Süddeutsche Zeitung

Oskar Roehler über Rainer Werner Fassbinder: "Deutschland ist ein Altersheim"

Regisseur Oskar Roehler vermisst den Mut eines Rainer Werner Fassbinder, der 70 Jahre alt geworden wäre. Ein Gespräch über den Verdruss, den ihm Filme von Wim Wenders bereiten, die furchtbare bayerische Kleinherzigkeit und die "Analphabeten" an der Filmakademie.

SZ: Wie reagieren Sie, wenn man Sie den neuen Fassbinder nennt?

Oskar Roehler: Ich bin weder homosexuell noch tot, bin also eindeutig nicht Fassbinder. Im Vergleich führe ich ein relativ langweiliges, bürgerliches Leben.

Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

Ich liebe die Deutschen nicht, jede Form von Gemeinschaft ist ein Horror für mich, und ich zündele gern ein bisschen, das schon. Aber ich habe nicht Fassbinders an die Arbeit gekoppelte Todessehnsucht, dieses Leben um jeden Preis.

Wie kommt Ihnen der deutsche Film sonst vor?

Ist mir viel zu politisch korrekt. Fassbinder erlaubte sich eine ganz andere geistige Freiheit und hat damit auch künstlerisch viel mehr gewagt.

Der deutsche Film ist doch weltberühmt: Schlöndorff, Herzog, Wenders . . .

Ich weiß nicht, wofür Herr Wenders, dieser Miniatur-Goethe, so berühmt ist. Vielleicht fehlt mir einfach das Gen für diese gediegene Ästhetik, die einen immer noch mit der "Iphigenie" quälen muss. Ich habe mich bei seinen Spielfilmen immer nur grauenhaft gelangweilt. Mit einem Freund habe ich mal im Kino während der Vorstellung einen Wenders-Film wie einen Porno synchronisiert. Das war lustig.

Und sonst?

Schauen Sie doch mal die Filmakademie an: Die werden alle mit Preisen überschüttet, dabei sind das doch alle Analphabeten. Keiner von denen liest je ein Gedicht. Die wissen nicht mal, wer Honoré de Balzac war.

Anders als Fassbinder.

Fassbinder war ein unheimlicher Leser.

Er war aber nicht nur der Außenseiter, sondern hat selber alle öffentlich-rechtlichen Preise bekommen.

Aber er hat nicht dieses Didaktische, Lehrstückhafte dieses ganze Brecht'sche Figurentheater! Er kannte die Spießer aus eigener Anschauung, diese furchtbare bayerische Kleinherzigkeit. Er nahm sich eine ganz andere Freiheit, hat seine Homosexualität noch extra ausgestellt. Als Schwuler hatte er ein besonderes Verhältnis zu Frauen, konnte sie schön anziehen und schminken, eine theatralische Raffinesse, die ihn vor anderen auszeichnet. Er war einfach weiter.

"Deutschland ist ein Altersheim"

Und was bedeutet er für Sie?

Ein Film wie "In einem Jahr mit 13 Monden" hat mich tief ergriffen. Das ist auch ein Lehrstück, aber eben nicht abstrakt, sondern zum Leben zurückgeführt. Das hat eine große Tragik, die aber stilistisch einwandfrei ist. "Die Sehnsucht der Veronika Voss" - dieses perfekte Timing! "Satansbraten" - herrlich! Fassbinder hat mindestens sechs Filme gedreht, von denen ich sofort ein Remake machen würde, wenn sie nicht so perfekt wären.

Haben Sie Fassbinder denn noch gekannt?

Ja, in seinen letzten Jahren habe ich ihn in Berlin manchmal im "Dschungel" gesehen. Die verspiegelte Sonnenbrille, die fettigen Haare, der Hut - das war der Fassbinder. Er führte das überspannte Leben vor, das Schwulsein. Die frühen Achtziger waren die Zeit der Stilisierung, und Fassbinder war ein absolutes Icon. Aber mit dieser Arroganz kommt man heute nicht durch.

Sie können es aber doch ganz gut.

Für mich hat sich die Faszination Film verbraucht. Da ist nicht mehr viel.

Und was ist beispielsweise mit dem Amerikaner Quentin Tarantino?

Ja, der hat so was Besessenes, Größenwahnsinniges, ähnlich wie Fassbinder. Aber auch das amerikanische Independent-Kino ist vorbei. Überall findet nur die totale Restauration statt. Deutschland ist ein Altersheim, geheimnislos, alles brave, liebe Köpfe. I don't fucking care.

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SZ vom 23.05.2015/ckoo
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