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Niederlande:Mord des Monats

Ein Ausschnitt aus dem Cold-Case-Kalender aus dem Monat Januar

(Foto: Polizei Niederlande)
  • Zwei niederländische Kriminalbeamte haben einen Kalender entwickelt, in dem Opfer von Verbrechen abgebildet sind.
  • Seit die Ringbücher probeweise in fünf niederländischen Anstalten verteilt wurden, gab es bereits doppelt so viele Hinweise zu Delikten wie sonst im ganzen Jahr.
  • Ein Grund könnte die Belohnung sein, die allerdings umstritten ist.

Von Michaela Schwinn

Am Tag, als Sjakie Gerwig verschwand, saßen die Niederländer vor ihren Fernsehern und jubelten. Es lief die Qualifikation für die Fußball-Europameisterschaft, einen Ball nach dem anderen versenkte die niederländische Mannschaft im Tor der Gegner, sie besiegte Malta 4:0. An diesem 29. März 1995 saß auch Sjakie Gerwig vor dem Fernseher, seine Schwester hatte ein paar Leute eingeladen, es war ihr Geburtstag. Spät nachts brach Gerwig auf, zu Fuß lief er zu seiner Freundin, er wollte noch in der selben Nacht wieder nach Hause.

Ein paar Tage später wurde er gefunden, leblos in einem Kanal, zehn Kilometer von Utrecht, seinem Wohnort. Eine tiefe Wunde zog sich über seinen Hinterkopf. Jemand muss ihn mit einem schweren Gegenstand niedergeschlagen und dann ins Wasser geworfen haben. So viel konnte die Polizei damals feststellen. Den Täter aber fand sie nicht.

22 Jahre sind seither vergangen. 22 Jahre ohne einen Verdächtigen, ohne eine Verhaftung oder Verurteilung. Aus Sjakie Gerwig ist ein sogenannter "Cold Case" geworden, ein Fall, der nie gelöst werden konnte. In jedem Land gibt es haufenweise Aktenordner mit Cold Cases, manche von ihnen werden dank neuer Entwicklungen in der Kriminologie, etwa dem DNA-Nachweis, nach vielen Jahren gelöst - die meisten aber bleiben rätselhaft. Zwei niederländische Kriminalbeamte haben ein neues Ermittlungsverfahren entwickelt, das solche Fälle möglicherweise wieder aufrollen könnte: den Cold-Case-Kalender. Sjakie Gerwig ist darin abgebildet und 51 weitere Personen, jede Woche ein ungelöster Fall, ein kleines Ringbuch, das unauffällig daherkommt. Ungewöhnlich ist aber der Ort, an dem der Kalender stehen soll: in den Zellen niederländischer Gefängnisse.

Entscheidender Hinweis kommt oft von Häftlingen

"Häftlinge wissen oft viel mehr, als man denkt", sagt Jeroen Hammer, der den Kalender zusammen mit seinem Kollegen Daan Annegarn in die Gefängnisse brachte. "Fast jeder Verbrecher spricht irgendwann über seine Taten, diese Geschichten kursieren dann oft in den Gefängniszellen." Tatsächlich zeigt eine Studie der niederländischen Polizei-Akademie, dass in etwa zehn Prozent aller gelösten Altfälle der entscheidende Hinweis von einem Häftling stammte.

Seit die Kalender im Januar probeweise in fünf niederländischen Anstalten verteilt wurden, gab es bereits doppelt so viele Hinweise wie normalerweise im ganzen Jahr. In zwei Fällen waren diese so konkret, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden. Das überraschte sogar Hammer: "Damit haben wir absolut nicht gerechnet." Ein Grund für diesen Motivationsschub unter den Häftlingen könnte die ausgesetzte Belohnung sein: 10 000 Euro für die Aufklärung eines Vermisstenfalls, 15 000 Euro für Mord, 20 000 Euro für besonders schweren Mord.

Das Projekt ist einzigartig in Europa

Das kam aber nicht bei allen Häftlingen gut an. Sie seien nicht käuflich, außerdem wolle der Kalender sie alle zu Petzen machen, schrieb ein Insasse in einer Gefängniszeitung. Hammer sieht das anders: "Die Höhe der Belohnung ist normal." Auch nicht inhaftierte Bürger bekämen die Summe, wenn sie einen entscheidenden Hinweis liefern. Der Kalender sei frei zugänglich, jeder könne ihn online ansehen.

Das Projekt ist einzigartig in Europa. In den USA hingegen gibt es die Idee schon länger. "In einigen Staaten dürfen Häftlinge nur mit Kartendecks spielen, auf denen Cold Cases abgebildet sind", sagt Hammer, der selbst eine Zeit lang in Virginia gearbeitet hat. "Während sie spielen, unterhalten sie sich über die Fälle." So etwas muss es hier auch geben, dachte er sich, als er zurückkam. Mordopfer auf Spielkarten, das ging den niederländischen Behörden aber zu weit, also wurden es Kalender. Nach sechs Monaten Probezeit sollen sie nun an alle niederländischen Haftanstalten verteilt werden, Hammer hofft, noch mehr alte Fälle vor dem Vergessen retten und lösen zu können. Schließlich werden statt 2500 Insassen bald 30 000 durch die Ringbücher blättern.

© SZ vom 28.07.2017/fie
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