Süddeutsche Zeitung

Orkan über Norddeutschland:Wie "Xaver" in der Nacht getobt hat

Scheitel der Sturmflut erreicht ostfriesische Inseln +++ Bundesliga-Spiel gefährdet +++ Verletzte in Niedersachsen +++ Amtliche Gefahrenmeldung der Hamburger Innenbehörde: Hochwasser 6,10 Meter über Normalnull +++ Windstärke zwölf auf Helgoland, Sylt und in Kiel +++ Tote und Vermisste in Großbritannien, Dänemark und Schweden +++ Massive Behinderungen im Schiffs-, Bahn- und Flugverkehr

Das Orkantief Xaver ist einer der schwersten Stürme der vergangenen Jahre: Der Orkan hat den Norden mit aller Wucht getroffen - aber bislang eher kleinere Schäden angerichtet. Seine Auswirkungen bleiben bis Freitagmorgen verglichen mit dem Oktober-Orkan Christian deutlich geringer. Die Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes gilt weiterhin, der Höhepunkt des Sturms wird in Hamburg für Freitagmorgen erwartet. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

+++ Wie der Orkan auf die Küsten trifft +++

  • Der Scheitel einer ersten Sturmflut durch Orkantief "Xaver" erreichte am frühen Freitagmorgen die ostfriesischen Inseln. Der Höchststand bei Norderney wurde um kurz nach 1 Uhr überschritten. "Es sind bisher keine größeren Schäden aufgetreten", sagte ein leitender Feuerwehrmann auf der Insel. Über den genauen Wasserstand konnten zunächst keine Angaben gemacht werden. Zuvor war ein Stand von 2,75 Metern über dem normalen mittleren Tidehochwasser prognostiziert worden.
  • Schäden und Verletzte im Norden: Bei Hannover wurde ein Kleinbus mit behinderten Schülern von einer starken Böe erfasst und in den Gegenverkehr gedrückt. Dabei wurde ein 68-Jähriger schwer verletzt, sechs weitere Menschen leicht. Ein weiterer Mann wurde schwer verletzt, als ein Auto durch eine Windböe in den Gegenverkehr gedrückt wurde. In Elmshorn bei Hamburg prallte eine Regionalbahn an einem Bahnübergang gegen einen umgestürzten Baum. Der Zugführer wurde leicht verletzt. Ein Zug der Hamburger Hochbahn fuhr gegen einen umgestürzten Baum und entgleiste. In Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern deckte Xaver das Dach eines Supermarktes ab.
  • Größere Schäden in Cuxhaven: Cuxhaven überstand am frühen Freitagmorgen eine von Orkantief Xaver verursachte Sturmflut. "Der Wasserspiegel ist gefallen", sagte Oberbürgermeister Ulrich Getsch (parteilos). Die Prognose für die Stadt lag bei mehr als drei Metern über dem mittleren Tidehochwasser. Wegen der Gefahr eines Wassereinbruchs mussten acht Menschen in Sicherheit gebracht werden. Als Notunterkunft stand eine Grundschule zur Verfügung. Der heftige Sturm deckte das 150 Quadratmeter große Dach eines Hochhauses komplett ab. Auch die Dächer von Fischereihallen wurden heruntergerissen. Verletzt wurde niemand.
  • Die Bremer Polizei warnte die Menschen in einigen Gebieten entlang der betroffenen Abschnitte der Weser und empfahl ihnen, ihre Häuser zu verlassen. Beamte suchten die Menschen auf, um sie auf die drohenden Gefahren hinzuweisen. Wie viele Menschen betroffen sein könnten, sei unklar. Bei den Gebieten handele es sich um Industriegelände, Nutzflächen und auch Kleingartenkolonien.
