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Ölpest im Golf von Mexiko:Nüchtern gegen den Tiefenrausch

Die Industrie führt mit Nachdruck die Kostspieligkeit von Umweltschutz ins Feld - bis dann eben eine Katastrophe passiert. Das ist die gleiche Taktik wie einst bei Öltankern. Dabei müssten Ölbohrungen weit unten im Ozean verboten werden, ehe das nächste Desaster naht.

Jeanne Rubner

Im Kampf um billiges Öl gibt es einen Bösewicht: BP. Der Konzern hat in den Tiefen des Golfs von Mexiko geschlampt und die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA verursacht. BP wird dafür büßen, mit seinem Ansehen und mit Milliarden Dollar an Entschädigung. Damit aber ist es nicht getan, denn die Folgen des Untergangs der Bohrinsel Deepwater Horizon reichen weiter als bis zu den Sandstränden von Florida und den Mangrovensümpfen Louisianas. Leicht zugängliches Öl ist rar geworden, die Hoffnungen nicht nur von BP, sondern der gesamten Ölbranche ruhen auf der Tiefseebohrung.

Ölpest im Golf von Mexiko - Strand von Mississippi

Arbeiter sammeln am Strand von Mississippi Teerklumpen ein und entfernen den schmierigen Ölfilm vom Sand. Während BP weiter damit kämpft, dass Leck abzuschließen, schwappt weiter Öl an die Küsten von Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida.

(Foto: dpa)

Während viele Menschen auf das unkontrolliert sprudelnde Loch im Golf starren, hat weitgehend unbemerkt die schottische Firma Cairn zwei Bohrmeißel in den Boden des arktischen Meers westlich von Grönland gerammt. Das ist nur der Anfang: Im August sollen weitere Bohrungen beginnen.

Rettungsaktionen sind schwierig

Auch Brasiliens Staatskonzern Petrobas setzt auf neue Ölfelder in großer Tiefe, bis zu 2000 Meter unter dem Meeresspiegel soll gebohrt werden, manche Vorkommen liegen gar 7000 Meter tief. Immer tiefer, immer weiter weg von der Küste, in immer exotischeren Regionen: Das ist gefährlich - nicht nur, weil kaum ergründet ist, wie empfindlich die Arktis und der weitgehend unerforschte Meeresgrund auf Öl reagieren oder wie sich die Chemikalien, die bei jeder Bohrung eingesetzt werden, auf die Nahrungskette auswirken. Die Bohrungen sind auch deshalb riskant, weil Rettungsaktionen immer komplizierter werden, je weiter entfernt von der Zivilisation ein potentieller Schaden zu beheben ist.

Staaten dürfen frei entscheiden, wo und wie tief sie bohren, so lange sie das in der 200 Meilen-Wirtschaftszone vor ihrer Küste tun. Mit diesem Argument lehnt etwa Großbritannien den Vorstoß von EU-Energiekommissar Günther Oettinger ab, alle Tiefseebohrungen zu stoppen, bis die Ursachen der Katastrophe im Golf von Mexiko geklärt sind. Trotzdem ist die Europäische Union nicht machtlos. Denn es gibt Abkommen und Umweltgesetze zum Schutz der Meere, die Brüssel bemühen kann, um die Mitgliedstaaten zu strengeren Sicherheitsvorschriften zu zwingen. Käme es zu einem Unfall in der Nordsee, sind schließlich mehrere EU-Länder betroffen.

Bis die Katastrophe passiert

Nun verweisen die Ölkonzerne immer darauf, dass in Europa alles viel sicherer als anderswo sei. Auf diesen bekannten Reflex sollte die Politik nicht achten. Die Industrie führt immer die Kostspieligkeit des Umweltschutzes ins Spiel - bis dann eben die Katastrophe passiert.

Ein gutes Beispiel geben die Öltanker ab. Zu teuer, hieß es stets, wenn Umweltschützer doppelwandige Schiffe forderten. Doch erst als im Dezember 1999 der Tanker Erika in den Wellen des Atlantiks zerbarst und die Küsten der Bretagne verseuchte, und nur drei Jahre später die Prestige vor Galicien auseinanderbrach, konnte die Kommission entsprechende Regeln durchsetzen. Auch die USA handelten unter dem Exxon Valdez-Schock - heute schreibt die UN-Schifffahrtsbehörde vor, dass nur noch Tanker mit Schutzhülle gebaut werden dürfen, und von 2015 an alle einwandigen Ölkähne von den Weltmeeren verbannt werden.

Vor dem Umweltschutz kommt fast immer der Unfall. Die Folgen einer Technik müssen den Menschen schmerzhaft deutlich werden, damit der Druck auf die Politik steigt. Es wird mühsam sein, europaweite Bohr-Standards durchzusetzen, von einem internationalen Abkommen ganz zu schweigen. Doch auch beim Klimaschutz hat es zwei Jahrzehnte gedauert, bis das (unzureichende) Kyoto-Protokoll in Kraft trat. Beim Öl sollte keine weitere Katastrophe mehr passieren dürfen, bis man Bohrungen in großer Tiefe oder in abgelegenen und ökologisch sensiblen Regionen einschränkt oder gar verbietet. Der Tiefenrausch hat gerade erst begonnen.

© SZ vom 16.07.2010/ehr
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