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Österreich:Aufregung um ruppige Festnahme in Wien

  • Mehrere Polizisten nehmen am hellichten Tag in der Wiener Innenstadt am Montag einen Mann fest. Dabei gehen die Beamten äußerst ruppig vor, ein Polizist kniet auf dem Kopf des am Boden liegenden Mannes.
  • Angeblich handelt es sich um einen psychisch Kranken, der eine junge Frau verfolgt habe und dann in einer beliebten Einkaufsstraße gegenüber den Polizisten handgreiflich geworden sei.
  • Passanten filmen die Szene mit ihren Handys, unter anderem ein Student, der sie ins Internet stellt. Bei Facebook wird der Zweiminüter binnen eines halben Tages mehr als 140 000 Mal angesehen.
  • In letzter Zeit werden vermehrt Vorwürfe gegen die österreichische Polizei laut. In einem Fall soll eine 47-Jährige Frau von mehreren Polizisten körperlich misshandelt worden sein.

Wer in Wien shoppen will, geht gern die Mariahilfer Straße entlang. Dort tummeln sich Tausende zwischen den Schuhgeschäften und Elektronikläden, bevor sie in einer Seitengasse eine Melange trinken. Nach kräftigem lokalpolitischen Tamtam ist die Einkaufsstraße weitgehend Fußgängerzone, verkehrsberuhigt und angeblich sicherer. Doch an diesem Montag ging es in der Straße, die "Mahü" abgekürzt wird, gar nicht friedlich zu.

Gegen 14 Uhr liegt ein Mann auf dem Boden. Über ihm drei Polizisten, sie halten ihn fest, drücken ihn runter. Anfangs bäumt sich der Mann auf, dann regt er sich kaum noch. Immer mehr Beamte kommen dazu, knien auf seinem Körper. Zuerst nimmt ihn einer in den Schwitzkasten, dann hält ihn einer am Hals fest.

"Hilfe", japst der Mann, sein Gesicht ist rot. "Ich tu nix", "Keine Luft" und immer wieder: "Bitte". Eine Traube von Passanten bildet sich. "Er kriegt keine Luft", rufen einige. "Lassen Sie seinen Hals los!", schreit ein Mann, und: "Sie brauchen ihn nicht würgen!" Einer der Passanten ruft in Anspielung auf Polizeigewalt in den USA: "Samma wir jetzt in Amerika, oder?"

Die Beamten beeindruckt der Protest nicht. Ein Polizist, der später dazukommt, kniet auf dem Kopf des am Boden liegenden Mannes. Dann endet die Video-Sequenz nach etwas mehr als zwei Minuten.

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(Foto: Stefan Pausa)

Das Video ist seit dem späten Montagabend im Internet zu sehen. Student Stefan Pausa hat es aufgenommen und bei Facebook hochgeladen. Dort ist es schon mehr als 140 000 Mal aufgerufen worden.

Pausa zufolge machte der Festgenommene einen verwirrten Eindruckt. Der Mann habe am Anfang des Gerangels nach der Polizei gerufen. "Er meinte, dass das keine echte Polizei wäre", sagt Pausa zu SZ.de. "Besonders aggressiv" habe der Mann nicht gewirkt. "Wie er gewürgt wurde, hat er sich natürlicherweise gewehrt", so Pausa. Aber das "würde wohl jeder in der Situation". Einer der Beamten habe dem am wehrlosen Mann "seinen Schlüssel auf die Schläfe" gepresst.

Die Polizei nennt nur Verletzungen von Beamten

Inzwischen schilderte die Wiener Polizei in einer Pressemitteilung den Fall. Der Titel: "Zwei verletzte Polizisten nach Widerstand gegen die Staatsgewalt". Demnach sei der Mann einer junge Frau nachgegangen und ihr bis in ein Geschäft gefolgt. Nachdem die Frau Freunde alarmiert hatte, ging der Mann demnach aus dem Geschäft hinaus auf die Mariahilfer Straße. Dort habe eine Polizeistreife ihn nach dem Ausweis gefragt, worauf dieser angeblich um sich schlug und schrie. Dann habe das Handgemenge begonnen, schreibt die Polizei. Zwei Beamte seien verletzt worden.

Von Verletzungen des Mannes schreibt die Polizei nichts. Chefinspektor Roman Hahslinger gibt dazu Auskunft am Telefon. Der Festgenommene habe Abschürfungen im Gesicht, sagt der Pressesprecher zu SZ.de. Offenbar handelt es sich um einen Mann der an Schizophrenie leide und seine Medikamente nicht genommen habe. Der Mann habe "ziemlich stark getobt" und sei deshalb von mehreren Beamten fixiert worden.

Ob der Einsatz verhältnismäßig sei? Hahslinger meint, es sei nicht an ihm, das zu beurteilen, und verweist an eine Überprüfung durch die Staatsanwaltschaft und "einsatztaktisch durch Einsatztrainer". Dass ein Knie auf dem Kopf eines wehrlosen, am Boden liegenden Mannes nicht normal ist, räumt er allerdings ein. Man hätte "vielleicht schneller handeln" und den Mann zügiger wegbringen sollen, sagt Hahslinger.

Von der Polizei zur Täterin gemacht?

Die Causa sorgt auch deshalb für Aufsehen, weil immer wieder Vorwürfe gegen die Wiener Sicherheitskräfte laut werden. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Überwachungsvideo öffentlich, das zeigt, wie eine 47-Jährige Unternehmerin in der Silvesternacht an einer Tankstelle mit Beamten aneinandergerät. Seit dem 13. März ist es auf Youtube zu sehen. Wie die Stadtzeitung Falter berichtete, soll die Frau "ohne triftigen Anlass in der Obhut der Polizei" verletzt, gedemütigt und anschließend ihrer Freiheit beraubt worden sein.

Denn die Misshandlungsanzeige der Frau gegen die Polizisten wurde dem Falter zufolge anfangs ignoriert. Stattdessen bekam die 47-Jährige Post von der Staatsanwaltschaft: Nun wurde ihr "Widerstand gegen die Staatsgewalt" vorgeworfen - und "schwere Körperverletzung".