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Vor Gericht:Das erfundene NSU-Opfer

Prozess gegen Anwalt von erfundenem NSU-Opfer

Betrüger oder Betrogener? Ralph W. steht in Aachen vor Gericht.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Um 200 000 Euro soll ein Jurist den Staat geprellt haben - indem er sich im NSU-Prozess zwei Jahre lang als Anwalt eines Terroropfers ausgab, das es nie gab. Nun steht er selbst vor Gericht.

Von Christian Wernicke, Aachen

Ralph W. sitzt auf der Anklagebank, als wolle er partout Reue zeigen. Den Rücken gebeugt, den Kopf gesenkt, blickt er auf seine gefalteten Hände. Seinen grauen Stoppelbart versteckt er hinter einer schwarzen Maske, scheinbar regungslos vernimmt W. im Landgericht Aachen, was Oberstaatsanwalt Burchard Witte ihm vorwirft: schweren Betrug, Dokumentenfälschung, wahrheitswidrige Versicherungen an Eides statt. Um 211 252,54 Euro soll der Jurist den Staat geprellt haben - indem er sich im NSU-Prozess zweieinhalb Jahre lang als Anwalt eines Terroropfers ausgab, das es nie gab.

Ralph W. suchte die großen, die spektakulären Verfahren, um sich, so die Anklage, als Rechtsanwalt "eine dauerhafte Einkommensquelle von erheblichen Umfang" zu verschaffen. Im NSU-Prozess klappte das, beim Love-Parade-Prozess misslang der Versuch. Als Witte nach 20 Minuten seine Anklageschrift verlesen hat, ist klar: Es geht um alles. Der Angeklagte sei "eine Gefahr" für die Rechtspflege, weshalb der Oberstaatsanwalt ein Berufsverbot empfiehlt.

Aufgeflogen war der Skandal 2015. Das Oberlandesgericht München arbeitete die Morde und Anschläge des NSU auf, und der Vorsitzende Richter verlor die Geduld mit Ralph W.. Mehrfach hatte das Gericht den Anwalt der Nebenklage aufgefordert, endlich seine Mandantin im Gerichtsaal zu präsentieren. Doch W. erschien wieder und wieder allein. Mal erzählte er, seine Mandantin namens Meral Keskin sei in die Türkei verreist, mal gab W. an, die Frau sei auf dem Weg zum Flughafen zusammengebrochen. Am 232. Prozesstag platzte dem Richter der Kragen: Entweder die Frau erscheine - oder der Anwalt solle deren Telefonnummer herausrücken, damit das Gericht sie selbst kontaktieren könne. Am nächsten Tag kam Anwalt W. nicht mehr. Die Lüge platzte: Meral Keskin existierte gar nicht, der Anwalt legte sein Mandat nieder, in Schande.

Am Freitag vor dem Aachener Landgericht schweigt er zu den Vorwürfen. "Mein Mandant wird sich schweigend verteidigen", kündigt sein Verteidiger Peter Nickel an. Zweimal ergreift W. dann doch das Wort. Zunächst bestätigt er der Vorsitzenden Richterin Melanie Theiner, dass er inzwischen geschieden sei. Später verspricht er, die Adresse einer Zeugin zu besorgen: "Isch hab die jetzt nit im Kopp", nuschelt er mit breitem rheinischen Akzent.

Damals, 2015, hat W. noch mehr geredet. Er versuchte, sich selbst als Opfer zu stilisieren. So gab W. an, ein anderer Nebenkläger namens Atilla Ö., der beim Nagelbomben-Attentat am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße tatsächlich schwer verletzt worden war, habe ihm die Mandantin vermittelt. Gegen Provision und einen Prozentsatz seiner Profite aus dem NSU-Prozess. Sämtliche Kommunikation mit dem Phantom-Opfer sei über Ö. gelaufen.

Im Herbst 2015 gestand Ö. zwar der Polizei, Meral Keskin gebe es nicht. Nur blieb unklar, wer von den beiden Komplizen das ärztliche Attest über die angeblichen Verletzungen des Scheinopfers sowie die Unterschrift auf der Anwaltsvollmacht gefälscht hatte. Die Anklage will im Aachener Prozess beweisen, dass dies der Anwalt selbst war. W.s Vorteil: Sein früherer Mittelsmann Ö. kann nicht mehr aussagen, er ist 2017 verstorben.

Auch beim Loveparade-Prozess wollte der Anwalt eine Rolle ergattern

Schon 2017 hatte die Justizkasse Bayern die zu Unrecht ausgezahlten Gebühren und Reisekosten zurückverlangt. Bisher, so der Informationsstand von Richterin Theiner am Freitag, überwies W. ganze 1500,00 Euro, das wären 0,7 Prozent von 211 252,54 Euro. Zudem, so die Anklage, soll W. für Meral Keskin 5000 Euro Entschädigung kassiert haben - aus einem Staatsfonds für Opfer extremistischer Gewalt.

Kurz nachdem sich W.'s NSU-Mandantin als Phantom entpuppt hatte, platzte in Duisburg ein zweiter Betrugsversuch. Advokat W., so die Anklage, soll bis Oktober 2015 versucht haben, auch im Loveparade-Prozess eine Rolle zu ergattern. Dazu soll er wahrheitswidrig schwere Schlafstörungen eines angeblich Betroffenen als Folge des traumatischen Gedränges ausgegeben und die Schwester und die Mutter des vermeintlichen Opfers zu falschen eidesstaatlichen Versicherungen gedrängt haben. Der damals ermittelnden Staatsanwaltschaft Duisburg fielen jedoch Widersprüche auf, W.'s Teilnahme an dem Mammut-Verfahren scheiterte bereits zwei Jahre vor Prozessbeginn.

Daheim in seiner Heimatstadt Eschweiler dient sich Ralph W. bis heute als Fachanwalt für Sozial- und Arbeitsrecht an. Der Jurist ist in der Stadtgesellschaft kein Unbekannter. W. war Vorsitzender eines Sportvereins, und er saß von 1999 bis 2014 für die CDU im Rat der Kleinstadt. Vor sechseinhalb Jahren legte er sein Mandat nieder - weil ihm, wie er erklärte, wegen der langen Fahrten zum NSU-Prozess in München "leider keine Zeit mehr bleibe" für die Kommunalpolitik. Die lokale CDU bedauerte den Verlust seinerzeit.

© SZ/afis
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Von Annette Ramelsberger

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