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Haftstrafe für norwegischen Massenmörder:Es bleiben schmerzhafte Fragen

Die Entscheidung des Gerichts ist nicht nur im Sinne des Angeklagten, der von Anfang an auf seine Schuldfähigkeit gepocht hatte - und der das Urteil dann auch mit einem Lächeln entgegennahm. Die Überlebenden der Anschläge vom 22. Juli 2011 und die Angehörigen der Todesopfer hatten ebenfalls darauf gehofft, dass Breivik für zurechnungsfähig erklärt und für das verantwortlich gemacht wird, was er getan hat. In jüngsten Umfragen sprach sich auch die Mehrheit der Norweger für eine Haftstrafe aus.

Zudem hatte der Angeklagte angekündigt, in Berufung zu gehen, falls er für unzurechnungsfähig erklärt würde. Das hätte bedeutet, dass Norwegen von Januar 2013 an erneut einen langwierigen Prozess hätte ertragen müssen.

Doch nun sieht alles danach aus, dass das Urteil zur Folge hat, was sich die allermeisten erhofften: Breivik wird endlich aus der Öffentlichkeit und hinter den Mauern des Hochsicherheitsgefängnisses Ila verschwinden, für die kommenden 21 Jahre. Mindestens. Daran schließt sich die Sicherungsverwahrung an. Während dieser muss alle drei Jahre überprüft werden, ob Breivik weiterhin eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt. Ist dem so, kann die Sicherungsverwahrung immer wieder verlängert werden, theoretisch bis zu seinem Lebensende.

Gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Breiviks Taten

Bei aller Erleichterung darüber, dass der Massenmörder vermutlich den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringt: Das Urteil zwingt die norwegische Gesellschaft, sich noch intensiver mit Breivik und seinen Taten auseinanderzusetzen. Nun lassen sich seine grausamen Morde nicht mehr als die Handlungen eines Kranken abtun. Es sind vielmehr die Taten eines Islamhassers, eines rechtsextremen Terroristen, der inmitten einer Gesellschaft sozialisiert wurde, die stolz ist auf ihre Liberalität und Offenheit.

Die Versäumnisse der Behörden sind erst kürzlich im Bericht einer unabhängigen Kommission aufgezählt worden. Doch auch mögliche Versäumnisse des gesellschaftlichen Diskurses müssen diskutiert werden. Wie konnte sich Anders Breivik derart radikalisieren - bis hin zu einer Position, die, wenn auch nicht einem kranken Hirn entsprungen, so doch wahnsinnig erscheint?

© Süddeutsche.de/jobr/gba

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