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Orkantief:Heftig, aber nicht außergewöhnlich

Sturmtief 'Ciara' - Schweiz

Wellen schlagen gegen ein Sprungbrett am Genfersee, nachdem das Orkantief Sabine die Schweiz erreicht hatte.

(Foto: dpa)

Züge bleiben im Depot und Schüler zu Hause. Doch der Wetterdienst spricht nach dem Sturm "Sabine" von einem normalen Wintersturm.

Der Orkan war noch in vollem Gange, schon tauchte die Frage auf: "Sturmschäden - wer zahlt?" Schon früh hatte die Deutsche Bahn Maßnahmen ergriffen. Von Sonntagabend an standen ihre Züge still. Zahlreiche Straßen wurden wegen Sabine gesperrt, Hunderte Flüge annulliert. Auch Fähren blieben im Hafen. Viele Schüler aber freuten sich. Ein ganzer Tag wunderbarer Unterrichtsausfall, das war hierzulande doch selten in den vergangenen Jahren.

Trotz unzähliger umgestürzter Bäume, trotz diverser Gebäude- und Fahrzeugschäden sowie 140 Kilometern Stau in Nordrhein-Westfalen (eher normal für einen Montagmorgen): Am Ende war Sabine zwischen Ostfriesland und den Alpen eher ein "Sabinchen", wie es in einer Pressemitteilung der Stadt Solingen so treffend hieß. Nicht vergleichbar mit dem verheerenden Lothar im Jahr 1999 (110 Tote, vor allem in Frankreich), mit Wiebke 1990 (35 Tote) oder Kyrill 2007 (47 Tote). Die Vorsichtsmaßnahmen aber, das fiel schon auf, waren diesmal besonders umfangreich.

Wegen Rückenwind war ein Flugzeug aus New York 102 Minuten früher in London

In Mönchengladbach etwa wurde das Bundesliga-Spiel gegen Köln vorsorglich abgesagt, in Halle ein Konzert mit Schlagersängerin Andrea Berg. Auch Zeitungsausträger durften vielerorts zu Hause bleiben - das aktuelle E-Paper gab's ausnahmsweise kostenlos aufs Handy. Dutzende Beerdigungen wurden verschoben, während in Frankfurt am Main ein Baukran ins Dach des St.-Bartholomäus-Doms wehte. Auch hier fragte man sich natürlich: Und? Wer zahlt?

Vielleicht zahlt am Ende ja der Rückversicherer Munich Re, der bereits seit ein paar Tagen seine Homepage mit diesem Thema hier eröffnet: "Wirbelstürme verursachten 2019 Milliardenschäden". Und, wie der Leiter der dortigen Geowissenschaftsabteilung zu berichten weiß: Winterliche Orkane in Europa können ähnlich teuer werden wie tropische Wirbelstürme in Amerika. Wäre also kein Wunder, sollten sich die Beiträge des "Risikopartners für Wirtschaft, Institutionen und Privatpersonen" (so die Werbung) bald erhöhen.

Aber auch Juristen dürften zur schnellen Umsetzung der Vorsichtsmaßnahmen beigetragen haben. Im Zeitalter automatisierter Klageschriften fürchten Behörden und Unternehmen auch in Europa hohe Schadenersatzforderungen. Bei der Bahn jedoch versichert man, man habe vor allem aus den Erfahrungen vergangener Jahre gelernt: Züge im Bahnhof zu lassen, das sei nicht nur sicherer, sondern auch organisatorisch sinnvoller.

50 000 Haushalte waren in Bayern zwischenzeitlich ohne Strom

Während die Bahn still stand, schaffte es dank starken Rückenwinds ein Passagierflugzeug in vier Stunden und 56 Minuten von New York nach London, 102 Minuten schneller als geplant.

In Bayern jedenfalls waren nach der stürmischen Nacht erst mal 50.000 Haushalte ohne Strom, am Münchner Flughafen wurden 630 von 1.050 Flügen gestrichen, die S-Bahn stellte den Betrieb ein. In Nordrhein-Westfalen wurden mehr als 7.000 Sturm-Einsätze gezählt, auch erwartete man die dritte Sturmflut in diesem Winter. In Paderborn und in Saarbrücken wurden Menschen durch Bäume schwer verletzt. In Mülheim an der Ruhr krachte ein 25 Meter hoher Baum auf ein Auto, glücklicherweise nur auf den nicht besetzen hinteren Bereich. Auf einem Wanderparkplatz im Rems-Murr-Kreis fiel eine Tanne auf einen Wohnwagen. Das Ehepaar im Inneren blieb unverletzt. Und in Münster schloss ausgerechnet der "Allwetterzoo", wohingegen der Schlosspark Sanssouci in Potsdam bereits Montag wieder geöffnet hatte.

