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Ölpest im Golf von Mexiko:BP stoppt das Öl - für den Moment

Zum ersten Mal seit der Katastrophe vom 20. April ist es Ingenieuren gelungen, den Ölausfluss komplett zu stoppen. Vermutlich aber nur vorübergehend. Unterdessen bahnt sich neuer Ärger für BP in der Lockerbie-Affäre an.

Reymer Klüver, Washington

Nach mehr als zwölf Wochen Dauer ist ein Ende der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko erstmals in greifbare Nähe gerückt. Technikern des Ölkonzerns BP gelang es um 14.25 Uhr Ortszeit (21.25 Uhr MEZ), den Ölfluss am defekten Bohrloch in 1600 Metern Tiefe völlig zu stoppen. An der Wall Street schossen die Kurse von BP nach Eintreffen der Nachricht bis zum Börsenschluss um mehr als sieben Prozent in die Höhe.

Der Krisenkoordinator der US-Regierung, Admiral Thad Allen, und BP-Vorstand Kent Wells hatten zuvor betont, dass der Ölfluss wahrscheinlich nur vorübergehend unterbrochen werde. Offiziell wurde die Abdichtung des Bohrlochs nur als Test bezeichnet. Die Techniker wollten zunächst offenbar nur Zweierlei erreichen. Zum einen sollte schlicht die Dichtigkeit der neuen Abschlusskappe auf dem Blowout Preventer, dem defekten Sicherheitsventil des Bohrlochs, geprüft werden, die am Wochenanfang installiert worden war. Zum anderen sollte aber mit Hilfe von Druckmessinstrumenten in der neuen Abschlusskappe der Öldruck im Bohrloch gemessen werden. Dafür sind nach Angaben von Allen bis zu 48 Stunden eingeplant, je nach Verlauf des Tests.

Bohrschlamm und Zement

Sollte der Druck rasch und deutlich ansteigen, wäre es ein Zeichen dafür, dass das Bohrloch selbst bei der Explosion nicht beschädigt wurde, die am 20. April zum Untergang der Bohrinsel Deepwater Horizon führte. Würde sich der Druck hingegen nicht wie erwartet erhöhen, deutete das darauf hin, dass das Öl noch einen anderen Weg findet, um aus dem defekten Bohrloch zu entweichen. Das wiederum dürfte die endgültige Versiegelung des Bohrlochs komplizierter gestalten.

Nach bisherigen Planungen soll das Loch mit Bohrschlamm und Zement verstopft werden, die durch eine zweite, inzwischen in unmittelbare Nähe vorangetriebene Bohrung in die Tiefe gepumpt werden sollen. Das dürfte frühestens Ende des Monats der Fall sein. Nach offiziellen Schätzungen strömten zuletzt jeden Tag zwischen fünf und neun Millionen Liter Rohöl aus dem Bohrloch.

BP hatte den Versuch, das ölspeiende Loch in 1600 Metern Tiefe mit Hilfe einer neuen stählernen Kappe abzudichten, am Dienstag zunächst auf Druck des Weißen Hauses verschieben müssen. Experten der US-Regierung hatten plötzlich Sorge, dass das Bohrloch durch den Test noch weiter beschädigt werden könnte.

Drei Anläufe

Kaum waren diese Zweifel zerstreut und die ersten beiden von drei noch offen stehenden Abschlussklappen in der Stahlkappe geschlossen, musste das Experiment in der Nacht zum Donnerstag wieder unterbrochen werden. Diesmal hielt ein weiteres kleines Leck die Arbeiten zum Verschließen des großen Bohrlochs auf: In einem Verbindungsrohr zur neuen Abschlusskappe wurde eine undichte Stelle ausgemacht, die erst einmal geschlossen werden musste. Am Donnerstagmorgen indes erklärte der Ölkonzern, dass das Problem behoben sei. "Wir sehen zu, dass wir den Test so schnell wie möglich beginnen", sagte BP-Vorstand Wells.

Sollte die Abschlusskappe dichthalten, erwägen die BP-Experten offenbar, auch weiterhin Öl durch an die Kappe angeschlossene Absaugrohre an die Meeresoberfläche zu pumpen. Dort liegen die Bohrinsel Q4000 und das Bohrschiff Helix Producer. Auf ihnen war bereits bisher ein Teil des in der Tiefe aufgefangenen Öls verbrannt worden. Völlig ausgeschlossen ist aber auch nicht, dass die Ventile in der Abschlusskappe wieder geöffnet werden müssen. Das hängt offenbar ganz von den Druckverhältnissen ab, die in der Kappe gemessen werden.

Unterdessen bahnt sich neuer Ärger für BP an: Am 29. Juli muss sich BP vor dem Ausschuss für Auswärtige Beziehungen im US-Senat Vorwürfen stellen, der Konzern habe auf die Freilassung des libyschen Lockerbie-Attentäters Abdel Basset al-Megrahi aus schottischer Haft Einfluss genommen.

Der Vorsitzende des Ausschusses, John Kerry, erklärte am Donnerstag, Details, die in den letzten Tagen in der Presse zu lesen waren, hätten neue Bedenken aufgeworfen. BP hatte zuvor eingeräumt, bei der britischen Regierung vorstellig geworden zu sein. Man sei besorgt gewesen, dass Verzögerungen bei der Freilassung Al-Megrahis ein Bohrvorhaben vor der libyschen Küste beeinträchtigen könnten. BP erklärte jedoch, in der Sache selbst nicht Einfluss genommen zu haben.

© SZ vom 16.07.2010/ehr
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