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Ölpest im Golf von Mexiko:Tropensturm stoppt Entlastungsbohrung

Tropenstürme stören die Arbeit am lecken Bohrloch im Golf von Mexiko: BP bricht die Entlastungsbohrung ab - und muss möglicherweise die Verschlusskappe wieder öffnen.

Für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist das Ziel, die Quelle der versunkenen Bohrinsel Deepwater Horizon langfristig zu versiegeln, wieder in weite Ferne gerückt: Wegen eines aufziehenden Sturms in der Karibik hat der Ölkonzern BP vorübergehend eine Entlastungsbohrung an der Ölquelle gestoppt. Die Arbeiten seien ausgesetzt und der Bohrschacht verschlossen worden, da man kein Risiko eingehen wolle, sagte BP-Vizepräsident Kent Wells. Durch den Schacht sollen baldmöglichst Schlamm und Zement in die Ölquelle gepumpt werden und sie so zum Versiegen zu bringen. Doch laut Wetterbericht könnte am Wochenende ein Tropensturm in das Gebiet ziehen.

Ölleck vor US-Küste vorübergehend abgedichtet

Die Bilder des ersten Erfolgs: links die sprudelnde Ölquelle am 13. Juli, rechts das abgedichtete Ölleck am 16. Juli. Erstmals seit drei Monaten strömte vergangene Woche kein Öl mehr aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko. Experten von BP ist es gelungen, alle Ventile eines Auffangzylinders in 1500 Meter Tiefe zu schließen.

(Foto: dpa)

Falls die Einsatzkräfte abgezogen werden müssen, kann die Arbeit erst in etwa zwei Wochen wieder aufgenommen werden. Zuletzt war vorgesehen, den Entlastungstunnel bis Ende Juli fertigzustellen und die Quelle Anfang August zu schließen.

Auch die riesige Verschlusskappe, die das austretende Öl seit Ende vergangener Woche auffängt, muss möglicherweise wieder geöffnet werden, wie der Sonderbeauftragte der Regierung, Thad Allen, sagte. Dies gelte für den Fall, dass BP wegen des Sturms die Lage unter Wasser am defekten Bohrloch nicht mehr unter Beobachtung halten könne. Dann fließe erneut tagelang Öl ins Meer.

Kapitäne in die Häfen geschickt

Vier Ölkonzerne einigten sich unterdessen auf die Bildung eines neuen Unternehmens zur Bekämpfung von Öllecks bei Unterwasserbohrungen. Dafür wollen sie insgesamt eine Milliarde Dollar (780 Millionen Euro) bereitstellen. Nach Angaben des Amerikanischen Petroleum-Instituts soll die neue Firma innerhalb von 24 Stunden nach einem Zwischenfall einsatzbereit sein und Lecks bis in 3000 Meter Tiefe eindämmen können. BP gehört nicht zu den beteiligten Unternehmen.

Kapitäne von Booten, die BP zum Abschöpfen des Öls anheuerte, wurden wegen des nahenden Sturms zurück in die Häfen geschickt, wie der Präsident der Fischervereinigung Orange Beach in Alabama sagte. In Florida entfernten Arbeiter Ölsperren aus dem Wasser, da sie vom Wind in sensible Feuchtgebiete getrieben werden könnten.

Etwa ein Drittel des insgesamt bei der Ölkatastrophe ausgelaufenen Rohstoffs befinden sich nach US-Angaben noch im Golf von Mexiko. Der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, erklärte am Dienstag, man müsse von etwa 1,6 Millionen Barrel (etwa 254 Millionen Liter) Öl ausgehen, die noch im Meer seien. Nach US-Schätzungen seien insgesamt 5,4 Millionen Barrel aus der Quelle ausgetreten, wenn von 60.000 Barrel pro Tag ausgegangen werde. 2,6 Millionen Barrel davon seien entweder verdunstet oder biologisch abgebaut worden. 823.000 Barrel seien von Schiffen aufgenommen, 262.000 verbrannt und 100.000 von der Oberfläche abgeschöpft worden.

Politische Probleme

Zu den Zwischenfällen im Golf kommen die Verflechtungen des BP-Konzerns in die Politik als Problemherd hinzu - BP steht neuer Ärger in den USA ins Haus. BP-Chef John Hayward soll in der kommenden Woche vor einem Ausschuss des US-Senats zur Rolle des Ölkonzerns bei der vorzeitigen Freilassung des Lockerbie-Attentäters 2009 befragt werden. Auch der damalige BP-Berater Mark Allen solle befragt werden. Das Thema war in dieser Woche auch beim Treffen des britischen Premierministers David Cameron mit US-Präsident Barack Obama in Washington besprochen worden. Dabei war Cameron Vorwürfen entgegengetreten, BP habe die Freilassung des Attentäters durchgesetzt.

Der Lockerbie-Attentäter Abdel Basset al-Megrahi war im August 2009 acht Jahre nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft vorzeitig aus dem Gefängnis in Schottland entlassen worden. Megrahi sei unheilbar an Krebs erkrankt, hatte Schottland damals erklärt - doch nun, ein knappes Jahr später, erfreut er sich offenbar bester Gesundheit. Er war wie ein Staatsheld in Libyen empfangen worden.

270 Menschen getötet

1988 waren bei dem Anschlag auf ein Pan-Am-Flugzeug, das über der schottischen Ortschaft Lockerbie abstürzte, 270 Menschen getötet worden. Die meisten Opfer waren US-Amerikaner.

BP hatte jüngst eingeräumt, 2005 bei der britischen Regierung vorstellig geworden zu sein. Man sei besorgt gewesen, dass Verzögerungen bei der Freilassung ein Bohrvorhaben vor der libyschen Küste beeinträchtigen könnten. In der Sache selbst habe BP aber nicht Einfluss genommen, erklärte der Konzern.

Der damalige britische Justizminister Jack Straw hatte im September 2009 erklärt, Handelsfragen hätten bei der Freilassung des Attentäters al-Megrahi eine sehr große Rolle gespielt. Die Entscheidung habe den britisch-libyschen Beziehungen gedient und einem Vertrag von BP mit dem nordafrikanischen Land den Weg geebnet. Der damalige Premierminister Gordon Brown hat hingegen wiederholt erklärt, Wirtschaftsfragen hätten keine Rolle gespielt.

© AP/Reuters/ehr/dgr
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