Oskar Roehler über Rainer Werner Fassbinder "Deutschland ist ein Altersheim"

Oskar Roehler wurde mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet (2001 für "Die Unberührbare"), doch inzwischen hat sich die Faszination Film für ihn verbraucht.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Regisseur Oskar Roehler vermisst den Mut eines Rainer Werner Fassbinder, der 70 Jahre alt geworden wäre. Ein Gespräch über den Verdruss, den ihm Filme von Wim Wenders bereiten, die furchtbare bayerische Kleinherzigkeit und die "Analphabeten" an der Filmakademie.

Von Willi Winkler

SZ: Wie reagieren Sie, wenn man Sie den neuen Fassbinder nennt?

Oskar Roehler: Ich bin weder homosexuell noch tot, bin also eindeutig nicht Fassbinder. Im Vergleich führe ich ein relativ langweiliges, bürgerliches Leben.

Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

Ich liebe die Deutschen nicht, jede Form von Gemeinschaft ist ein Horror für mich, und ich zündele gern ein bisschen, das schon. Aber ich habe nicht Fassbinders an die Arbeit gekoppelte Todessehnsucht, dieses Leben um jeden Preis.

Wie kommt Ihnen der deutsche Film sonst vor?

Ist mir viel zu politisch korrekt. Fassbinder erlaubte sich eine ganz andere geistige Freiheit und hat damit auch künstlerisch viel mehr gewagt.

Der deutsche Film ist doch weltberühmt: Schlöndorff, Herzog, Wenders . . .

Ich weiß nicht, wofür Herr Wenders, dieser Miniatur-Goethe, so berühmt ist. Vielleicht fehlt mir einfach das Gen für diese gediegene Ästhetik, die einen immer noch mit der "Iphigenie" quälen muss. Ich habe mich bei seinen Spielfilmen immer nur grauenhaft gelangweilt. Mit einem Freund habe ich mal im Kino während der Vorstellung einen Wenders-Film wie einen Porno synchronisiert. Das war lustig.

Und sonst?

Schauen Sie doch mal die Filmakademie an: Die werden alle mit Preisen überschüttet, dabei sind das doch alle Analphabeten. Keiner von denen liest je ein Gedicht. Die wissen nicht mal, wer Honoré de Balzac war.

Anders als Fassbinder.

Fassbinder war ein unheimlicher Leser.

Er war aber nicht nur der Außenseiter, sondern hat selber alle öffentlich-rechtlichen Preise bekommen.

Aber er hat nicht dieses Didaktische, Lehrstückhafte dieses ganze Brecht'sche Figurentheater! Er kannte die Spießer aus eigener Anschauung, diese furchtbare bayerische Kleinherzigkeit. Er nahm sich eine ganz andere Freiheit, hat seine Homosexualität noch extra ausgestellt. Als Schwuler hatte er ein besonderes Verhältnis zu Frauen, konnte sie schön anziehen und schminken, eine theatralische Raffinesse, die ihn vor anderen auszeichnet. Er war einfach weiter.