Süddeutsche Zeitung

Stilkritik:Ochsenzähler

Quirin war der 79. Ochse, der auf dem Oktoberfest verspeist wurde. Die spinnen doch, die Bayern, oder?

Wer glaubt, die Bayern seien ihrem innersten Wesen nach ein archaisches Bergvolk, für den ist die Ochsenbraterei auf dem Oktoberfest ein gefundenes Fressen. Denkt man beim Anblick des Rindviehgerippes am Drehspieß nicht sofort an das kleine gallische Dorf, an Asterix und Obelix und die Gelage mit gebratenen Wildschweinen? Doch, tut man! Und dann schreiben diese Bayern auch noch den Namen und das Gewicht des jeweils zum Verzehr anstehenden Tieres mit Kreide auf eine Tafel.

Quirin war jedenfalls bereits der 79. Ochse, der am elften Tag des großen Gelages auf die Teller kam. Behauptet jedenfalls die Tafel. In Wirklichkeit werden die meisten Ochsen nicht am Drehspieß im 600 Grad heißen Gasgrill gebraten, sondern hinter dieser offenen Bühne bereits zerlegt in eigenen Öfen. Sonst käme man niemals auf bis zu 120 Tiere während eines Oktoberfests. Schließlich braucht so ein Tier am Spieß bis zu acht Stunden. Und auch die Namen sind nicht echt. Die meisten dürfen sich die 25 Fleischmetzger im Zelt selbst ausdenken.

Vegetarier mögen nun die Nase rümpfen und von barbarischer Fleischfresserei-Verherrlichung reden. Tatsächlich kommen die Tiere vom Münchner städtischen Gut Karlshof, das für seine besonders artgerechte Haltung bekannt ist. Die Tiere leben hier beinahe unter den Bedingungen eines Biohofs, dort strebt man die Biozertifizierung für die Ochsen an und erweitert Ställe und baut Futter selber an.

Die meisten der anderen Speisen im Zelt haben sowieso Bioqualität, auch der von Münchnern viel gelobte Kartoffelsalat zum Ochsen: Die Kartoffeln baut ein Biobauer bei Ingolstadt extra für die Ochsenbraterei an. Klingt eher nachhaltig als barbarisch.

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Quelle:
SZ vom 02.10.2019/mmo
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