Obdachlose im Winter "Wo es warm ist, musst du konsumieren"

Im Winter finden Obdachlose im Freien selten Schlafstellen, an denen sie es über Monate aushalten können.

(Foto: dpa)

Im Winter wird aus dem Leben auf der Straße ein Überleben auf der Straße. Ein Dortmunder Obdachloser erzählt, wie er durchkommt und wie Weihnachten trotzdem schön wird.

Interview von Janis Beenen, Dortmund

Statt sich vom Servierwagen zu bedienen, hat sich Stefan Cramer zum Frühstück eine Pizza mitgebracht. Nicht die Aussicht auf ein leckeres Essen, sondern die Kälte hat den 39-Jährigen an diesem Dezembermorgen in die Dortmunder Obdachloseneinrichtung Gast-Haus getrieben. Der Raum ist überfüllt, es riecht nach kaltem Schweiß, wenigstens ist es warm. Cramer kennt die wichtigen Anlaufstellen im Winter. Seit dem 19. Januar 2017 lebt er auf der Straße. Erst kamen psychische Probleme und Schulden, dann eine Zwangsräumung. Seitdem schlägt sich Cramer wie Tausende Obdachlose in Deutschland irgendwie durch.

SZ: Herr Cramer, wie verbringen Sie Heiligabend?

Stefan Cramer: Frühstücken werde ich wohl nicht. Es gibt eh genug zu essen an dem Tag. Ich besuche nachmittags zwei Gottesdienste. Dann gehe ich vielleicht mal zur Diakonie. Abends bin ich bei einem Essen von katholischer und evangelischer Kirche eingeladen. Da kommen Ältere und Obdachlose. Der Pfarrer ist 'ne richtig coole Sau. Um 23 Uhr mache ich wahrscheinlich noch die Christmette mit.

Der Glaube hilft Ihnen?

Das ist die Ruhe in der Kirche. Dort geht es darum, Mensch zu sein. Jeder ist willkommen. Ich erlebe dort auch menschliche Nähe, kenne das ganze Personal, mit einer Pfarrerin bin ich per Du.

Politik in München Leben unter der Brücke
Obdachlosigkeit in München

Leben unter der Brücke

Zwei obdachlose Frauen haben sich an der Isar eine Art Wohnraum geschaffen. Doch dann kam ein Feuer - und die Stadt.   Reportage von Julia Huber und Stefanie Witterauf

Wie verändert sich im Winter Ihr Leben auf der Straße?

Im Sommer sitze ich abends am U-Turm. Teilweise kannst du da schön den Sonnenuntergang sehen. Die Leute treffen sich und machen Musik. Im Winter ist es viel zu kalt dafür.

Was ist die Alternative?

Abends ist man erst mal im Gast-Haus. Ab acht Uhr muss man sehen, dass man die Zeit rumkriegt. Im letzten Jahr bin ich mit dem Fahrrad rumgefahren oder habe noch was zu essen gekauft. Dann bin ich zu meinem Schlafplatz. Da kann ich erst ab 22.45 Uhr hin.

Die Kälte schränkt Sie ein?

Na ja, wenn es auch noch regnet, is' es scheiße. Dann geht nicht mehr viel. Du musst dich unterstellen, damit nicht alles nass wird. Und wenn du irgendwo rein willst, wo es warm ist, musst du konsumieren. Das kostet Geld. Der Winter ist teurer, im Sommer trinke ich abends meine 19-Cent-Cola.

Was ist für Sie das Wichtigste, wenn es kalt wird?

Dass ich einen guten Schlafsack habe. Meiner wurde mir zwei Mal geklaut. Mittlerweile trage ich den immer mit mir. Leider schränkt das Schleppen meine Reichweite ein.

Wenn es richtig kalt wird, reicht der Schlafsack nicht mehr. Jedes Jahr lesen wir von Menschen, die auf der Straße erfrieren. Wie bereiten Sie sich auf die extremen Tage vor?

Zum Glück war es in diesem Winter erst in einer Nacht richtig kalt. Letztes Jahr hatte ich zu dieser Zeit die Schnauze voll. Da habe ich in der Übernachtungsstelle für Wohnungslose überwintert. Da gehe ich dieses Jahr wohl wieder hin.

Warum sind Sie nicht dauerhaft dort?

Am Tag, als meine Wohnung geräumt wurde, habe ich mich in der Männerübernachtungsstelle angemeldet. Ein Achterzimmer als Aufnahmeraum. Da hat man keine Privatsphäre, aber ich war ja auch beim Bund mit vier Leuten auf der Stube. Trotzdem penne ich seit sieben Monaten lieber draußen. Es war super Wetter. Klar, die Unterkunft ist eigentlich besser. Aber da musst du immer um 7.45 Uhr aus dem Haus. Draußen reglementiert mich keiner.

Sind die Passanten hilfsbereiter im Winter?

Wenn man dir ansieht, dass du arm bist, kommen 'ne Menge Leute und geben dir einen aus. Wenn es kalt ist, ist das noch mal stärker.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

In Köln gab es zuletzt eine Aktion, bei der Menschen Mäntel für Obdachlose in Bäume gehängt haben. Hilft das?

Kleiderspenden sind gut. Man kann den Leuten auf der Straße auch Geld geben. Früher dachte ich, denen würde ich kein Bier holen. Heute sage ich: Scheiß' drauf. Wenn du einem kein Geld gibst, bekommt der trotzdem irgendwo sein Bier her.

Viele haben Sorge, dass Obdachlose von ihrer Spende noch härtere Drogen kaufen.

Einige sagen dem Obdachlosen noch, dass er keine Drogen kaufen soll. Aber natürlich kauft der welche. Der ist so kaputt, der muss sich breit machen, sonst hält der es nicht mehr aus. Die müssen selber an den Punkt kommen, an dem sie erkennen, dass es nicht weitergeht. Die meisten schaffen es nicht und sterben. Außer Keith Richards habe ich nie einen Junkie erlebt, der 60 Jahre alt wurde.

Was ist mit Essen? Sind Sie da versorgt?

Verhungern kann man nicht, das ist schön. In Dortmund haben wir viele Anlaufstellen. Seitdem ich meine Wohnung verloren habe, habe ich 18 Kilo zugenommen. Jetzt muss ich mal abnehmen. Die Weihnachtszeit ist natürlich gehaltvoll. Aber ansonsten fehlt es an Hilfe. In der Sozialen Arbeit geht es zu wenig um Obdachlose. Man kann nur seine erbärmliche Situation aufrechthalten. Aber eigentlich muss man die Leute doch wieder fit für eine Wohnung machen.

Großbritannien Brot oder Tampons?

Großbritannien

Brot oder Tampons?

Das Königreich hat ein immenses Armutsproblem. Auf der Insel verteilt die Initiative "Beauty Banks" nun mithilfe von Tafeln Hygieneprodukte an Bedürftige. Und das sind vor allem Frauen.   Von Cathrin Kahlweit