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Wiener Opernball und Corona:Ausgewalzt

Wiener Opernball

Hunderte Menschen auf der Tanzfläche? Undenkbar im kommenden Pandemie-Winter. Der Wiener Opernball muss ausfallen.

(Foto: Herbert Neubauer/picture alliance/dpa)

Der Wiener Opernball ist abgesagt, wegen Corona. Das hat es nach dem Krieg erst ein Mal gegeben. Stammgast Richard Lugner findet die Entscheidung "gescheit", ist aber auch wehmütig.

Von Martin Zips

Dass nun auch das Wiener "Aushängeschild", wie der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz es nannte, vom pandemischen Weltenwind weggeweht wurde - es verwundert nicht. Nach Frankfurter Buchmesse, Münchner Oktoberfest und Kölner Karneval musste nun der Wiener Opernball abgesagt werden. Eine Entscheidung, die Stammgast Richard "Mörtel" Lugner "gescheit" findet.

Bereits in der vergangenen Woche hatte das "Komitee der Wiener Nobel- und Traditionsbälle" entschieden, dass der Ärzteball, der Juristenball, der Ball der Offiziere, der Concordia-Ball und der Ball der Pharmacie angesichts von Abstandsgeboten und nicht-faschingshafter Maskenpflicht flachfallen sollten. Auch die Jäger ergaben sich Corona. Keine einfache Entscheidung, ihr Jägerball wäre der hundertste gewesen. Doch die "Pirsch nach menschlichen Begegnungen" (Pressemitteilung) sei "angesichts der aktuellen Situation unverantwortlich", so teilte man mit.

Am Ende war's dann keine Überraschung mehr, dass auch der für den 11. Februar 2021 vorgesehene "Höhepunkt und Abschluss der Wiener Ballsaison" weichen musste. 7000 Gäste, die sich auf Fluren, Toiletten, Logen sowie auf und hinter der Bühne der Wiener Staatsoper tummeln würden, das erschien selbst der Kulturnation Österreich als zu gewagt. Für die Organisation der Salzburger Festspiele und das vergleichsweise mutige frühe Hochfahren des Kulturbetriebs hatte das Land - jenseits von Après-Ski - ja recht viel Lob erhalten. Zuletzt waren jedoch auch hier die Infektionszahlen wieder gestiegen. Wien wurde zum "Risikogebiet".

Der Preis für eine Loge: so teuer wie ein Mittelklassewagen

Ein recht ambivalentes Staatsgewalze, das war der Wiener Opernball von Anfang an. Unten das glückliche Volk, das es dank langer Wartelisten und guter Kontakte am Ende doch noch zu einer Eintrittskarte geschafft hatte. Auf den Rängen: die bestens gesicherten, in ihrer Abendmiete etwa mittelklassewagenteuren Logen der internationalen Finanz- und Politikwelt. Zwischen Freitreppe und Schnürboden traf man hier den heutigen deutschen Gesundheitsminister ebenso wie ukrainische Schokoladenoligarchen, Schweizer Waffenhändler, britische Adelige, Schwabinger Schauspielerinnen oder Berliner Medienmogule. Der Opernball war (und bleibt vielleicht) ein als Faschingsfest getarntes Treffen der internationalen Ober-, Unter- und Zwischenwelt. Nur ein Mal wurde er seit dem Zweiten Weltkrieg abgesagt: während des Golfkriegs 1991.

Lugner und seine Opernball-Begleitungen

Ein Hauch von Hollywood: Richard Lugner und seine Begleiterin Kim Kardashian beim Opernball 2014.

(Foto: Herbert Pfarrhofer/Picture Alliance)

Laut der im Jahr 2019 verstorbenen langjährigen Opernball-Chefin Lotte Tobisch war es zudem der einzige Abend im Jahr, an dem die Wiener Staatsoper keine Verluste machte. Und dank Bauunternehmer Lugner schaute hier gelegentlich sogar Hollywood vorbei. Und sei es nur in Gestalt von Kim Kardashian. Lugners größter PR-Coup dürfte im Jahr 2011 die Verpflichtung der Berlusconi-Gespielin "Ruby Rubacuori" als Begleitung gewesen sein. Lugner, 87, der sich gerade von den Folgen eines Sturzes erholt, erklärte nun, er freue sich schon sehr auf den Opernball 2022, wisse aber wirklich nicht, ob er da noch am Leben sei. Und da tat sie einem schon fast wieder leid, die Wiener Ball-Absage.

© SZ/nas
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