Orden der Jesuiten Gottes Freigeister

Franziskus ist der erste Jesuit im Papstamt. Er kommt aus einem elitären Orden, der zwar Papstmacher hervorbrachte, dessen Mitglieder sich aber stets im Hintergrund hielten. Manche in der Kurie begegnen Franziskus mit Skepsis - ihnen gelten die Jesuiten als zu liberal.

Von Monika Maier-Albang

Dass es nun ausgerechnet ihnen zufällt, Papst zu sein, damit hatte bei den Jesuiten wohl niemand gerechnet. Seit bald fünf Jahrhunderten gibt es die Societas Iesu (SJ), die Gesellschaft Jesu, doch bisher war keiner der ihren ins höchste Amt der katholischen Kirche berufen worden. Obwohl er mit weltweit 17.600 Mitgliedern (400 in Deutschland) der größte Männerorden ist, obwohl er zu vielen Zeiten der einflussreichste war, obwohl er einige der klügsten Theologen, Philosophen, Naturwissenschaftler hervorbrachte: Karl Rahner, Teilhard de Chardin, Hugo Lassalle, Oswald von Nell-Breuning.

Jesuiten galten als Elite, waren Beichtväter der Könige und Papstmacher, aber sie blieben hinter den Kulissen - weil ihr Gründer Ignatius von Loyola ihnen eigentlich aufgetragen hat, keine kirchlichen Ämter anzustreben, in der Neuzeit aber auch, weil das Opus Dei den Strippenzieher-Platz in der Kurie einnahm. Der Orden gilt vielen dort als zu liberal, als suspekter Hort der Freidenker. Umso überraschender nun die Wahl.

Ein Jesuit als Papst, was wird das ändern? Wird Franziskus den Ortskirchen mehr Verantwortung zugestehen? Schon möglich, lebt der Orden doch vor, dass Zentralismus und Eigenverantwortung einander nicht ausschließen müssen. Die Gemeinschaft ist hierarchisch verfasst, dem Papst bedingungslos treu, gleichwohl lebt jedes Mitglied in großer Freiheit, meist in überschaubaren Gemeinschaften, sogenannten Kommunitäten, manchmal allein, immer ohne eigene Ordenstracht.

An seine Mitglieder stellt der Orden hohe Anforderungen. Jesuiten absolvieren eine theologische und eine philosophische Ausbildung, legen erst nach zehn Jahren das Armuts-, Keuschheits- und Gehorsamsgelübde ab. Das macht es vielerorts nicht einfach, Mitglieder zu finden. In Europa und Nordamerika schrumpft der Orden, in Asien und Afrika wächst, in Lateinamerika stagniert er. Der neue Papst kann also nicht nur zurückgreifen auf ein weltumspannendes Netzwerk. Er ist auch geprägt durch die Spiritualität, die der Orden mit den ignatianischen Exerzitien pflegt.

Exerzitien auf der Straße

Es ist eine Zeit des Schweigens und der Gewissenserforschung, die in vielerlei Gestalt angeboten wird: als "Film-Exerzitien", bei denen man sich von Filmen spirituell berührten lässt, oder als "Exerzitien auf der Straße", deren Teilnehmer eine Zeit lang mit Obdachlosen leben, als Zeichen gegen Ausgrenzung. Die Jesuiten sind heute allerdings eine heterogene Gemeinschaft. Die Jüngeren sind theologisch oft konservativer eingestellt als die Älteren, von denen sich nicht wenige im Kampf um eine positive Bewertung der Befreiungstheologie abgearbeitet haben an Joseph Ratzinger, dem früheren Vorsitzenden der Glaubenskongregation.

Bildung, Missionierung, Sorge für die Armen - das ist das jesuitische Programm. Vielleicht ist es auch das Programm des neuen Papstes. Weltweit betreibt der Orden 720 Schulen und Gymnasien, dazu 231 Hochschulen und Universitäten, zwei davon in Deutschland: in München die Hochschule für Philosophie und die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen bei Frankfurt. Dort hielt sich Jorge Mario Bergoglio 1985 drei Monate lang auf, um für seine Dissertation über den Religionsphilosophen Romano Guardini zu forschen. In Lateinamerika unterhält das Netzwerk Fe y Alegría ("Glaube und Freude") 2900 Dorfschulen, in denen Kinder aus armen Familien unterrichtet werden - was den Jesuiten hoch angerechnet wird.

Papst Franziskus

Vom Arbeiterkind zum Pontifex

Generell liegt die Missionierungsgeschichte in Lateinamerika nicht als Schatten auf dem Orden. Es gab jesuitische Gruppen, die Sklaven auf ihren Plantagen hielten, aber in der kollektiven Erinnerung sind die Jesuiten diejenigen unter den Missionaren, die die Rechte der Indios gestärkt haben, die sie in eigens errichteten Siedlungen, den Reduktionen, nicht ausbeuteten, sondern das Geigenspiel lehrten. Ein sanfter Kampf um die Seelen, der die spanischen und portugiesischen Kolonialherren erzürnte.

Armer Orden

Als Speerspitze der Gegenreformation noch wohl gelitten, gerieten die Jesuiten vom 17. Jahrhundert an zunehmend unter Druck. Papst Clemens XIV. löste den Orden 1773 auf, Pius VII. ließ ihn 1814 wieder zu. Unter Bismarck mussten die Jesuiten Deutschland verlassen, von den Nationalsozialisten wurden sie als "Volksschädlinge" geschmäht; Prediger wie Pater Rupert Mayer oder Alfred Delp bezahlten die Opposition mit dem Leben.

Die Armut, die jeder Jesuit gelobt, trifft heute zunehmend den Orden selbst. Weniger Mitglieder, das bedeutet im deutschsprachigen Raum auch: weniger Einnahmen von Professoren. Hinzu kommen die Entschädigungen, die die deutsche Provinz an Missbrauchsopfer zahlt. Es war ja das Berliner Canisius-Kolleg, ein Jesuitengymnasium, dessen früherer Leiter Klaus Mertes das Thema 2010 öffentlich machte. Opferverbände fordern nun vom neuen Papst, die katholische Kirche dürfe sexuelle Übergriffe durch Priester und Mitarbeiter nicht mehr vertuschen. In Argentinien, kritisierte am Donnerstag die US-Opfer-Organisation SNAP, sei über dieses Thema bislang noch viel zu wenig gesprochen worden.