Süddeutsche Zeitung

Oscar Pistorius im Kreuzverhör:Geschossen ohne nachzudenken

Oscar Pistorius muss seine Aussage beim Mordprozess in Pretoria mehrfach unterbrechen. Der Staatsanwalt treibt ihn immer weiter in die Enge: Warum feuerte der Sportler keinen Warnschuss ab? Warum merkte er nicht, dass es seine Freundin Reeva Steenkamp war, auf die er schoss?

  • Oscar Pistorius steht den sechsten Tag im Zeugenstand
  • Staatsanwalt Gerrie Nel befragt den Angeklagten erneut zu der Nacht, in der Reeva Steenkamp starb
  • Nel weist auf Ungereimtheiten in Pistorius' Aussage hin
  • Der Angeklagte weint viel, muss seine Aussage wiederholt unterbrechen

"Ich realisierte, dass es Reeva sein könnte": Oscar Pistorius schildert im Kreuzverhör den Moment, in dem ihm zum ersten Mal der Gedanke kam, seine Freundin Reeva könnte sich in der Toilettenkabine befinden, auf die er soeben vier Schüsse abgefeuert hatte. "Als ich erkannte, dass die Tür verschlossen war, realisierte ich, dass es Reeva sein könnte", sagt der Angeklagte. Für Staatsanwalt Nel kommt diese Erkenntnis ein wenig plötzlich:

Zwei Versionen, zahlreiche Argumente: Es ist der sechste Tag, den Oscar Pistorius im Zeugenstand verbringt. Der 27-Jährige beteuert, er habe Steenkamp versehentlich getötet, weil er sie für einen Einbrecher hielt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die tödlichen Schüsse Absicht waren und damit Mord. Die wichtigsten Aspekte, in denen sich beide Seiten widersprechen, haben wir hier zusammengestellt.

Streit um Details: Der Antrag, den Pistorius' Anwälte 2013 vorlegten, um den Sportler auf Kaution freizubekommen, war Prozessbeobachtern zufolge ungewöhnlich lang (CNN hat die eidesstattliche Versicherung im Wortlaut auf Englisch). Strafverfolger Gerrie Nel nutzt nun Details aus dem Dokument, um Widersprüche in Pistorius' Version der Tatnacht deutlich zu machen. Es geht unter anderem um das Geräusch aus dem Badezimmer, das den Sportler laut eigener Aussage vermuten ließ, ein Einbrecher sei im Haus: Hörte Pistorius nur ein undefiniertes Geräusch, oder hörte er konkret, wie das Badezimmerfenster geöffnet wurde? "Flüsterte" er seiner Freundin zu, sie solle sich in Sicherheit bringen oder sprach er nur "mit leiser Stimme"? Und warum wunderte er sich nicht, als er keine Antwort bekam? Nel stützt sich in seiner Befragung auf viele kleine, widersprüchliche Details - und versucht dadurch einen Gesamteindruck zu schaffen: Den Eindruck, dass Pistorius' gesamte Aussage eine Lüge ist.

Emotionaler Angeklagter: Pistorius spricht während der Befragung mit brüchiger Stimme. Er wirkt verunsichert, wittert - zurecht - hinter jeder Frage des Staatsanwalts eine Falle. An manche Details kann er sich erstaunlich gut erinnern, an andere erstaunlich schlecht. "Ich bin mir nicht sicher" ist sein häufigster Satz. Nel geht ihn deshalb hart an: "Ich bin mir nicht sicher" sei keine Antwort. Als Nel ihm vorwirft, er habe absichtlich auf seine Freundin geschossen, bricht Pistorius zusammen, steht vornübergebeugt und schluchzt. "Ich habe nicht auf Reeva geschossen". Die Befragung wird unterbrochen, der Angeklagte verlässt gemeinsam mit seinem Psychologen für eine Viertelstunde den Gerichtssaal.

Gefeuert, ohne nachzudenken: Auch als Staatsanwalt Nel Pistorius bittet, zu wiederholen, was er den vermeintlichen Einbrechern entgegenschrie, wird der Angeklagte emotional: "Get the fuck out of my house", schreit Pistorius durch den Gerichtssaal. Später fragt Nel, wohin der Einbrecher denn hätte gehen sollen - aus dem Toilettenfenster wäre er zwei Stockwerke nach unten gefallen. Er habe in dem Moment nicht nachgedacht, sagt Pistorius. "Sie haben geschossen ohne nachzudenken?", fragt Nel. Es hätte ein unbewaffneter Einbrecher sein können, ein Kind, oder eben seine Freundin. Pistorius habe dem Menschen in der Toilettenkabine keine Chance gegeben, sondern einfach geschossen. "Das stimmt, My Lady", antwortet Pistorius. Warum er keinen Warnschuss abgegeben hat, kann er nicht erklären.

Die ersten fünf Tage im Zeugenstand:

  • Zunächst wird Pistorius von seinem Verteidiger, Barry Roux, befragt. Am ersten Tag berichtet er, wie oft er in der Vergangenheit Opfer und Zeuge von Gewaltverbrechen wurde. Die Aussage soll belegen, dass sich Pistorius nicht ohne Grund vor einem möglichen Einbrecher in seinem Haus fürchtete.
  • Der zweite Tag des 27-Jährigen im Zeugenstand geht hochemotional zu Ende; Pistorius schildert seine Beziehung zu Reeva Steenkamp und den Abend, an dem er seine Freundin erschoss - aus Versehen, wie er betont. Als er zu dem Moment kommt, in dem er sich über die blutende Reeva beugte, beginnt er laut zu weinen.
  • Nachdem der Sportler bislang recht frei seine Version der Tatnacht erzählen durfte, wird er am dritten Tag von Staatsanwalt Gerrie Nel ins Kreuzverhör genommen. Thematisiert wird auch ein Video, das Pistorius bei Schießübungen zeigt.
  • Um Pistorius' Beziehung zu Reeva Steenkamp, einen Streit auf einer Verlobungsparty, Schüsse im Restaurant und den Tatort geht es am vierten Tag des Angeklagten im Zeugenstand.
  • Am fünften Tag geht Staatsanwalt Gerrie Nel Pistorius aggressiv an: Wie konnte er nicht gewusst haben, dass seine Freundin in der Toilette war? "Sie wussten es. Und Sie haben sie erschossen." Der Angeklagte widerspricht - und Richterin Thokozile Masipa unterbricht den Prozess.

Weiterführende Links:

Was geschah in der Nacht von Reeva Steenkamps Tod? Der südafrikanische Sender Eyewitness News hat Pistorius' Version der Tatnacht als Grafik aufbereitet.

Wessen Aussage entlastet Pistorius? Wer belastet ihn? Alle bisherigen Zeugenaussagen haben wir hier für Sie zusammengefasst und bewertet.

Richter, Anwälte, Ankläger: Die wichtigsten Personen und Fakten zum Prozess.

"Ende einer Ikone": Porträt eines einst umjubelten Athleten.

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