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Österreich:Curryknödel im Winter

Bollywood in den Tiroler Bergen: Österreich setzt neuerdings auf indischen Filmtourismus. Besuch an einem skurrilen Drehort, wo es neben Knödel, Bier und Speck auch Curry und Masala Chai gibt.

Apfelstrudel mit Speck und Curry? Auf der Terrasse des Alpengasthofes in Praxmar riecht es ziemlich seltsam heute. Normalerweise erholen sich hier Skitourengeher in der Sonne, manche bei Bier und Knödeln, andere mit Kaffee und Kuchen. Aber jetzt mischen sich Gemüsecurry- und Gewürztee-Schwaden dazu. Ein abenteuerliches Duft-Chaos. Die asiatischen Gerüche kommen aus einem Imbisswagen, in dem ein indischer Koch gerade Milch in den Masala Chai rührt.

Das Publikum im Alpengasthof ist an diesem Frühlingstag ebenfalls bunt gemischt. Neben verschwitzten Skitourengehern sitzen junge indische Frauen mit hochhackigen Schuhen und teuren Sonnenbrillen. Zwischen Parkplatz und Gasthaus laufen Leute mit Walkie-Talkies an den Gürtelschnallen hin und her. Die meisten von ihnen tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Tiger". Immer wieder quäkt es scheppernd aus den Geräten, Kommandos auf Englisch mit indischem Akzent hallen durch das Dorf.

Praxmar liegt auf 1700 Meter im Sellrain bei Innsbruck, der kleine Ort ist ein Startpunkt für Skitouren und Wanderungen. Weiter oben am Berg gibt es auch Ende März noch genug Schnee. Ein Teil des Hangs ist sogar abgesperrt. Nicht wegen Lawinengefahr, sondern wegen des Tigers. "Tiger zinda hai", "Der Tiger lebt" - so heißt der indische Actionfilm, der zurzeit in der Tiroler Bergidylle gedreht wird. Eine große Bollywood-Produktion, mit einer Crew von 100 Leuten am Set, aufwendigen Stunt-Szenen und den Superstars Salman Khan und Katrina Kai in den Hauptrollen als "Tiger" und "Tiger"-Frau. Der Film ist ein Fortsetzung zu dem sehr erfolgreichen Blockbuster "Ek Tha Tiger", ("Mission Liebe"). Es ist die indische Version eines Agententhrillers à la James Bond.

Sehr erfolgreich, das bedeutet nach Bollywood-Maßstäben: Hunderte Millionen Zuschauer. Aashish Singh, Produzent der Tiger-Filme und einer der führenden Köpfe von Yash Raj Films, sitzt bei einem grünen Tee in der Stube des Alpengasthofs, die Stube ist zum Produktionsbüro umfunktioniert. Singh rechnet vor: ",Ek Tha Tiger' hatte 35 Millionen bezahlte Tickets an den Kinokassen. Innerhalb von drei Monaten verdoppelte sich die Zahl, weil der Film bald nach dem Kinostart im Fernsehen gezeigt wurde. Dazu kommen DVDs, illegale Kopien, Downloads und Ausschnitte auf Youtube. Macht insgesamt mehrere Hundert Millionen Zuschauer."

Indien hat die größte Filmindustrie der Welt, mit mehr als 800 neuen Spielfilmen pro Jahr. Darunter ist sehr viel Schrott, in Billig-Studios schnell hergestellt. Einige hochwertigere Produktionen entstehen außerhalb des Subkontinents - neben Neuseeland, Kanada und der Schweiz wählen Bollywood-Produzenten gerne Tirol als alpine Location.

Schneebedeckte Berge, Täler, Wälder, Seen und Wasserfälle: Das dient als Kulisse für die Songs und Traum-Sequenzen, die in Bollywood-Filmen ganz wichtig sind. Auch ein Actionthriller wie "Tiger zinda hai" enthält aufwendige Tanzszenen und Liebeslieder. Ohne geht es nicht.

Neben den indischen Stars stehen Eingeborene in Dirndl und Lederhose

Bollywood-Filme tragen Titel wie "Snehana Preethina" (Freundschaft oder Liebe), "Ishq Hai Tumse" (Nur Liebe für dich), "Kyaa Dil Ne Kahaa" (Was dein Herz dir sagt) oder "Preethiyeke Bhoomimelide" (Warum Liebe auf der Erde ist). Je exotischer die Kulisse, desto romantischer wirkt die gesungene und getanzte Liebesszene nach indischem Geschmack. Und was könnte aus Sicht eines indischen Zuschauers exotischer sein als ein schneebedecktes Gebirge?

