Österreich-Kolumne:Forcierte Desinformation

Rudolf, Crown Prince of Austria, Rudolf Franz Karl Joseph, borb 21 August 1858, died 30 January 1889, / Rudolf, Kronprin

Kronprinz Rudolf, der 1889 einen erweiterten Suizid beging.

(Foto: H.Tschanz-Hofmann/imago images; Bearbeitung SZ)

Was sich bei einem Besuch in Mayerling, wo sich einst Kronprinz Rudolf erschoss, über die heutige Zeit und die Politik lernen lässt.

Von Cathrin Kahlweit

Neulich habe ich einen halben Arbeitstag in Wien geschwänzt und bin hinausgefahren nach Mayerling im Wienerwald. Der kleine Ort liegt still und bescheiden in einer schmalen Senke und wäre nicht der Rede wert, wenn dort nicht, wie jede und jeder in Österreich weiß, das einstige Jagdschloss läge, in dem Kronprinz Rudolf im Januar 1889 erst Mary Vetsera und dann sich selbst erschossen hat (Lesen Sie mehr dazu im Text "Ich gehe fidel hinüber"). Umgehend nach dem erweiterten Suizid ordnete Kaiser Franz Joseph I. den Umbau in ein Kloster an; heute beherbergt Karmel St. Josef die Unbeschuhten Karmelitinnen.

Ich wollte einfach nur ein wenig raus aus der heißen Stadt und war, was diesen Teil der Habsburg-Geschichte anging, auch eher unbeleckt. Was weiß man schon als mittelmäßig belesene Deutsche: Da gab es einen Thronfolger, der sich erschossen hat, während seine kaltherzige, magersüchtige Mutter ihren Marotten und Körperkuren nachging und der Vater mit harter Hand ein Großreich regierte. Tatsächlich lässt sich einiges von dem, was ich auf der kleinen Landpartie gelernt habe, mühelos auf die heutige Zeit und die Politik übertragen, wie wir sie kennen.

Man lernt, was Staatsräson bedeutet

Im einzigen Gebäudeteil, der vom früheren Schloss Mayerling quasi vollständig erhalten ist, im Teepavillon, kann man eine so interessante wie deprimierende kleine Ausstellung besichtigen. Gelernt habe ich zum einen, dass der arme Kerl als Kind eine Tortur durchlitt. Und weil ich seit den jüngsten "Enthüllungen" des Salzburger Plagiatsjägers Stefan Weber zu einem populärwissenschaftlich gehaltenen Büchlein der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in Deutschland weiß, dass man nicht ungestraft fünf Zeilen aus einer frei zugänglichen Quelle zitieren darf, ohne zu sagen, woher man den genauen Wortlaut hat (lesen Sie mehr dazu hier), sage ich es gleich: Die folgenden Zitate stammen aus den Informationstafeln im Museum.

Nachdem das geklärt ist, zurück zu Rudolf: Vater Franz Joseph hatte angeordnet, einen "mutigen und starken Soldaten" aus dem kleinen Jungen zu machen, weshalb dieser "zur Abhärtung" mit Kaltwasserkuren gequält, nachts mit Schüssen aus Schreckschusspistolen geweckt, im Lainzer Tiergarten mit Wildschweinen eingesperrt wurde und bei Wind und Wetter stundenlang exerzieren musste. Genau wie beispielsweise in den Biografien von Friedrich II. oder Prince Charles mit all den drastischen Abhärtungsmethoden und der emotionalen Kälte bekommt man im sonnenbeschienenen Mayerling sehr schnell eine Ahnung davon, was Staatsräson bedeutet.

132 Jahre und viele Meilensteine

Offenbar führte der Terror nicht zu den gewünschten Erfolgen, der Sohn von Sisi wurde depressiv, der Erzieher gewechselt. Tatsächlich entwickelte sich Rudolf später zu einem Naturkundler, Forschungsreisenden, Journalisten, politischen Denker und Monarchiekritiker - peinliche Hobbys und gefährliche Tendenzen in den Augen des Hofes. Mindestens so aufschlussreich wie seine Jugend ist allerdings sein Ende: Der Freitod, der keiner sein durfte, wurde geleugnet, die arme, tote Mary Vetsera sitzend und angekleidet mitten in der Nacht in einer Kutsche fortgebracht, und die Medien wurden mit Fake News geflutet: "Das Verschweigen und Vertuschen der Hintergründe wird zum Prinzip. Zur Legendenbildung trägt vor allem der Wiener Hof bei, der anfänglich die Freitodversion des Kronprinzen bestreitet, entscheidende Dokumente vernichtet, viele Spuren verwischt und Zeitzeugen ein lebenslanges Schweigegelöbnis abringt." Die Staatsräson "forcierte die Desinformation".

Seit damals sind 132 Jahre vergangen, es gibt soziale Medien und Chatprotokolle und Untersuchungsausschüsse und unabhängige Gerichte und freie, geheime, gleiche Wahlen. So viele Meilensteine. Aber an der Sache mit der Desinformation, an der müssen wir noch arbeiten.

Diese Kolumne erscheint am 2. Juli 2021 auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung zu Österreich in der SZ bündelt. Gleich kostenlos anmelden.

© SZ/mala
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