  • Xaver wird immer stärker: Am Donnerstagmorgen lag das Zentrum des Tiefs noch bei den Shetland-Inseln nordöstlich von Schottland. Ab Nachmittag erreichte Xaver dann die deutsche Nordseeküste. Mit 144 Kilometern pro Stunde auf Spiekeroog hat Xaver am Abend einen vorläufigen Spitzenwert an der Nordseeküste erreicht. Der Strömungsfilm zeigt den Weg, den Xaver in den kommenden Stunden voraussichtlich nehmen wird.
  • Bis Freitagvormittag kann es extreme Böen geben: Die Unwetterwarnung gilt zunächst bis Freitag um 10 Uhr. An der Nordsee sind weiterhin extreme Orkanböen mit mehr als 140 Stundenkilometern aus Nordwest zu erwarten. Im Binnenland sowie in Hamburg rechnet der Wetterdienst mit orkanartigen Böen um 110 Stundenkilometer. In exponierten Lagen der Hansestadt werden Orkanböen um 120 Stundenkilometer erwartet. Auf dem höchsten Berg Norddeutschlands, dem Brocken im Harz, hat Xaver eine Spitzengeschwindigkeit von 155 Stundenkilometern erreicht. "Das ist nichts Besonderes für unsere Verhältnisse", hieß es jedoch bei der Wetterstation auf dem Berg.
  • Knapp 190 Einsätze von Polizei und Feuerwehr hat Xaver in Schleswig-Holstein bis zum Donnerstagabend ausgelöst. "Die Lage ist entgegen der ersten Annahme relativ ruhig, die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten", teilt die Polizei mit. Bis auf den vermutlich durch Blitzeinschlag verursachten Brand eines Reetdachhauses in Thaden (Kreis Rendsburg-Eckernförde) gab es sturmbedingte Schäden durch umgestürzte Bäume, Verkehrszeichen und Bauzäune sowie herumfliegende Gegenstände.
  • Halligen sind überflutet: Eine weitere, noch heftigere Sturmflut mit Orkanböen hat den nordfriesischen Halligen in der Nacht zum Freitag zugesetzt. Die größte Hallig Langeneß und die benachbarte Hallig Hooge stehen seit Donnerstagnachmittag unter Wasser. Die Warften, künstliche Erdhügel, auf denen alle Häuser auf den Halligen gebaut sind, ragten aber noch knapp aus dem Wasser. Der Hochwasserstand Pegel Hooge lag noch einmal 25 Zentimeter höher als am Donnerstagnachmittag. Das Hochwasser erreichte gegen 3.30 Uhr seinen Höchstwert von etwa 2,55 Meter über dem mittleren Hochwasser - danach Tendenz fallend. Auf Langeneß hielten an der besonders gefährdeten Nordwestspitze manche Warften der schweren Sturmflut und dem Orkan Xaver nur knapp stand. Am Hotel "Anker's Hörn" spritzten Nordseewellen fast bis auf den Rand der 5,30 Meter hohen Warft. Die meisten anderen Warften auf Langeneß sind ein wenig höher.
  • Erste Sturmflut ohne größere Schäden: In Nordfriesland haben die Deiche der ersten Sturmflut von Xaver standgehalten. "Bisher wurden uns keine größeren Schäden gemeldet", sagte der Direktor des Landesbetriebs für Küstenschutz in Schleswig-Holstein, Johannes Oelerich. Lediglich kleinere Schäden an den Deichen seien aufgetreten.
  • Orkan soll mehr als 36 Stunden über Norddeutschland toben: Normalerweise ziehen Stürme in sechs bis neun Stunden vorüber - anders bei Xaver. Er dürfte mindestens 36 Stunden über Norddeutschland wehen. Deshalb werden an der nordfriesischen Küste und in Hamburg aller Voraussicht nach drei Sturmfluten auflaufen.

