Süddeutsche Zeitung

Brand in Notre-Dame:Der Ritter, der die Reliquien vor der Apokalypse bewahrte

  • Nach dem Brand in Notre-Dame wird der Feuerwehrgeistliche Jean-Marc Fournier als derjenige gefeiert, der eine der kostbarsten christlichen Reliquien vor der Zerstörung gerettet hat.
  • Bei Großeinsätzen wird standardmäßig ein Geistlicher hinzugerufen.
  • Fournier war bei einigen der schlimmsten Momente dabei, die Paris in den vergangegen Jahren erlebt hat - so auch bei dem Bataclan-Anschlag.

Als Jean-Marc Fournier gefragt wird, welches Gefühl zum Zeitpunkt seiner Heldentat durch ihn ging, wählt er mit Bedacht das Wort "zwiegespalten". Zum einen sei da diese Ruhe gewesen, die er bei jedem Male, die er in Notre-Dame war, gespürt hat. Zum anderen aber diese Vision der Apokalypse.

Ein paar Minuten zuvor stand Fournier, der Kaplan der Pariser Feuerwehr, noch unter dem Triumphbogen und nahm an Festivitäten teil. Doch dann kam die Durchsage an alle Einsatzkräfte: Notre-Dame de Paris brennt. Schnell zog sich Fournier um und eilte zu der Kathedrale. Die Mission, für die er sich mit einigen anderen Kollegen meldete, war eine sehr gefährliche. Er wollte die Schätze von Notre-Dame, inklusive der Dornenkrone, die Jesus Christus persönlich getragen haben soll, vor den Flammen retten. Und ist damit jetzt in Frankreich eine Art Held der Tragödie des Feuers Notre-Dame.

Der Geistliche ist Teil der französischen Streitkräfte und war unter anderem schon in Afghanistan und Deutschland im Einsatz. Nicht nur dort musste er Zerstörerisches miterleben. Als Kaplan der Feuerwehr in Paris ist er in permanenter Bereitschaft. Bei Großeinsätzen wie dem von Notre-Dame wird standardmäßig ein Geistlicher hinzugerufen. Und so war Fournier bei einigen der schlimmsten Momente dabei, die Paris in den vergangenen Jahren durchstehen musste: Er wurde 2015 angerufen, bei dem Angriff auf einen koscheren Supermarkt, den ein islamistischer Attentäter zwei Tage nach dem Attentat auf Charlie Hebdo ausübte. Und 2015 kümmerte er sich um Verletzte beim Anschlag auf das Bataclan. Es zöge sich eine Art Crescendo der Gewalt durch sein Leben, fasst Fournier zusammen, wenn auch kein Einsatz mit dem anderen vergleichbar sei.

Fournier und seine Kameraden wählten einen Seiteneingang, wie er im Interview mit dem Radiosender Europe1 beschreibt. "Als wir in der Kathedrale standen, regneten Asche, Funken und glühende Fetzen von oben herunter", erzählt er. Nah am Mauerwerk hangelte er sich in den Chorumgängen entlang, hin zu dem Tabernakel, das die Dornenkrone enthielt. Sie durchschlugen die sichernde Fensterscheibe, mussten aber noch jemanden finden, der den Code besaß, um den Tresor zu öffnen.

In der Zwischenzeit brach eine andere Einheit die Reliquienkammer der Kathedrale auf. Bilder wurden abgehängt und in Sicherheit gebracht. Kurze Zeit später fand sich ein Kirchenmitglied, das den Code besaß, sodass auch die Dornenkrone in Sicherheit gebracht werden konnte.

Ob er die Dornenkrone in seinen Händen gehalten habe, fragt ihn der Radiomoderator erstaunt. "Ich halte sie jeden Freitag in den Händen", antwortet Fournier darauf, als sei es das normalste der Welt. Immerhin sei er Mitglied des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Warum er so viel riskiert habe, obwohl es doch nur um ein Objekt, einen Gegenstand ginge? "Klar ist die Dornenkrone nur ein "Ding". Aber Jesus selbst hat sie getragen. Sie ist der Schlüssel, der uns den Himmel aufschließt und uns in die Ewigkeit entlässt", ist Fournier überzeugt.

Den Verdienst will sich Fournier ganz und gar nicht alleine zuschreiben

Fourniers Erzählung wird dann noch anmutiger. Neben der Rettung der Dornenkrone war sein weiteres großes Bedürfnis der Erhalt der Monstranz, die Jesus selbst mit seinem Körper und Geist darstelle, erklärt der Kaplan. "Ich konnte nicht jemanden, den ich über alles liebe, in den Flammen zurücklassen", sagt Fournier.

Mit der Monstranz eilte er zum Ausgang. Währenddessen hatte der Nordturm der Kathedrale Feuer gefangen. "Diesen Moment", sagt Fournier, "wollte ich nutzen. Ich habe die Monstranz gesegnet und Christus dazu ermuntert, dass er uns helfen soll, seine Heimstätte vor den Flammen zu schützen." Am nächsten Tag konnte die Pariser Feuerwehr sowohl die Türme als auch das Fundament der Kirche retten. "Hat er mich gehört oder lag es am großartigen Einsatz meiner Kollegen? Möglicherweise an beidem", sagt Fournier.

Den Verdienst um die Rettung der Reliquien will er sich ganz und gar nicht alleine zuschreiben. Immer wieder betont er, dass dies nur durch den professionellen Einsatz seiner Kameraden möglich gewesen sei. Der Zeitung Le Parisien sagte er, besonders stolz sei er, das für Katholiken Allerheiligste aus den Flammen gerettet zu haben: den Kelch mit den geweihten Hostien aus dem Altar, die nach katholischer Überzeugung der Leib Christi sind.

Ganz Frankreich würdigte am Donnerstag den Einsatz der Feuerwehr, die am Montag die vollständige Zerstörung des gotischen Bauwerks verhindert hatte. Mehrere Hundert Feuerwehrleute, unter ihnen Fournier, wurden von Präsident Emmanuel Macron im Hof des Élysée-Palasts empfangen, der sich bei ihnen bedankte. Später sollte es noch eine Feierstunde im Rathaus geben.

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