Süddeutsche Zeitung

Hurrikan "Ida":Mehr als 40 Tote nach Unwetter im Nordosten der USA

Die Behörden hatten mit Wind und Regen gerechnet, aber nicht in diesem Ausmaß: Die Stadt New York erlebt den zweiten Rekordregen innerhalb weniger Tage. Dutzende Menschen kommen ums Leben.

Von Christian Zaschke

Am Morgen danach war es kaum vorstellbar, dass in der Nacht zuvor ein Sturm von historischem Ausmaß in New York gewütet hatte. Ein leichter Wind ging am Donnerstag in der Früh, der Himmel hing hoch und blau über der Stadt, die Sonne schien bei angenehmen 20 Grad. Auf den ersten Blick einer dieser herrlichen Septembertage, für die New York berühmt ist.

Auf den zweiten Blick war es ein alles andere als herrlicher Tag. Der Sender CNN bezifferte die Gesamtzahl der Todesopfer infolge des Sturms in den sechs nordöstlichen Bundesstaaten New Jersey, New York, Connecticut, Pennsylvania, Maryland und Virginia auf mindestens 45. Davon mindestens 23 Menschen in New Jersey und 13 Menschen in New York City. Laut Polizeiangaben sind die Toten zwischen zwei und 86 Jahre alt. Über die Todesursachen machte die Polizei zunächst keine Angaben.

Am Mittwochabend hatten Ausläufer des Hurrikans Ida New York getroffen. Der Hurrikan hatte das amerikanische Festland vor einer Woche in Louisiana erreicht und vor allem in New Orleans erhebliche Schäden angerichtet. Rund eine Million Menschen mussten dort zunächst ohne Strom auskommen. In New York hatten die Behörden mit starkem Wind und Regenfällen gerechnet, aber nicht in diesem Ausmaß.

"Falls Sie daran denken, nach draußen zu gehen, lassen Sie es sein."

Im Central Park fielen innerhalb einer Stunde, zwischen 8.51 Uhr und 9.51 Uhr, wie das New Yorker Wetteramt mitteilte, 7,87 Zentimeter Regen. Ein neuer Rekord. Der alte war erst im August aufgestellt worden. Im Zuge des Tropensturms Henri waren innerhalb einer Stunde 4,93 Zentimeter Regen im Central Park gefallen.

Bürgermeister de Blasio rief in der Nacht zum Donnerstag den Notstand aus. Es handele sich um ein "historisches Wetter-Ereignis" sagte er. Auf Twitter schrieb er: "Falls Sie daran denken, nach draußen zu gehen, lassen Sie es sein." Von Mitternacht bis fünf Uhr am Morgen waren auf den Straßen nur Einsatzfahrzeuge erlaubt.

In der Subway kam der Betrieb fast völlig zum Erliegen. In Sturzbächen ergoss sich das Wasser in manche Stationen. Dass die New Yorker Subway nicht fährt, ist äußerst selten. 2012 fiel sie eine Weile aus, nachdem Hurrikan Sandy die Stadt getroffen hatte. 2015 wurde der Betrieb wegen eines nahenden Schneesturms vorsichtshalber eingestellt. Dieser Sturm erwies sich dann als weniger schlimm als erwartet.

Auch am Donnerstagmorgen fuhr lediglich rund die Hälfte der Züge. Das ist in der Stadt unmittelbar spürbar: Die Subway ist die Lebensader New Yorks, Millionen von Menschen nutzen sie jeden Tag. Auch im Fernverkehr an der Ostküste gab es erhebliche Einschränkungen. Die nationale Zuggesellschaft Amtrak stellte den Betrieb auf der wichtigsten Bahnstrecke des Landes zwischen Philadelphia und Boston vorübergehend ein.

Das Wetteramt hatte in der Nacht eine Sturmflut-Warnung herausgegeben - die erste in der Geschichte New Yorks. Dennoch blieben längst nicht alle New Yorker zu Hause. Besonders die vielen Essenslieferanten fielen ins Auge: Auf ihren E-Bikes pflügten sie, beladen mit ihren schrankgroßen Rucksäcken, durchs Wasser. Offensichtlich hatten viele Menschen, die nachvollziehbarerweise lieber nicht auf die Straße wollten, reichlich Essen bestellt.

Ausmaß der Schäden noch nicht abzusehen

Wer ein in der Stadt registriertes Mobiltelefon besitzt, wurde regelmäßig von Warnmeldungen aufgeschreckt. Die New Yorker Behörden senden in Notsituationen einen durchdringenden Warnton auf die Telefone der Stadt. Die New York Times berichtet, dass das in manchen der gerade wieder geöffneten Theater am Broadway zu einiger Verunsicherung geführt habe, nicht zuletzt bei den Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich fragten, was da wohl los sei. Sie seien aber trotzdem in ihren Rollen geblieben.

Im Stadtteil Queens, wo in Flushing Meadows gerade die US Open im Tennis ausgespielt werden, peitschte der Wind den Regen ins Louis Armstrong Stadium, obwohl dort das Dach geschlossen war. Die Veranstaltung wurde unterbrochen. Am Flughafen Newark in New Jersey fielen eine Stunde lang sämtliche Flüge aus.

Das Ausmaß der Schäden ist noch nicht abzusehen. Die Versicherer schätzen, dass sie infolge des Hurrikans Ida insgesamt zwischen 15 und 25 Milliarden Dollar auszahlen müssen. Diese Summe gilt allerdings für das ganze Land. In New York hatten am Donnerstag 50 000 Menschen keinen Strom, in New Jersey waren es 63 000. Der Sturm zog im Laufe der Nacht weiter in Richtung Neuengland.

Die gute Nachricht in alldem für New York: Für die kommende Woche sind milde, sonnige, warme Tage vorhergesagt. Die Ruhe nach dem Sturm.

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