"Wir haben den Himalaja, aber es ist schwierig, dort zu drehen", sagt Aashish Singh, "in Kashmir ist die politische Situation problematisch, und in vielen Regionen gibt es nicht die nötige Infrastruktur." Also dreht man lieber in den neuseeländischen, Schweizer oder österreichischen Bergen. Und stellt neben die indischen Stars Eingeborene in Dirndl und Lederhose. Darauf legen die Regisseure wert.

Yash Chopra, Gründer der Tiger-Produktionsfirma Yash Raj Films, ist Pionier im indischen Alpen-Romantik-Genre. Er drehte 14 erfolgreiche Filme in der Schweiz. Die Folge: Millionen Inder reisen zu den Sehnsuchtsorten aus den Bollywood-Filmen, nach Engelberg und Grindelwald. Eine Bergbahn-Gondel und ein See wurden sogar nach Chopra benannt, auf dem Jungfraujoch gibt es ein indisches Restaurant. Doch die Schweiz ist mittlerweile zu teuer geworden, also weichen die Inder nach Tirol aus - wo der Filmtourismus gezielt angekurbelt wird. Die Filmkommission Cine Tirol und Innsbruck Tourismus haben sogar einen eigenen Repräsentanten in Mumbai. Der fädelt dann die Produktionen in Zusammenarbeit mit den Tourismusämtern ein.

16 Drehtage sind für die Aufnahmen in der Region Innsbruck sowie im Kaunertal und Hall in Tirol anberaumt. Weitere Drehorte für "Tiger Zinda Hai" sind Indien, Abu Dhabi und Marokko. Österreich, Tirol und Innsbruck werden im Film namentlich als Lebensmittelpunkt der Hauptdarsteller genannt. In Tirol hofft man auf "enorme mediale und auch filmtouristische Effekte". Was sonst. "Wir freuen uns sehr, dass die alpinen Drehorte unseres Landes über indische Filme ein vielfaches Millionenpublikum in Indien sowie rund um den Globus erreichen", sagt Johannes Köck, Chef von Cine Tirol, "sie inspirieren immer mehr indische Gäste, diese Locations im Rahmen ihrer Europareise vor Ort zu besuchen."

80 indische Film- und Fernsehproduktionen hat seine Organisation schon nach Tirol geholt - touristisches Product Placement in ganz großem Stil. "Österreich und Indien können beide davon profitieren", sagt Aashish Singh.

Im Januar reiste Singh zum ersten Mal von Mumbai nach Tirol, um die Drehorte für den Tiger-Thriller zu besichtigen. Außer in Praxmar drehen die Inder in Lüsens, Kühtai und in der Innsbrucker Altstadt. "Es war sehr, sehr kalt", sagt der Produzent, und man hat fast das Gefühl, er friere immer noch. Die verschneite Landschaft hätte ihn aber auf Anhieb beeindruckt. "Und die Leute waren sehr warmherzig, das ist nicht selbstverständlich." Selbst als in Innsbruck der Platz vor dem Goldenen Dachl für die Bollywood-Filmer gesperrt wurde, maulte niemand.

Die Luft ist mild, das Essen scharf. Wichtiger Standortvorteil für Tirol

Welche Szenen genau in Praxmar gedreht werden, bleibt geheim. Natürlich. Männer mit Tiger-T-Shirts verwehren neugierigen Passanten den Durchgang zum Set. "Es wird jedenfalls sehr spektakulär werden", sagt Aashish Singh. Die Action-Szenen werden von Stuntkoordinator Tom Sturthers inszeniert, der auch für "X-Men: Erste Entscheidung" und "The Dark Knight" tätig war. Bei diesem Personal kann man davon ausgehen, dass nicht nur getanzt und geschmust wird. Es wird krachen. Im Moment aber ist es wunderbar ruhig in Praxmar. Drehpause.

Kabelträger, Kameraassistenten und Beleuchter strömen in Richtung Gasthaus. Lunchtime. Im Restaurant ist ein Buffet mit Knödeln, Salat und Kuchen aufgebaut. Doch die meisten Leute von der Filmcrew stellen sich am Imbisswagen an, wo gerade ein indischer Koch vegetarisches Curry aus einem Kessel schöpft. Die Luft ist mild, das Essen scharf. "Das indische Essen hier ist ausgezeichnet", lobt Aashish Singh, "das ist auch ein Grund, warum wir so gerne hier arbeiten." Ein wichtiger Standortvorteil für Tirol als Film-Location.