Padre Pio Heiliger Scharlatan

Weil er einen jüdischen Namen trägt und sich in ein erzkatholisches Thema vertiefte, ist Luzzatto selbst unter die Räder der Religionen gekommen und erhielt gleich nach der Veröffentlichung eines Vorabdruckes seines Buches Briefe mit antisemitischen Beleidigungen.

Doch während Italien über Padre Pio und die Säure streitet, sind Luzzattos wirklich wichtige Thesen ganz andere: Etwa die, dass der fromme Pater um 1920 offen die im Aufwind begriffene faschistische Bewegung unterstützte und sich damals "um Padre Pio herum ein klerikal-faschistisches Gemisch herausgebildet" habe.

Als Erster, so behauptet Luzzatto, habe er die Untersuchungsunterlagen zum Fall Padre Pio im Geheimarchiv des Vatikan einsehen dürfen, die die Gerüchte um einen nie offen ausgetragenen Konflikt innerhalb der katholischen Kirche bestätigen. Die "scheußlichen Attacken", wie sie der Sprecher der Pio-Gemeinde in San Giovanni Rotondo, Bruder Antonio Belpiede, nennt, fußten auf uralten, längst widerlegten Vorwürfen. Doch gibt er zu, dass jetzt in der Gemeinde aufgeregt über die Anschuldigungen diskutiert wird.

Zwischen Himmel und Erde

Im Vatikan war das offenbar schon lange der Fall. In einer von Luzzatto zitierten Notiz aus dem Juni 1960 attestiert Papst Johannes XXIII. Padre Pio ein "weitreichendes Seelen-Chaos" und vermutet einen "immensen Betrug" hinter dem Treiben des Mönchs.

Nie konnten Zweifel ausgeräumt werden, Pio habe sich an fanatischen Anhängerinnen vergangen. Wie sollte die Kirche da vorgehen? Das halbe Land betet noch heute zum Padre, den man im Vatikan offenbar für einen Betrüger hielt. Was die Kirche vor allem nicht dulden konnte, war die Existenz eines "neuen Christus", wie Luzzatto sagt.

Aber dann kam Karol Wojtyla nach Rom, der eifrigste Selig- und Heiligsprecher in der Geschichte der Päpste. Im Jahr 2002 wurde Padre Pio von Papst Johannes Paul II. unter einem riesigen Pilgeransturm in Rom heiliggesprochen. "Das war ein enormer Sieg der Volkskirche gegen die Institutionskirche", analysiert Luzzatto. Pio kam wohl zugute, dass ihm die Heilung einer polnischen Freundin Karol Wojtylas zugeschrieben wurde.

Aber warum konnte ein Phänomen wie Padre Pio entstehen? "Der Fortschritt hat den Schmerz und das Leid der Menschen nicht getilgt", antwortet Luzzatto. Das "entzauberte Jahrhundert" habe wohl einfach eine mittlere Figur zwischen Himmel und Erde, eine Art "Schmerzmittel für die Übel der Welt" nötig gehabt.