In Frankreich waren 130.000 Haushalte ohne Strom, in Tschechien 100.000, in Polen 55.000. Im polnischen Skiresort Bukowina Tatrzanska wurden eine Mutter und ihre Tochter auf einem Parkplatz von herabfallenden Dachteilen erschlagen. In Großbritannien starb ein Autofahrer durch einen Baum, der auf sein Auto fiel. Auch in Schweden und Slowenien kamen zwei Menschen infolge des Orkans ums Leben.

Aber ein "Monstersturm", das war Sabine nicht. Eher ein gewöhnlicher Wintersturm, wie er in Deutschland alle paar Jahre vorkommt: heftig, gefährlich, aber nicht außergewöhnlich.

"Unsere Vorhersagen sind ziemlich genau eingetroffen", sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Im Flachland erreichte Sabine Windgeschwindigkeiten von rund 120 Kilometern pro Stunde, das ist zwar Orkanstärke, aber nicht extrem. Kyrill und Lothar hatten es in tiefen Lagen auf mehr als 150 Kilometer pro Stunde gebracht. In den Bergen waren es bei diesen Stürmen weit mehr als 200 Kilometer pro Stunde, Sabine blieb mit 177 Kilometern pro Stunde auf dem Feldberg im Schwarzwald also weit darunter.

Mit dem Klimawandel lassen sich die Winterstürme schwer erklären

Bemerkenswert war allenfalls die große Ausdehnung von Sabine in Deutschland: Die breite Bahn der Sturmwinde erfasste alle Bundesländer, allein Teilen des Nordostens blieb die volle Wucht erspart. Das Zentrum des Sturmtiefs zog von Irland über Schottland - dort als Ciara bekannt - nach Norwegen, wo die Wetterdienste es Elsa nennen. Zu den unterschiedlichen Namen kam das Tiefdruckgebiet, weil sich Irland, Großbritannien, die Niederlande und Frankreich üblicherweise auf einen Namen einigen, während Deutschland und die Schweiz sowie Norwegen gerne eigene Namen vergeben.

Entscheidend für die Situation in Deutschland war die Kaltfront am Rand des Tiefs, welche das Land komplett durchquerte. Bei Sturmtiefs wehen die starken Winde meist in höheren Lagen oberhalb von etwa 1000 Metern. Erst die zugehörige Kaltfront mit den Gewittern, die diese mit sich bringt, mischt die Luft durch und drückt die starken Winde bis in tiefe Lagen. In Süddeutschland kam etwas hinzu, das Meteorologen "Leitplankeneffekt" nennen: Zwischen der heranrückenden Kaltfront und den Alpen wurden die Winde nach DWD-Angaben zusammengepresst wie in einem Kanal und dadurch noch verstärkt.

Aber auch wenn sich der Eindruck aufdrängen mag, dass Wetterphänomene immer heftiger werden: Mit dem Klimawandel lassen sich Winterstürme wie Sabine/Ciara/Elsa kaum in Verbindung bringen. Zwar kann wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen und liefert Stürmen dadurch prinzipiell mehr Energie. Winterstürme aber werden vor allem durch den Temperaturunterschied zwischen der Arktis und mittleren Breiten angetrieben, und der ist wegen der enormen Erwärmung der Nordpolregion zuletzt eher zurückgegangen.

Die deutsche Feuerwehr jedenfalls bemühte sich Sonntag wie Montag, Baugerüste, Baustellentoiletten, Gartentrampoline oder Wahlplakate entweder noch zu sichern oder schon wieder einzusammeln. Und die Deutsche Presse-Agentur wies darauf hin, dass Sabine als "außergewöhnlicher Umstand" zu werten sei, weshalb Menschen, die von Ausfällen betroffen seien, "nach EU-Recht" keine Entschädigung zustehe. Bei der Verbraucherzentrale Bayern wusste man zudem, dass die Wohngebäudeversicherung für Sturmschäden am Haus zuständig sei, die Hausratsversicherung für Sturmschäden im Haus und die Elementarschadenversicherung für Wasser im Keller. Wichtig auch, dass eine kaputte Autoscheibe (Kaskoversicherung) sofort mit Folie abzukleben ist, um einen größeren Versicherungsschaden zu vermeiden (darauf weist der Bund der Versicherten hin). Und dass man seinen Schaden "am besten aus möglichst vielen Perspektiven" fotografieren sollte. Denn das alles macht es am Ende ein bisschen einfacher bei der Antwort auf die Frage: "Wer zahlt?"

© SZ/nas
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