+++ Hamburg bereitet sich auf das Wasser vor +++

  • Notfallprogramm läuft: Aus der Stadt werden erste Unfälle gemeldet, etwa aus Eimsbüttel, wo eine dicke Eiche auf ein fahrendes Auto krachte, der Fahrer blieb jedoch unverletzt. Im Hafen laufen die Vorbereitungen: Die Behörden haben Windstärke sieben gemessen, damit dürfen Lastschiffe, die länger als 330 Meter oder breiter als 45 Meter sind, nicht mehr auslaufen. Auch der St. Pauli-Elbtunnel ist für die Nacht von Donnerstag auf Freitag gesperrt.
  • Pegel bis 6,10 Meter: In der Stadt gilt eine amtliche Gefahrenmeldung vor einer "sehr schweren Sturmflut" am Freitagmorgen. Das Hochwasser soll gegen 6.30 Uhr mit etwa 6,10 Metern über Normalnull am Pegel im Stadtteil St. Pauli eintreten, wie die Hamburger Innenbehörde mitteilte. Weite Teile des Hafens wurden am frühen Morgen gesperrt, Menschen mussten die tiefer gelegenen Gebiete entlang der Elbe verlassen. Die Auswirkungen des Sturms blieben bis zum Freitagmorgen trotz aller Befürchtungen verglichen mit dem Oktober-Orkan "Christian" deutlich geringer. Die Einsatzkräfte wurden weniger häufig angefordert, um umgeknickte Bäume zu räumen und um Bauzäune sowie Dächer zu sichern. In der Stadt rückte die Feuerwehr bis zum Abend rund 300 Mal aus. Dagegen war sie beim Oktober-Orkan schon an einem Tag allein knapp 2000 Mal im Einsatz.
  • Der Hamburger Flughafen hat die Abfertigung von Flugzeugen wegen Xaver eingestellt. Ab Donnerstagnachmittag war die Betankung und das Entladen von Maschinen nicht mehr möglich. Bis zum Abend wurden fast alle Starts und Landungen gestrichen. Flughafenmitarbeiter schoben geparkte Kleinflieger zur Sicherheit in Hallen und befestigten lose Container. Für den Freitag kündigte der Flughafen weitere Ausfälle an.
  • Erinnerungen an 1962: Damals traf Hamburg eine verheerende Sturmflut. Drei Tage wütete der Sturm, der Stadtteil Wilhelmsburg wurde zu großen Teilen überflutet, Innensenator Helmut Schmidt rief die Bundeswehr um Hilfe, mehr als 300 Menschen starben. Xaver erinnert die Hamburger an 1962. Doch obwohl die Parallelen mit dem Sturm von damals frappierend sind, bleiben die Behörden gelassen: "Wetterlage und Windstärke sind tatsächlich ähnlich", sagte ein Sprecher des Hamburger Katastrophenschutzes zu Süddeutsche.de. Trotzdem sei die Lage nicht vergleichbar, weil die Sturmflut nicht so hoch ausfallen dürfte. 1962 gab es 5,70 Meter über Normalnull. Doch inzwischen seien die Deiche höher. "Erst ab 7,30 Meter über Normalnull bekommen wir wirklich ein Problem mit der Flut." Vorsorglich habe man zwar eine Sturmflutwarnung herausgegeben, aber schlimmer als das Wasser sei ohnehin der starke Wind. Von den durch die Luft fliegenden Gegenständen gehe eine hohe Verletzungsgefahr aus.
  • Schüler und Studenten werden nach Hause geschickt: In ganz Schleswig-Holstein fällt am Freitag die Schule aus. Auch in Berlin wurde die Schulpflicht aufgehoben. Die Eltern können selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken.
  • Adventsempfang abgesagt: Die Nordkirche sagte wegen Xaver am Donnerstag ihren traditionellen Adventsempfang mit Gästen aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kirchen ab. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs: "Ich bedauere die Absage des Adventsempfanges sehr, möchte aber nicht, dass Menschen auf dem Weg zu Schaden kommen."
  • Bundesliga-Spiel zwischen München und Bremen droht auszufallen: Auch zwei Fußball-Bundesligisten wurden vom Sturm tangiert. Der Hamburger SV und Werder Bremen mussten ihre Trainingseinheiten verschieben. Möglicherweise muss dem Weser Kurier zufolge sogar das Bundesliga-Spiel zwischen Bremen und dem FC Bayern München abgesagt werden. Das Weserstadion selbst liegt im Überflutungsgebiet, geschützt nur durch den vorgelagerten Sommerdeich. Sollte das Wasser in der Nacht über diesen Deich geflossen sein, könne das Spiel nicht stattfinden, sagte Werders Mediendirektor Tino Polster.
  • Massive Behinderungen im Schiffs-, Bahn-, Flug- und Straßenverkehr: An der Nordseeküste blieben Fähren in den Häfen, die Deutsche Bahn hat zahlreiche Verbindungen in Schleswig-Holstein eingestellt und auf dem Hamburger Flughafen fielen Dutzende Flüge aus. Eine Übersicht über alle Einschränkungen sowie weitere Informationen finden Sie hier.
  • In Berlin und Brandenburg muss im morgendlichen Berufsverkehr mit Glätte und etwas Schnee gerechnet werden. Der Deutsche Wetterdienst gab eine entsprechende Warnung heraus, die vorerst bis Freitag um 10 Uhr gilt. In der Nacht könnten zudem orkanartige Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 115 Stundenkilometern über die Region hinwegfegen. Der Orkan hatte am Donnerstagnachmittag Berlin erreicht und für erste kleinere Schäden gesorgt. Die Lage war aber weit weniger dramatisch als befürchtet. Die Feuerwehr rückte bis zum späten Abend in der Hauptstadt zu etwa 70 Einsätzen aus - dabei mussten die Feuerwehrleute sich etwa um umgestürzte Bäume oder lose Bauteile kümmern. Verletzt wurde den Angaben zufolge niemand.

