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Öffentliche Verkehrsmittel:Ich fahre schwarz

Oft erwischt, bislang nie verurteilt: Jörg Bergstedt wurde 2016 in Frankfurt vor Gericht freigesprochen, weil er beim Schwarzfahren einen Anstecker mit der Aufschrift "Ich fahre umsonst" getragen hatte.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)
  • Schwarzfahren kann in Deutschland mit einer Gefängnisstrafe belegt werden.
  • Nun wird darüber diskutiert, ob die Strafen zu hart sind.
  • Jörg Bergstedt löst aus Prinzip keine Tickets - und bekommt dafür teilweise von Kontrolleuren recht.

Um in Deutschland ins Gefängnis zu kommen, muss man kein besonders schweres Verbrechen begehen. Es reicht, ein paar Mal mit dem Zug von Berlin nach Nordrhein-Westfalen zu fahren. Ohne Ticket. Wie der 58-jährige Obdachlose, der das Grab seiner Frau besuchen wollte. Weil er dabei nie eine Fahrkarte löste, kam er vor Gericht und wurde zu 16 Monaten Haft verurteilt. Oder der 29-Jährige, der mehrmals in Düsseldorf unterwegs war, ohne zu bezahlen: 247 Tage Freiheitsstrafe. Oder ein 35-jähriger Pole: Bei einer Polizeikontrolle erfuhr er, dass er per Haftbefehl gesucht wurde. Weil er schwarzgefahren war und die Strafe nicht bezahlt hatte.

Anfang des Jahres brachen neun Gefangene auf spektakuläre Weise aus der Berliner Justizvollzugsanstalt Plötzensee aus. Fünf von ihnen waren dort wegen Ersatzfreiheitsstrafen gelandet, unter anderem, weil sie ohne Fahrkarte unterwegs gewesen waren. Ist Schwarzfahren wirklich ein derart großes Problem für die Gesellschaft, dass Menschen dafür ins Gefängnis müssen? Ist das verhältnismäßig? Zumindest in Berlin wird diese Frage nun wieder häufiger gestellt, nicht zuletzt deshalb, weil sich in dieser Woche ein junger Mann in der Haftanstalt Plötzensee das Leben genommen hat. Er hätte 70 Tage im Gefängnis verbringen müssen, weil er ohne Ticket gefahren war und die Geldstrafe nicht bezahlen konnte.

Moralisch ist der Fall klar. Wer ohne Fahrkarte unterwegs ist, schadet dem Gemeinwesen, das viel Geld in den öffentlichen Nahverkehr pumpt. So wie Leute der Allgemeinheit schaden, die Steuern hinterziehen. Juristisch gesehen erschleicht man beim Schwarzfahren Leistungen, wie jemand, der sich ohne Eintrittskarte in ein Konzert schmuggelt oder die Schranke beim Bezahlfernsehen umgeht.

Es gibt Seminare zum "Aktions-Schwarzfahren"

Aber muss man deswegen wie ein Verbrecher behandelt werden? Nachfrage bei einem notorischen Schwarzfahrer. Jörg Bergstedt, 53 Jahre alt, ist Vollzeitaktivist seit dem 14. Lebensjahr. Über ihn gibt es einen eigenen Wikipedia-Artikel, der ziemlich episch von jahrelangen Raufereien mit der deutschen Justiz erzählt. Seit zehn Jahren ist er darüber hinaus Schwarzfahrer. "Aktions-Schwarzfahrer", sagt er.

Man erreicht ihn telefonisch in Wurzen, mit dem Regionalexpress 17 Minuten vom Leipziger Hauptbahnhof entfernt. Dort hat er gerade drei Tage ein Training abgehalten, kreative Aktionsformen. "Straßentheater, filigrane Sabotage, Kommunikations-Guerilla", sagt Jörg Bergstedt. Auch Aktions-Schwarzfahren stand auf dem Stundenplan, also Schwarzfahren, bei dem der Schwarzfahrer mit einem Schild sichtbar macht, dass er ein Schwarzfahrer ist. Schwarzfahren als politische Demonstration.

"Wenn ich schwarzfahre, dann offen. Das bedeutet, dass ich ein Schild trage, worauf steht: Ich fahre umsonst. Viele Fahrgäste sprechen mich darauf an. Und ich sage den Leuten immer, wie ineffizient das Fahrkartensystem ist, die Automaten, die Kontrolleure, die Strafverfolgung von Schwarzfahrern. Die Hälfte der Menschen sagt hinterher: Eigentlich hast du recht. In Städten wie Berlin machen manche sogar Selfies mit mir."

Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), in dem sich die öffentlichen Verkehrsbetriebe organisiert haben, sagt: Drei Prozent aller Fahrgäste haben kein Ticket, die Zahlen schwanken, je nachdem, wie viel kontrolliert wird. Schwarzfahren verursacht Wagner zufolge in Deutschland jedes Jahr einen Schaden von 250 Millionen Euro, dazu kämen 100 Millionen Euro an Kosten für Kontrollen und Personal.

