Norwegen Fackeln im Sturm

"Tounes Horra", Tunesien ist frei: In Oslo feiern Tunesier und Norweger gemeinsam auf der Straße.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Stars, Politiker und Monarchen: Wenn in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen wird, ist das eine würdige Zeremonie. Die Auszeichnung geht dieses Jahr an tapfere Tunesier, die selbst in Oslo kaum einer kennt. Ein Festbesuch.

Von Silke Bigalke, Oslo

Wenn im Osloer Rathaus der Friedensnobelpreis verliehen wird, kommen da nur Prominente, Hoheiten und andere Würdenträger rein. US-Komiker Jay Leno hat einen Platz ergattert, weil er das Friedensnobelpreiskonzert am nächsten Tag moderiert, Erna Solberg, weil sie Norwegens Ministerpräsidentin ist. Die tunesische Juristin Lilia Bensedrine-Thabet schaut der Feier auf einer Leinwand zu. Die Leinwand hängt im Nobel-Friedenszentrum, gleich gegenüber vom Rathaus.

Das Zentrum hat tunesische Juristen, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschafter und andere eingeladen, Stühle aufgestellt und Kaffee in Pappbechern ausgeschenkt. Sie hören die Fanfaren, Einzug des norwegischen Königspaares, die Zeremonie beginnt. Die Tunesier sind nach Oslo gereist, um ihr Land zu feiern. Das tunesische Dialog-Quartett erhält den Friedensnobelpreis, weil es Tunesien vor einem drohenden Bürgerkrieg gerettet hat. Seine vier Vertreter, die Chefs von Gewerkschaftsbund, Anwaltskammer, Menschenrechtsliga und Arbeitgeberverband, nehmen die Urkunden entgegen. Spätestens als Gewerkschafter Houcine Abassi seine als erster in die Höhe hält, springen sie von den Stühlen, "Tounes Horra", Tunesien ist frei, die Rufe werden zum Sprechchor.

Im Rathaus singt die Tunesierin Emel Mathlouthi ihre Revolutionshymne. Das norwegische Kronprinzenpaar hält sich in der kalten Marmorhalle an den Händen. Vor der Leinwand verstohlene Freudentränen. "Wir haben noch viel mehr zu tun, wir brauchen Hilfe", sagt Lilia Bensedrine-Thabet. Nach der Vorstellung diskutiert sie mit anderen Tunesierinnen das Kleid von Sängerin Emel Mathlouthi, das sehr weit ausgeschnitten war. Mutig finden sie das, stark. Und Oslo finden sie gut.

Auch für Oslo ist der Friedensnobelpreis gut. Wie sonst würde man Staatsführer wie Barack Obama (Preisträger 2009) und Angela Merkel (bei der Auszeichnung für die EU 2012) in die Stadt locken? Kein Zweifel, sagt Kristian Berg Harpviken, dass der Friedensnobelpreis der norwegischen Regierung Gelegenheit bietet, internationale Beziehungen zu pflegen. Und er stütze die "Marke" der Stadt Oslo als Welthauptstadt des Friedens.

Kristian Berg Harpviken ist Direktor des Instituts für Friedensforschung, sein Büro liegt hier hinter der "Gandhi Hall". Dass Gandhi den Preis selbst nie gewonnen hat, ist einer der viel diskutieren Fehler des Komitees für den Friedensnobelpreis. Dessen fünf Mitglieder bestimmen den Preisträger ganz allein und unabhängig. Manchmal sind ihre Entscheidung spektakulär, manchmal eben nicht. Auf dem Weg ins Friedensforschungsinstitut muss selbst der Osloer Taxi-Fahrer selbst am Tag der Verleihung nachfragen, wer dieses Jahr überhaupt gewonnen habe. Harpviken wundert das nicht. Wie die Nobelpreiswoche in Oslo aussieht, hängt von der Prominenz des Preisträgers und davon, wie umstritten er ist. Als Obama kam, waren alle norwegischen Titelseiten voll davon. Um etwas über das tunesische Quartett zu finden, muss man schon mal blättern. Auch über den Preis für die EU wurde im Nicht-EU-Land Norwegen viel diskutiert, ebenso über die junge, medienaffine Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai aus Pakistan oder den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo, wegen dem die Peking Norwegen bis heute schmäht. Harpviken hat dieses Jahr auf Angela Merkel gewettet. Der Friedensforscher findet die Wahl nun aber gelungen. Das sei schon Ironie, sagt er. "Der Preis dieses Jahr ist vielleicht die beste Entscheidung seit vielen Jahren. Aber es besteht kein Interesse."

