliger Heimleiter und eine Hausbesitzerin.

Ein achter Angeklagter, dem anfangs ebenfalls die Schändung von Heimkindern zur Last gelegt worden war, muss sich nur noch wegen illegalen Waffenbesitzes verantworten.

Nach der Anklageschrift sollen die Beschuldigten sich jahrelang an Dutzenden von Kindern aus staatlichen Waisenheimen vergangen haben. Der Hauptangeklagte ist der frühere Hausmeister der staatlichen Heimkette "Casa Pia", Carlos Silvino, genannt "Bibi".

Heimkinder für Sexorgien

Dem 48-Jährigen werden über 600 Fälle von Kinderschändung zur Last gelegt. Zudem soll er Prominenten gegen Geld Heimkinder für Sexorgien zugeführt haben.

Starmoderator Carlos Cruz, dem Missbrauch in fünf Fällen vorgeworfen wird, wurde vor dem Gericht von Fans begrüßt. "Ich bin ein friedlicher Bürger", sagte der 63-Jährige.

Ein Opferverband forderte auf einem Flugblatt "Gerechtigkeit".Der Prozess wird aus Rücksicht auf einige Opfer unter 16 Jahren hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Der im November 2002 aufgedeckte Pädophilie-Skandal hatte unter den Portugiesen schwere Bestürzung ausgelöst und das ganze Land in eine moralische Krise gestürzt.

Unter den Beschuldigten war zunächst auch der frühere Arbeits- und Sozialminister Paulo Pedroso gewesen. Bei den Ermittlungen gegen den Politiker, die "Nummer zwei" der Sozialistischen Partei, wurde auch das Telefon des damaligen Parteichefs Eduardo Ferro Rodrigues abgehört.

Die Anklage gegen Pedroso wurde jedoch fallen gelassen. Gegen diese Entscheidung legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein, über die noch nicht entschieden wurde.

Bis auf Silvino bestreiten alle anderen Angeklagten die Vorwürfe. Der Prozess wird sich wahrscheinlich über mehrere Monate hinziehen. Mehr als 700 Zeugen sind geladen.

Dazu gehören auch 32 ehemalige Heimkinder, auf deren Aussagen die Anklage zu einem großen Teil basiert. Die Verteidigung stützt ihre Strategie darauf, die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen in Zweifel zu ziehen.

Die Verhandlungen unter dem Vorsitz der Richterin Ana Peres finden größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nach Angaben der Zeitung Jornal de Notícias drohte gleich zu Beginn des Prozesses eine mehrmonatige Unterbrechung.

Das Gericht muss nämlich entscheiden, ob die Protokolle des später abgesetzten Ermittlungsrichters Rui Teixeira anerkannt werden. Sollten sie für ungültig erklärt werden, müsste ein großer Teil der Ermittlungen neu aufgerollt werden.

Heime mit gutem Ruf

Die landesweit zehn "Casa-Pia"-Heime, in denen insgesamt etwa 4000 Kinder aus sozial schwachen Familien leben, hatten bis zum Bekanntwerden der Missbrauchsfälle einen ausgezeichneten Ruf. Nach Angaben von Sozialarbeitern zeigen derzeit mehr als hundert Heimkinder Anzeichen sexueller Misshandlung.

Die Affäre um den mutmaßlichen Ring von Pädophilen hatte in Portugal große Empörung und auch eine Debatte über die Schwächen des portugiesischen Rechtssystems ausgelöst. Zahlreiche Skandale überschatteten die Ermittlungen.

So wurden immer wieder Details aus den Prozessakten bekannt und in den Medien veröffentlicht; Kassetten mit Zeugenaussagen wurden gestohlen.

Der Generalstaatsanwaltschaft und der Untersuchungsrichter gerieten in die Kritik; ein ranghoher Polizeibeamter trat zurück. Gegen rund 50 Journalisten wurden wegen der Verletzung von Dienstgeheimnissen Ermittlungen eingeleitet.

Unterdessen begannen die Behörden in Italien und rund 60 weiteren Ländern eine groß angelegte Aktion gegen Kinderpornografie im Internet.

Wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa meldete, waren tausende Polizisten in Europa, Amerika, Asien und Afrika im Einsatz. Polizeiliche Ermittlungen in Venedig hatten die Großrazzia unter Beteiligung von Interpol und Europol ausgelöst. Bei Durchsuchungen in Italien wurden vier Verdächtige festgenommen.

© sueddeutsche.de/dpa/AFP
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