bedeckt München
vgwortpixel

SZ-Serie "Ein Anruf bei..":"Iiiih, Uuhh und Üüüüh"

Peasant girls who delighted the king at Kitzbuhal arrive in London Three peasant girls whose singi

Ein Bild aus der Vergangenheit: So stellen sich heute noch viele Menschen vor, dass Jodel-Begeisterte aussehen.

(Foto: imago/United Archives Internatio)

Der österreichisch-schweizerische Ethnologe Raymond Ammann erklärt den neuen "Jodelboom" - und wie sich die Bergnationen beim Jodeln unterscheiden.

Mit kulturellen Einflüssen von außen tut sich der Mensch ja immer wieder schwer, wie auch die soeben abgeschlossene Forschungsarbeit des Innsbrucker Musikethnologen Raymond Ammann beweist. In "Tirolerei in der Schweiz" (erscheint demnächst im Universitätsverlag Wagner) untersucht Ammann den Umgang der Schweizer mit Jodel-Einflüssen aus Österreich.

SZ: Herr Ammann, Sie wurden in der Schweiz geboren und lehren in Österreich. Was sind die exakten Unterschiede beim Jodeln in Tirol und der Schweiz?

Raymond Ammann: In Tirol heißt es eher: Trrrrioooo beziehungsweise Drrrriioooo, in der Schweiz wird das Ooooh und Aahhh für die tiefen Töne verwendet und Iiiih, Uuhh und Üüüüh für das Kopfregister. Das Trrrr oder das Drrr hilft den Tirolern beim Wechsel von der Brust- in die Kopfstimme. In der Schweiz, wo Vokale gar nicht mit Konsonanten oder nur mit lllll oder jjjjj verbunden werden, gibt es einen stärkeren Kehlkopfschlag, den Knacklaut. Also in etwa so: Oooiiiiih. In Tirol wird zudem in anderen Silben gejodelt und eher in engstimmigen Terz- und Sextparallelen.

Ach.

Registerwechselndes Singen gibt es natürlich auch bei den Ainu in Japan, bei den Dani in Papua-Neuguinea oder den Inuit mit dem Katajjaq. Aber das ist weit weg von dem, was wir im Alpenraum als Jodeln bezeichnen. Ob das ursprünglich Freudenschreie oder Verständigungslaute über eine größere Distanz waren, dazu wurde schon viel geforscht. Wahrscheinlich hat es einfach mehrere Ursprünge. Der musikalische Begriff "Jodeln" jedenfalls ist noch verhältnismäßig neu.

Und woher stammt der Begriff?

Aus der Wiener Volksbühnen-Szene, wo Veranstaltungen mit Tiroler Liedern bereits im 18. Jahrhundert populär waren.

Raymond Ammann, Musikethnologe und Jodelexperte an der Universität Innsbruck

Raymond Ammann, 62, lehrt in Innsbruck. Er erforschte Frauengesänge in Sibirien und habilitierte über Flötenspiel in der Südsee.

(Foto: privat)

So populär, dass irgendwann die Schweizer Angst davor bekamen?

Ja, das kann man so sagen. Schweizer Jodelexperten jedenfalls, das haben unsere Forschungen ergeben, beklagten bereits Ende des 19. Jahrhunderts die immer mehr um sich greifende "Tirolerei". Sie plädierten dafür, lieber den eigenen Jodelgesang zu fördern als den österreichisch-bayerischen. Schließlich pflegte man unter Eidgenossen ganz eigene Ausprägungen des registerwechselnden Singens, die man zum Beispiel Zäuerli, Ruggusseli oder Juchzer nennt und die sich von den österreichischen Dudlern, Almern und Wullaza abheben.

Die Schweizer forderten also: Make Zäuerli great again?

Sozusagen. Denn im Gegensatz zu den Schweizern waren Tiroler Sängergruppen in ganz Europa unterwegs und überaus beliebt. Ihr Jodelstil war auch in der Schweiz sehr populär. Also gründeten einige Schweizer Jodler den Eidgenössischen Jodlerverband und definierten, wie in der Schweiz gejodelt werden sollte. Eher mit Ooooh, Uuhhh, Iiiiih und Üüüüh. Und mit Kehlkopfschlag statt mit Tri oder Dri.

Herr Ammann, haben Sie sich als Musikwissenschaftler auch mal mit anderen Dingen befasst?

Ursprünglich habe ich für meine Doktorarbeit Frauengesänge in Sibirien und Alaska studiert. Anschließend habe ich 15 Jahre in der Südsee gelebt und dort über das Flötenspiel habilitiert. Vor zehn Jahren dann kehrte ich in die Schweiz zurück und begann, über Jodeln zu forschen.

Heute heißen sogar Smartphone-Apps "Jodel", in der Volksmusikszene soll eine "neue Jodelbegeisterung" herrschen, und selbst in Berlin werden Jodel-Workshops angeboten. Droht da nicht die völlige gesangliche Verwässerung?

Tatsächlich lässt sich derzeit ein neuer Jodelboom beobachten. Yoga, Qi Gong oder Pilates als Bestandteil von Jodel Workshops und Jodler aus Japan oder Südkorea auf Schweizer Jodel-Wettbewerben - da gibt es allerlei Ausprägungen. Was also Loriot mit seinem Jodeldiplom-Sketch vorweggenommen hat, das ist heute fast Wirklichkeit.

Stört Sie dieser furchtbare Jodel-Mainstream wirklich nicht?

Ach, wissen Sie: Kunst ändert sich, Musik ändert sich, Ästhetik ändert sich. Das Leben ist so gebaut. Neue kulturelle Einflüsse, wenn sie nicht standardisiert daherkommen oder von oben verordnet werden, sind immer gut und wichtig. So bleibt nicht nur das Jodeln lebendig.

Job In welchen Fächern sich der Doktor besonders lohnt

Promotion

In welchen Fächern sich der Doktor besonders lohnt

Wird man nach der Promotion zum Dr. Arbeitslos? Unwahrscheinlich. Aber auch nicht jeder hat Chancen, schnell gut zu verdienen.   Von Bernd Kramer