Organisierte Kriminalität Klassische Mafia-Strukturen

Begleitet von einem größeren Aufgebot der Polizei ist am Donnerstag in Berlin der erschossene Intensivstraftäter Nidal R. bestattet worden. Es kamen rund 1500 Trauergäste zu dem Friedhof in Schöneberg.

(Foto: Sean Gallup)

Kriminelle Clans konnten sich in Berlin lange ungehemmt ausbreiten. Politik, Polizei und Justiz ließen das zu. Das ändert sich - endlich.

Kommentar von Verena Mayer, Berlin

Es waren drei vermummte Gestalten, die sich am 27. März 2017 auf den Weg zu einem der spektakulärsten Verbrechen der vergangenen Jahre in Deutschland machten. Von einem S-Bahnhof aus stiegen sie mit einer Leiter nachts auf der Rückseite ins Berliner Bode-Museum und raubten eine 100 Kilo schwere Münze. Allein der Wert des Goldes betrug 3,7 Millionen Euro. Eine Überwachungskamera filmte sie dabei, und das wussten die Männer wohl auch.

Das Trio steht, wie die Polizei mittlerweile ermittelt hat, mutmaßlich in Verbindung zu einer Großfamilie, die den Protagonisten der organisierten Kriminalität (OK) zugerechnet wird. Zehn bis zwölf solcher Clans sind in der Hauptstadt aktiv, fast ein Viertel aller OK-Ermittlungen hat mit ihnen zu tun.

Das Problem ist nicht neu, und es ist nicht auf Berlin beschränkt; auch Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind Hochburgen krimineller Clans. Neu ist jedoch die Art ihrer Verbrechen. Ging es ihnen früher darum, ihre Viertel zu kontrollieren, Schutzgeld zu erpressen oder mit Drogen zu handeln, fielen sie in den vergangenen Jahren mit hochprofessionell organisierten Coups auf. Da wurde in Berlin ein Pokerturnier gestürmt, ein Luxuskaufhaus ausgeplündert oder eine Bank gesprengt, um Hunderte Schließfächer auszuräumen. Parallel dazu verlagerten die Clans ihr Tun zunehmend in die Legalität. Sie betreiben Restaurants und Imbiss-Buden und kaufen in großem Stil Immobilien, um Schwarzgeld zu investieren.

Berlins neue Null-Toleranz-Strategie

Das sind klassische Mafia-Strukturen. Dass sich diese gerade in Berlin so ungehemmt entwickeln konnten, liegt auch daran, dass der Kampf gegen die Clans lange vernachlässigt wurde - zum einen, weil Polizei und Justiz aufgrund der klammen Haushaltslage die Mittel fehlten, zum anderen aber wegen des typischen Berliner Laissez-faire. Der an sich sympathische Grundsatz vom Leben und Lebenlassen führte nicht selten dazu, dass sich Jugendliche von notorischen Schulschwänzern zu Intensivstraftätern im Umfeld von Clans entwickeln konnten. Oder dass mutmaßlich kriminelle Familienmitglieder, die Hartz IV bezogen, mit dem Porsche vorfuhren, den wiederum die Behörden nicht einziehen konnten, weil er auf einen Cousin angemeldet war.

Das ändert sich gerade - endlich. Berlin hat Modelle entwickelt, die im Kampf gegen die OK bundesweit als Vorbild taugen können. Es gibt eine Intensivstraftäter-Kartei, mit der auffällige Jugendliche erfasst und dann schnell bestraft werden können. Ämter arbeiten zusammen, im stark betroffenen Bezirk Neukölln wurden Staatsanwälte angesiedelt, die nur für die Clans zuständig sind. Zudem hat die Justiz begonnen, Vermögen der Großfamilien zu beschlagnahmen. Mit ähnlichen Mitteln kämpfen Italiens Behörden gegen die Mafia.

Allerdings kann der Kampf gegen kriminelle Clans nur erfolgreich sein, wenn er sich nicht auf die lokale Ebene beschränkt. Die betroffenen Bundesländer müssen kooperieren, die gesetzlichen Möglichkeiten, Vermögen einzufrieren und Geldflüssen international nachzugehen, müssen verstärkt werden. Ansonsten endet die neue Berliner Null-Toleranz-Strategie wie ein Wettrennen in den von den Clans so geschätzten Luxuskarossen. Nur dass die Clans im Porsche sitzen, während Polizei und Justiz in einem Gebrauchtwagen hinterherfahren.