Die Show läuft dennoch wie immer und mit so viel Prominenz wie möglich. Vor der Verleihung treffen die Preisträger König Harald in seinem Schloss. Dann fahren sie ins Nobel-Friedenszentrum, begleitet von Prinzessin Mette-Marit, Ehefrau von Kronprinz Haakon. Dort gibt es eine Nobelpreisfeier für Kinder. Zwölfjährige stellen den vier Tunesiern Fragen: "Wie lange wird es dauern, bis sich dein Traum von Tunesiens Zukunft erfüllt?", fragen sie Gewerkschafter Abassi. "Wie ist das Leben unter einem Diktator?", wollen sie von Mohamed Fadhel Mahfoudh, Chef der Anwaltskammer wissen. "Warum sind es immer Verrückte, die ein Land regieren?", fragen sie Abdessattar Ben Moussa von der Menschenrechtsliga. Die Preisträger reden über die tunesischen Kinder, Armut und den Westen, der immer noch Diktatoren unterstütze. Dann müssen sie weiter ins Rathaus, zur Verleihung. Im Friedenszentrum bauen sie hektisch von Kinderparty zum Public Viewing um. Als alles vorbei ist, mischen sich auf dem Platz draußen Staatskarossen mit Menschen, die in rot-weiße Flaggen gewickelt sind.

Aus norwegischer Sicht am wichtigsten: das Nobelkonzert mit der Popgruppe A-ha

Die tragen sie bis zum Abend durch Oslo, viele Norweger schauen ihnen verdutzt hinterher. Welche Demo haben sie da verpasst? Der traditionelle Fackelmarsch zu Ehren der Preisträger am Abend ist eher schlecht besucht. Vor dem Hauptbahnhof warten vor allem Tunesier darauf, dass es losgeht. Aymen Said hat den Kinderwagen seiner kleinen Tochter komplett in Rot-Weiß gekleidet. Er lebt seit vier Jahren in Oslo und arbeitet als Geologe. Die Entscheidung des Komitees habe ihn nicht überrascht, sagt er und dass er sehr stolz sei. Zu mehr kommt er nicht, eine Gruppe kreist ihn ein und singt die tunesische Nationalhymne, "Humat al-hima", Verteidiger des Vaterlandes. Auf einer kleinen Bühne folgen endlose Reden auf Norwegisch, die die Tunesier nicht verstehen. Sie fotografieren lieber ältere norwegische Damen, die tunesische Fahnen halten und schüchtern schauen. Auf dem Weg durch die Fußgängerzone mischt sich "Humat al-hima" mit "I'll be home for Christmas".

Der Fackelmarsch endet vor dem Grand Hotel, in dem die Preisträger untergebracht sind. Die vier kommen in Frack und Abendkleid auf den Balkon und winken in die Menge. Auf sie wartet das Nobel-Bankett, das anders als das in Stockholm nicht live im Fernsehen übertragen wird. Für die Norweger ist das wichtigste Nobel-Ereignis das Konzert am Abend nach der Verleihung. Vor Jay Leno sind dafür schon Denzel Washington, Meryl Streep und Oprah Winfrey als Moderatoren nach Oslo gekommen. Steven Tyler, Kylie Minogue und Rihanna haben gesungen. Dieses Jahr kommen A-ha als Headliner, jene etwas in die Jahre gekommene norwegische Band, die sich eigentlich schon längst aufgelöst hatte, die ganz großen US-Stars fehlen. Dafür werden die Preisträger dabei sein.