Oscar Pistorius vor Gericht "Sie wussten, dass Reeva hinter der Tür war"

Im Kreuzverhör setzt der Ankläger Oscar Pistorius zu: Wie konnte er nicht gewusst haben, dass seine Freundin in der Toilette war? "Sie wussten es. Und Sie haben sie erschossen." Der Angeklagte widerspricht - und Richterin Masipa unterbricht den Prozess.

Von Lena Jakat
  • War es Absicht? Die Vorsätzlichkeit unterscheidet zwischen Mord und Totschlag
  • Staatsanwalt Gerrie Nel setzt Pistorius unter Druck: Wie könne er nicht gewusst haben, dass Steenkamp hinter der Toilettentür stand?
  • Nel zieht Pistorius' Angst in Frage - und suggeriert, der Angeklagte habe einen früheren Vorfall erfunden
  • Prozess bis Montag unterbrochen

Reeva Steenkamp hinter der Toilettentür: Während der Beweisführung der Anklage sagte ein Ballistiker aus, dass Reeva Steenkamp während der vier Schüsse genug Zeit gehabt habe, zu schreien. Um ihr Leben zu schreien. Nachbarn berichteten ebenfalls von den Schreien einer Frau. Pistorius sagt, er habe keine Schreie gehört.

Nel: "Hat sie geschrien, als Sie vier Schüsse auf sie feuerten?"

Pistorius. "Nein."

Nel: "Sind Sie sicher? Sind Sie sicher? Sind Sie sicher?"

Nach einer kurzen Pause, in der er um Fassung ringt, muss sich Pistorius korrigieren. Er könne nicht ausschließen, sagt er, dass Reeva geschrien habe. "Nach dem ersten Schuss konnte ich nichts mehr hören." Nel versucht die Unglaubwürdigkeit der Situation im Bad herauszuarbeiten: Nur wenige Meter und eine Tür trennen Pistorius und seine Freundin, und er bekommt nicht mit, dass sie es ist, die er für einen Einbrecher hält. "Sie wussten, dass Reeva hinter der Tür war und Sie haben sie erschossen", donnert der Staatsanwalt. "Das ist nicht wahr", antwortet der Angeklagte. Es ist das Schlusswort für dieses Prozesstag.

Mord oder Totschlag: Nels Fragen konzentrieren sich auf das Tatmerkmal, das die tödlichen Schüsse nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zum Mord macht - die Absicht. Pistorius habe sich mit gezückter Waffe ins Badezimmer vorgetastet, hält Nel dem Angeklagten vor: "Sie wollten schießen." Damit will der Staatsanwalt deutlich machen, dass sich der Angeklagte des Mordes schuldig gemacht hat - selbst, falls seine Variante eines Unfalls wahr sein sollte. Für diese Absichts-Hypothese führt Nel diverse Argumente an: Pistorius habe sich auf die Gefahr zubewegt, statt zu fliehen. Außerdem zeuge es von einem "seltsamen Instinkt", dass er nicht zuallererst nach Reeva gesehen, sondern sofort an seine Waffe gedacht habe. Pistorius beteuert immer wieder, dass er niemanden umbringen wollte. "Sich für eine Konfrontation bereit zu machen, ist etwas völlig anderes, als jemanden erschießen zu wollen", sagt Pistorius. "Ich wollte niemanden töten."

Im Dunkel des Schlafzimmers: Staatsanwalt Nel widmet sich einmal mehr den entscheidenden Momenten der Tatnacht (Pistorius' Version der Ereignisse finden Sie hier). Was genau sagte der Angeklagte angeblich zu Reeva Steenkamp, die er im Bett vermutete? Er habe Reeva nicht gefragt, ob sie das Geräusch ebenfalls gehört habe, sagt Nel zu Pistorius. Warum nicht?, will der Ankläger provokant wissen. Sie sei doch wach gewesen. "Eine vernünftige Person" hätte vor allem anderen sichergestellt, dass es dem Partner im Bett gutgehe, argumentiert Nel. Pistorius dagegen habe nicht einmal auf eine Antwort von Steenkamp gewartet. Mit seinen Fragen versucht Nel, die fehlende Plausibilität von Pistorius' Schilderung deutlich zu machen. In seinen Fragen schwingt aber auch die Anspielung mit, dass Pistorius sich nicht wie ein rücksichtsvoller, liebender Partner verhalten habe.

Richterin gewährt Pistorius eine Pause: "Ich habe einen Menschen verloren, der mir lieb war", sagt der Angeklagte mit bebender Stimme. "Ich weiß nicht, wie Leute das nicht verstehen können." Pistorius beginnt zu schluchzen. Die detaillierten, wiederholten Nachfragen von Ankläger Gerrie Nel nach der exakten Position der Ventilatoren am Tatort und danach, wo und wie der Angeklagte seine Prothesen angelegt haben will, setzen dem 27-Jährigen offensichtlich zu. "Er ist aufgewühlt, ganz klar", stellt Nel trocken fest. Richterin Masipa sieht das auch so - und unterbricht erneut den Prozess.

Richterin ermahnt Staatsanwalt: Richterin Thokozile Masipa meldet sich selten zu Wort, und wenn sie es tut, haben ihre Äußerungen umso mehr Gewicht. So auch, als sie Staatsanwalt Gerrie Nel ermahnt, "auf seine Wortwahl" zu achten: "Man bezeichnet einen Angeklagten nicht als Lügner, solange er im Zeugenstand ist."