Dass Leute, die mehrmals schwarzfahren, angezeigt und vor Gericht gebracht werden können, sei die einzige wirksame Möglichkeit der Abschreckung. Und nur weil Schwarzfahren eine Straftat sei, dürften Kontrolleure Leute ohne Ticket festhalten und die Personalien aufnehmen. Er verstehe die Diskussion überhaupt nicht, "Ladendiebstähle werden ja auch verfolgt".

In der Justiz sieht man das anders. Immer wieder gibt es die Idee, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren. Zuletzt nannte es der Justizminister von Nordrhein-Westfalen, Peter Biesenbach (CDU), "eine Fehlentwicklung", dass jemandem, der einmal keine Kurzstreckenkarte für 1,50 Euro gekauft habe, eine Gefängnisstrafe drohe. Biesenbach schlägt vor, Schwarzfahren wie Falschparken zu behandeln, also als Ordnungswidrigkeit.

"Für eine Schwarzfahrt verurteilt wurde ich bisher noch nicht. Verboten ist ja nicht das Fahren ohne Fahrkarte, sondern die Heimlichkeit, das zu tun, der Betrug. So steht es im Gesetzestext. Wenn ich beim Schwarzfahren ein Schild trage, das mich als Schwarzfahrer kennzeichnet, ist es nicht mehr heimlich."

In manchen Gefängnissen sitzen so viele Schwarzfahrer, dass die Zellen knapp werden. In der Berliner Haftanstalt Plötzensee gab es schon Zeiten, in denen jeder dritte Gefangene wegen Schwarzfahrens einsaß. Die meisten landen dort, weil sie keine Arbeit haben oder obdachlos sind und daher die Geldstrafen nicht bezahlen können. Oder weil sie so oft wegen Schwarzfahrens verurteilt wurden, dass ein Gericht eine Haftstrafe verhängen musste. Manche sitzen aus Prinzip. Weil sie finden, dass sie ein Recht haben, umsonst von A nach B transportiert zu werden, und so viele Geldstrafen auflaufen lassen, bis sie diese absitzen müssen.

Schwarzfahrer Bergstedt musste bislang noch nicht ins Gefängnis, einmal wurde er angeklagt und freigesprochen, andere Verfahren laufen noch. Wenn es nach ihm ginge, würden es alle Leute so machen wie er. So lange, bis man die öffentlichen Verkehrsmittel zum Nulltarif benutzen kann. Bislang gibt es in Deutschland allerdings nur 30 bis 50 Menschen, die aus Prinzip schwarz fahren, einmal waren sie sogar zu viert in einem ICE und haben Flyer verteilt.

Unterstützung bekommen die Aktivisten von unerwarteter Seite - vom Deutschen Richterbund. Dort fragt man sich, ob Schwarzfahren wirklich Sache der Strafjustiz sein müsse, die ohnehin schon heillos überlastet ist. Von den Kosten der Verfahren mal ganz abgesehen, die Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und den Justizvollzug beschäftigen. Jens Gnisa, der Vorsitzende des Deutschen Richterbunds, findet, es sei Sache der Verkehrsbetriebe, die Leute am Schwarzfahren zu hindern. Durch Schranken oder Zugangskontrollen etwa. Und "wenn sie das aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus nicht tun, dann darf nicht der Steuerzahler als Lückenbüßer herhalten".

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Davon wiederum halten die Verkehrsunternehmen nichts. Schranken seien teuer und würden keinen Schwarzfahrer abhalten, wie man in anderen Ländern sehe. Dafür würde Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen das Leben unnötig schwer gemacht, sagt Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. Teuer sei das Ganze auch, ganz im Gegensatz zum erhöhten Beförderungsentgelt, das vor einigen Jahren von 40 auf gerade mal 60 Euro hinaufgesetzt worden sei und nicht einmal gestaffelt ist. Wie etwa in der Schweiz, wo es Schwarzfahrer-Register gibt und man bei jedem Mal Erwischtwerden empfindlich mehr bezahlt. "Kein Billet, kein Pardon", schrieb ein Schweizer Magazin.

"Die Reaktion der Kontrolleure ist sehr unterschiedlich: Manche sind froh, weil ich ja sofort meinen Personalausweis herzeige und auch sonst keinen Stress mache. Manche setzen sich zu mir, und dann diskutieren wir ein wenig über Bahnpolitik. Es kam schon vor, dass Kontrolleure sagten: Finde ich gut, deine Idee, fahr mal weiter.

In Deutschland wird wohl erst mal alles beim Alten bleiben. Drei Prozent der Fahrgäste werden schwarzfahren, die Verkehrsbetriebe werden Schwerpunktkontrollen abhalten und Fahrkartenkontrolleure losschicken. Von denen hin und wieder einer Mitleid haben wird, wie bei der Begebenheit, über die jemand kürzlich auf Twitter schrieb. "Kontrolle in der S 2. Alte Frau flüstert leise: 'Ich habe keinen.' Kontrolleur schaut sich um. 'Hmmm, doch, da liegt einer. Danke, schönen Tag noch.'"

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