Obdachlose in Amsterdam Putzen statt Pöbeln

Ein bisschen Straße fegen für Bier und Tabak: Amsterdamer Alkoholiker sollen so davon abgehalten werden, in Parks ihr Unwesen zu treiben.

Die Stadt Amsterdam möchte obdachlosen Alkoholikern helfen. Mit Arbeit. Wer sechs Stunden lang Straßen kehrt, bekommt fünf Bierdosen, ein halbes Päckchen Tabak und zehn Euro. In der Öffentlichkeit wird derweil darüber gestritten, ob das ethisch vertretbar ist.

Von Laura Hertreiter und Benedikt Warmbrunn

Die meiste Zeit des Tages sind sie betrunken. Schlafen auf Parkbänken, beleidigen Spaziergänger, prügeln sich. Nun geht die Stadt Amsterdam gemeinsam mit der Regenbogen-Stiftung gegen die Alkoholiker im Oosterpark vor. Mit Bier.

Es ist ein Deal, der international für Aufsehen sorgt: Wer sechs Stunden lang Straßen kehrt, bekommt fünf Bierdosen, ein halbes Päckchen Tabak und zehn Euro. Mit diesem Angebot wirbt die staatlich finanzierte Stiftung seit einem Jahr gezielt Suchtkranke als Straßenkehrer an. Jahrelang hatte eine Gruppe von knapp 40 Alkoholabhängigen im Oosterpark im Osten der Stadt randaliert, die Polizei war hilflos, die Stadtverwaltung ebenso. Zu Sozialarbeit ließen sich die Männer nicht motivieren. "Bis wir ihnen als Gegenleistung Alkohol angeboten haben", sagt eine Sprecherin der Initiative. "So beschäftigen wir sie. Wir vermitteln ihnen aber auch mehr Selbstachtung."

Für das Projekt der Regenbogen-Stiftung haben sich 19 Männer freiwillig gemeldet. An drei Tagen in der Woche fegen sie die Bürgersteine, sammeln Müll auf und säubern die Parkanlagen, stets von 9.30 bis 15.30 Uhr. Morgens werden ihnen die ersten beiden Dosen Bier gereicht, und, wenn sie wollen, eine Tasse Kaffee. In der Mittagspause dürfen sie die nächsten beiden Dosen trinken, die letzte nach Feierabend. Begleitet werden sie von einem Sozialarbeiter. Für jeden Teilnehmer gibt die Stiftung täglich 19 Euro aus.

Dass das Bier der wesentliche Anreiz ist, um Straßen zu kehren, verheimlichen die Teilnehmer nicht. "Wir brauchen Alkohol, um zu funktionieren", sagte einer von ihnen der Nachrichtenagentur AFP. "Das ist der Nachteil am Alkoholismus." Er lobte, dass das Projekt seinen Alltag strukturiere, gestand aber: "Ich denke, da kann ich im Namen der ganzen Gruppe sprechen: Würden wir hier kein Bier bekommen, würden wir nicht mehr herkommen."

Das liberale Amsterdam

In Amsterdam, einer der liberalsten europäischen Städte, geht die Politik mit entspanntem Pragmatismus auf Süchtige zu. "Wir akzeptieren Drogenkonsum, aber wir wollen die Folgen kontrollieren", sagt die Stiftungssprecherin. Neben den berühmten Coffeeshops für Kiffer gibt es auch Räume, in denen Fixer Nadel wechseln können, um sich anschließend unter Aufsicht Heroin zu spritzen.

Während sich die niederländische Hauptstadt über saubere Straßen und die Obdachlosen aus dem Oosterpark über Kippen und Bier freuen, wird in der Öffentlichkeit heftig darüber gestritten, ob es ethisch vertretbar ist, Alkoholiker mit Bier zu bezahlen. Dass Amsterdam seine Straßenfeger nicht aus ihrer Abhängigkeit befreien will, ist offensichtlich.

Vorbild München

Andererseits hat sich die Strategie, Alkoholiker kontrolliert trinken zu lassen, in anderen Städten bereits bewährt. Einer Suchtberaterin der Stadt München zufolge ist es eine fachlich anerkannte Methode, Schwerstabhängigen unter Aufsicht Alkohol zu geben. "Das ist nicht von vornherein Mist." Gerade bei Obdachlosen sei es nicht mehr realistisch, dass sie abstinent werden könnten. In Begleitung von Suchtberatern griffen Alkoholiker immerhin nicht zu Schnaps. Hochprozentige Getränke, sagt die Münchner Suchtberaterin, "zerstören Geist und Gehirn im Zeitraffer". Auch in Bayern hat die Suchtberatung Projekte angeboten, in denen Alkoholiker Bier trinken durften, aber keinen Schnaps. "Den Abhängigen überhaupt keinen Alkohol zu geben, wäre gefährlich. Sie müssen ihren Pegel halten, sonst drohen Krämpfe und Delirium", sagt die Münchner Suchtberaterin.

Deshalb bezahlt die Regenbogen-Stiftung ihre Straßenkehrer auch mit Bier, verteilt über den Tag. Mit ersten Erfolgen. "Manche Teilnehmer erkennen, dass sie mehr auf ihren Körper achten müssen - und auf ihr soziales Umfeld", sagt die Stiftungssprecherin. Weiter abhängig sind die Straßenkehrer dennoch. "Wir trinken jetzt bestimmt strukturierter", sagt ein Teilnehmer. "Aber nicht weniger." Wenn die Straßenfeger nachmittags ihren Besen abgegeben und ihren Lohn erhalten haben, gehen sie weiterhin zum nächsten Supermarkt. Dort kaufen sie das nächste Bier. Und hin und wieder, erzählt die Sprecherin, kauft einer eine Postkarte für seine Oma.