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SZ-Serie "Ein Anruf bei...":Herr Subat will nochmal ans Meer

Spätsommer an der Ostsee

Die Ostsee bei Kühlungsborn an einem warmen Spätsommertag. Unweit von hier wurde Enrico Subat in das Meer geschoben.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Seit 15 Jahren träumt Enrico Subat davon, in der Ostsee zu baden - er ist dort aufgewachsen. Nun wurde der Rollstuhlfahrer mit einer Spezialanfertigung ins Wasser geschoben.

Von Mareen Linnartz

Noch einmal das Meer spüren, die Wellen, die brechen, die Gischt, die das Gesicht benetzt, das Wasser, das die Füße umspült. Seit 15 Jahren sitzt Enrico Subat, 50, im Rollstuhl, über die Jahre wurde die Sehnsucht nach der Ostsee, in der er schon als Kind geschwommen ist, immer größer. Sie hat sich nun erfüllt: Auf einem eigens entwickelten hochseetauglichen Spezialrollstuhl mit Ballonrädern wurde er in die Ostsee bei Warnemünde geschoben.

Enrico Subat

"Ich habe angefangen, mich zu erinnern": Enrico Subat, 50, hat das erste Mal seit 15 Jahren wieder das Meer gespürt.

(Foto: Privat)

Herr Subat, erzählen Sie, Sie haben sich dem Meer genähert ...

Die Räder des Rollstuhls muss man sich vorstellen wie große Luftkissen. Es hat sich angefühlt, als wenn man auf einer Wolke fährt. Oder auf See ist. Wackelig. Wir sind damit erst über den Sandstrand. Das war schon sehr schön. Und dann ins Wasser.

Wie war es, nach so vielen Jahren wieder Meerwasser auf der Haut zu haben?

Überwältigend. Ich kann es schwer beschreiben.

Versuchen Sie's.

Ich habe in der Ferne die großen Schiffe gesehen. Es roch nach Ostsee, diese salzige Luft, man spürt das Meer ja nicht nur, sondern riecht und schmeckt es. Ich habe angefangen, mich zu erinnern.

Wie es früher war, als Sie darin noch schwimmen konnten?

Diese Erinnerungen sind nie ganz weg, die verlassen einen nicht. Aber in dem Moment waren sie sehr nahe. Ich wollte am liebsten hineinspringen und loslaufen, das Bedürfnis war sehr stark. Es hat in mir pulsiert, ich wurde unruhig: Einmal noch darin untertauchen! Gedanken kamen, auch Träume. Ich habe die Augen geschlossen, das Rauschen des Meeres gehört, die Möwen, die anderen Menschen um mich herum.

Wie weit in das Wasser sind Sie hinein?

Nicht weit, vielleicht knöcheltief. Das Wasser war frisch, nach einer Viertelstunde sind wir wieder raus, dann wurde es doch kalt.

Das heißt, an den Armen oder am Kopf wurden Sie gar nicht nass?

Doch, meine Begleiter haben mir den feuchten Sand über die Hände laufen lassen und mich angespritzt, damit ich ein wenig Gischt im Gesicht hatte. Ich hatte ein bisschen was vom Wasser, aber man möchte halt am liebsten rein in die Fluten. Am Strand haben wir noch ein Bier getrunken, dann wurde ich wieder nach Hause gefahren.

Haben Sie in der Nacht von dem Tag geträumt?

Nein, aber das hätte passieren können. Es war ein sehr schöner Tag, den ich sehr gerne wiederholen würde. Aber ich weiß natürlich, wie groß der Aufwand bei mir ist.

Wie meinen Sie das?

Außer reden und mit dem Kopf wackeln kann ich ja nichts. Ich habe schon seit meiner Jugend Multiple Sklerose. Seit 15 Jahren habe ich einen Rollstuhl, seit sechs Jahren bin ich an ihn gefesselt. Inzwischen kann ich Arme und Beine nicht mehr bewegen. Ich spüre noch alles, aber die Kraft fehlt. Es ist, als wenn Sie eine PDA, also eine Betäubungsspritze im Rückenmark, bekommen, und jemand zu Ihnen sagt: Jetzt stehen Sie mal auf und laufen los. Es geht einfach nicht.

Hochseerollstuhl

Mit einer Sonderanfertigung mit Ballonrädern können Rollstuhlfahrer nun auch ins Meerwasser geschoben werden.

(Foto: Ostsee Intensivpflege/ facebook)

Wasser hat nicht nur eine beruhigende Wirkung, sondern auch eine schmerzlindernde. Haben Sie davon etwas gemerkt?

Schmerzen in dem Sinne habe ich nicht. Und im Meer war ich nicht weit genug drinnen. Aber vor Corona bin ich manchmal in ein Schwimmbad gefahren und mit einer Liftvorrichtung ins Wasser gehoben worden. Ich habe dann immer sofort gespürt, wie ich mich entspannte. Wie sich der ganze Körper entspannte. Durch die Wellen wird der Körper sanfter durchbewegt, als es ein Mensch mit seinen Händen je könnte. Aber jetzt mit Corona geht es gerade nicht, manche Einrichtungen sind geschlossen, und ich brauche immer zwei Personen, die mich heben. Ich wiege ja auch was, an die 100 Kilo.

Aber das wäre Ihr großer Wunsch: Wieder am und im Wasser zu sein?

Ja. Am Wasser ist es schön. Und im Wasser fühle ich mich leicht.

© SZ/mkoh

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