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Nichtrauchergesetz:Der große Graben

Der Ort Bruchmühlen gehört teils zu Nordrhein-Westfalen, teils zu Niedersachsen. Das neue Nichtrauchergesetz entzweit das Dorf.

An der schmucklosen Eichentheke sitzen zwei Rentner über Eck. Sie reden über Belanglosigkeiten, den üblichen Tratsch. Was man so spricht an einem Abend in der Dorfschänke, die inzwischen Harput Grill Bistro heißt.

Nichtraucherschild

Rauchverbot auf der einen, Laissez-faire auf der anderen Seite des Ortes: Bruchmühlen ist buchstäblich in zwei Lager aufgeteilt.

(Foto: Foto: ddp)

Früher war hier ein Grieche, jetzt wird türkisches Essen serviert. Georg nimmt einen Zug, überlegt, dann inhaliert er noch mal kräftig und sagt dann: "Ich lasse mir von niemandem das Rauchen verbieten. Erst recht nicht von Politikern."

Eine Schachtel Reval ohne Filter steht angelehnt an der aus Eiche gedrechselten Strebe, daneben liegen zwei Pfeifen achtlos herum. Ein wenig Asche hat sich schon auf dem Tresen verstreut.

Der Zigarettengeruch weht durch die schmucklose Kneipe, auf den Tischen stehen die gläsernen Aschenbecher mit Werbeaufdruck.

Sie sind teilweise abgestoßen, sie stehen halt schon lange hier. Es wird Herforder Pils ausgeschenkt, echt westfälisch eben. Hier, in der Meller Straße 6 in 32289 Bruchmühlen, Gemeinde Rödinghausen, Kreis Herford, Nordrhein-Westfalen ist die Welt noch in Ordnung.

Gegenüber, einmal quer über die Meller Straße, gerade mal sieben, acht Meter, ist die Welt eine andere. Francesco Ruperto hat da seine gleichnamige Eisdiele. Er hat er die Aschenbecher vom Tisch geräumt, für immer.

Denn das Eiscafé in der Meller Straße 5a gehört zu 49328 Bruchmühlen, Stadt Melle, Landkreis Osnabrück. Hier ist Niedersachsen, hier gilt seit dem 1. August absolutes Rauchverbot in Gaststätten. Die Landesgrenze geht mitten durch Bruchmühlen. Am grasbewachsenen Kreisverkehr mit seinen fünf Ausfallstraßen ist die eine Seite Niedersachsen, die andere Nordrhein-Westfalen.

Grenzen des Föderalismus

Man sieht es nicht auf den ersten Blick. Im Schwarzen Weg hinter dem Bahndamm aber bekommt Absurdistan ein Gesicht. Direkt vor dem kleinen Kilverbach endet das nordrhein-westfälische Bruchmühlen. Das durchgestrichene Ortsschild steht achtlos im Brennnessel-Gestrüpp.

Es sind 13 Schritte, nur über den keinen plätschernden Bach, in eine neue Welt. Rechts am Straßenschild kündet das Ortsschild: Bruchmühlen, Niedersachsen. Willkommen am Checkpoint Charlie der Provinz. You are now leaving the NRW-Sektor. Bruchmühlen statt Berlin. Eine geteilte Stadt. Hier ist die Grenze des Föderalismus.

Die absurde Trennung ist historisch bedingt. Das Gut Brocmole, entstanden 1322, war lange die einzige Ansiedlung weit und breit. Es wurde dem Königshaus Hannover zugeschlagen, der sumpfige Morast im Osten gehörte zu Preußen. Zuerst war die Grenze, dann kam das Dorf. Die Teilung aber blieb, sie überstand jede Gebietsreform.

Franceso Ruperto hat diese Woche wieder seine ganz eigenen Erfahrungen damit gemacht. Am Dienstagabend kam ein älterer Herr in seinen Laden. Er wollte nicht Stracciatella oder Pistazie. Er fragte nur: "Kann man hier noch rauchen?" Dann hat er sich hingesetzt und "in 'ner halben Stunde zehn Zigaretten durchgezogen", sagt Ruperto. "Der hat uns total vollgepafft." Es war ein stinkender Protest. Der letzte.