+++ Erste Störungen und Schäden in Nordrhein-Westfalen +++

  • In Nordrhein-Westfalen hat Xaver vor allem im Zugverkehr für erhebliche Störungen gesorgt. Weil Blitze in Oberleitungen einschlugen und Bäume auf Gleise stürtzten, mussten die Bahnstrecken Dortmund - Münster, Dortmund - Hamm und Unna - Soest für den Regional- und Fernverkehr gesperrt werden. Auch der Bahnverkehr in Richtung Niederlande war zeitweise wegen einer Sperrung bei Oberhausen gestört.
  • In der Nacht sollte die Schneefallgrenze bis in die Tallagen sinken. Oberhalb von etwa 200 Metern könnte der Schnee liegen bleiben. Am Freitagmorgen werde es vor allem im äußersten Nordosten von NRW noch stürmisch sein, teilte der Deutsche Wetterdienst mit.

Seinen Namen hat Xaver vom Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin bekommen, das Namenspatenschaften für Hochs und Tiefs vergibt. In diesem Jahr trägt jedes Tief einen männlichen Namen, jedes Hoch einen weiblichen. Doch nicht nur in Deutschland peitscht Xaver über die Küsten, auch in anderen Ländern tobt der Sturm - allerdings teilweise unter anderem Namen.

  • In Schottland hat es das erste Todesopfer gegeben: Ein Lastwagenfahrer ist ums Leben gekommen, nachdem ein Windstoß sein Fahrzeug erfasst und umgekippt hat. Vier Menschen sind nach Polizeiangaben leicht verletzt worden, als der Lastwagen auf Autos stürzte. Wegen Xaver ist in Schottland in etwa 100.000 Haushalten der Strom ausgefallen. Ein zweiter Mensch kam in England ums Leben, nachdem in einem Park in der Grafschaft Nottinghamshire ein Baum auf ihn gefallen war.
  • Die Küstenwachen in England und Wales warnten für den Verlauf des Tages vor möglicherweise schweren Überflutungen. Zahlreiche Straßen und Brücken wurden vorsichtshalber geschlossen.
  • In Dänemark, wo der Sturm Bodil heißt, hat er eine 72 Jahre alte Frau das Leben gekostet. Sie war Beifahrerin in einem Van, den der heftige Wind von einer Straße bei Holstebro in Jütland geblasen hat. Darauf ist der Wagen mit der Seniorin und ihrem Sohn umgestürzt, noch im Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus ist sie verstorben. Der Zugverkehr ist seit dem frühen Nachmittag im ganzen Land eingestellt. Viele Brücken waren schon am Vormittag für Autos gesperrt.
  • In Schweden, wo Xaver Sven heißt, stellten Fährunternehmen den Betrieb ein. Bei stürmischer See sind vor Südschweden zwei Männer über Bord eines niederländischen Frachtschiffs gegangen und gelten seitdem als vermisst. Das Schiff war vor Ystad unterwegs, als das Unglück passierte. Trotz großangelegter Suche blieben die beiden Seeleute zunächst verschwunden.
  • In Belgien wurden knapp 2100 Menschen der Küstengemeinde Bredene vorsorglich in Sicherheit gebracht. Sie leben in der Nähe des Kanals zwischen Ostende und Brügge und sind deshalb besonders von den Fluten gefährdet.
  • In den Niederlanden kam der Zugverkehr teilweise zum Erliegen. Auf anderen Strecken gab es Verspätungen, unter anderem auf Strecken des Hochgeschwindigkeitszugs Thalys, der Amsterdam mit Brüssel und Paris verbindet.

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dpa/olkl/mike/sks/feko
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