Früherer Zwischenfall erfunden? Pistorius hat einen Vorfall geschildert, der sich vor einigen Jahren auf einer Autobahn ereignete. Damals habe er in einem vorbeifahrenden Wagen das Mündungsfeuer einer Schusswaffe gesehen, sagt der Paralympics-Athlet, dessen Angst vor Gewalt und Einbrechern eine zentrale Rolle im Prozess spielt. Es war nach seinen Angaben die einzige Gelegenheit, bei der er sich konkret von einer Waffe bedroht sah. Als Nel nach Details dieses Vorfalls fragt, sagt Pistorius bei einigen, er könne sich nicht erinnern. "Sie können sich nicht erinnern", kommentiert Nel, "weil es nie passiert ist."

Staatsanwalt Gerrie Nel stellt Pistorius' Angst in Frage: Zu Beginn der Woche schilderte Pistorius, wie er in panischer Angst vor einem mutmaßlichen Einbrecher geschossen habe. Dieser mutmaßlichen Angst widmet sich Ankläger Gerrie Nel mit chirurgischer Präzision: In Pistorius' Haus im Hochsicherheits-Wohnkomplex Silver Woods wurde nie eingebrochen, richtig? Er habe seine Autos stets bedenkenlos draußen geparkt, richtig? Er habe einige Zeit verstreichen lassen, um ein kaputtes Fenster im Erdgeschoss reparieren zu lassen, richtig?

Die ersten vier Tage im Zeugenstand: Am ersten Tag berichtet der 27-Jährige, wie oft er in der Vergangenheit Opfer und Zeuge von Gewaltverbrechen wurde; außerdem gibt er einen Einblick in seine Kindheit. Pistorius' zweiter Tag im Zeugenstand geht hochemotional zu Ende; als er schildert, wie er sich über die blutende Reeva beugte, beginnt er laut zu weinen. Nachdem er zwei Tage lang recht frei seine Version der Tatnacht erzählen durfte, nimmt Staatsanwalt Gerrie Nel den Sportler am dritten Tag im Zeugenstand ins Kreuzverhör. Thematisiert wird auch ein Video, das Pistorius bei Schießübungen zeigt. Um Pistorius' Beziehung zu Reeva Steenkamp, einen Streit auf einer Verlobungsparty, Schüsse im Restaurant und den Zustand des Tatorts geht es am vierten Tag, an dem der Angeklagte im Zeugenstand ist.

Oscar Pistorius "Der Moment, der alles veränderte"
Oscar Pistorius' Version der Tatnacht

"Der Moment, der alles veränderte"

Als er erwacht, ist es heiß im Zimmer, Reeva Steenkamp liegt ebenfalls wach. Er holt die Ventilatoren vom Balkon herein, dann hört er ein Geräusch. So schilderte Oscar Pistorius im Prozess die Ereignisse der Tatnacht.

Aussage nicht gefilmt: Pistorius macht von seinem Recht Gebrauch, während seiner Aussage nicht gefilmt zu werden. Der Livestream, der zum Beispiel beim US-Nachrichtensender CNN verfolgt werden kann, schwenkt durch den vollen Gerichtssaal, zeigt Richterin Thokozile Masipa, Verteidiger Barry Roux und vor allem Staatsanwalt Gerrie Nel. Unter den Zuhörern befinden sich unter anderem die Mutter Reeva Steenkamps. Sie äußerte sich am Donnerstag erstmals seit Beginn des Verfahrens und sagte über den Angeklagten: "Ich bin davon besessen, ihn jeden Tag im Gericht anzuschauen. Ich schaue, wie er sich verhält, wie er mit dem Druck umgeht, wie er reagiert. Ich kann es nicht erklären, aber ich muss ihn anschauen, die ganze Zeit", zitiert der britische Guardian die 67-jährige June Steenkamp. Außerdem sind stets die Geschwister des Angeklagten mit im Saal. Oscar Pistorius ist lediglich zu hören. Journalisten berichten aus dem Gerichtssaal, dass der Sportler bei seiner Aussage den Blickkontakt mit Staatsanwalt Nel vermeidet. Nel stellt die Fragen, Pistorius wendet sich bei seinen Antworten an Richterin Thokozile Masipa, sagt vor jedem Satz "Mylady".

Zweifel der Staatsanwaltschaft: Aus Pistorius' Schilderungen, ergeben sich für die Staatsanwaltschaft einige Fragen. Warum zum Beispiel sollte Steenkamp nicht geantwortet haben, als Pistorius rief, der vermeintliche Einbrecher solle sein Haus verlassen? Warum sagen mehrere Zeugen, sie hätten einen Streit gehört - obwohl Pistorius beteuert, es habe keinen Streit gegeben? Die wichtigsten Fragen, denen sich der Angeklagte stellen muss, finden Sie hier.

Weiterführende Links:

Was geschah in der Nacht von Reeva Steenkamps Tod? Der südafrikanische Sender Eyewitness News hat Pistorius' Version der Tatnacht als Grafik aufbereitet.

Wessen Aussage entlastet Pistorius? Wer belastet ihn? Alle bisherigen Zeugenaussagen haben wir hier für Sie zusammengefasst und bewertet.

Richter, Anwälte, Ankläger: Die wichtigsten Personen und Fakten zum Prozess.

"Ende einer Ikone": Porträt eines einst umjubelten Athleten.