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Neuruppin:Hautfarbe: rötlich-rosa

Vor 41 Jahren soll Erna F. ihren achtjährigen Sohn getötet haben. Der Notarzt wundert sich noch heute über die Begegnung mit der Frau.

Von Thorsten Schmitz, Neuruppin

Die Staatsanwältin am Landgericht in Neuruppin hat an diesem Donnerstag, wie es ihre Angewohnheit ist, alle Fenster im Saal 2 aufgerissen. Es ist der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen Erna F., die vor 41 Jahren ihren damals acht Jahre alten Sohn in ihrer Schwedter Plattenbauwohnung vergast haben soll. Eiskalte Frühlingsluft erfüllt den Raum. Die Angeklagte hustet und räuspert sich. Sie trägt ein sonnenblumengelbes Jackett, dazu eine hellbraune Hose. Sie wirkt müde. Sie hat sich zum Schweigen entschlossen, was wohl viel Kraft kostet.

In ihrer Wohnung in Schwedt, wo Mario in der Nacht vom 4. auf den 5. November 1974 tot aufgefunden wurde, haben die Fenster nie offen gestanden. Das hat der ermittelnde Polizeibeamte berichtet, der die Tochter von Erna F. vernommen hat. Es galt damals, so die Tochter, Heizkosten zu sparen. Nie hätten sie und ihre Schwester und ihr Bruder Mario Fenster öffnen dürfen. In der Tatnacht allerdings habe es die Ausnahme gegeben: Sie und ihre jüngere Schwester schliefen auf Anweisung im Schlafzimmer der Mutter, sie sollten das Fenster darin gekippt lassen, die ganze Nacht. Novemberkälte habe den Raum erfüllt. Das, so die Tochter, "war sehr ungewöhnlich". Sie sei froh, dass jetzt gegen ihre Mutter ermittelt werde. Der Todesfall ihres Bruders sei ja bis heute ein Mysterium.

Es gab nicht einmal eine Todesanzeige für das Kind

Von auffälligen Ungereimtheiten berichtete auch der Zeuge Peter Friedrichs am Donnerstag vor dem Landgericht. Friedrichs, der bis 2010 am Krankenhaus Schwedt als Arzt angestellt war, ist 1974 in der Tatnacht als diensthabender Notarzt in die Wohnung von Familie F. gerufen worden. Dort hatte Erna F. nach der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann alleine mit ihren drei Kindern gewohnt. Der heute 71 Jahre alte Arzt kann sich noch gut an jenen Morgen gegen sechs Uhr erinnern, an dem er den toten Mario in seinem geblümten Pyjama zugedeckt im Bett untersucht hat. "Ich habe sofort gesehen", sagte er, "dass es sich hier um eine Gasvergiftung handeln muss." Indiz sei vor allem die rosa-rötliche Hautfarbe des Jungen gewesen, auch die Leichenflecken, die nicht lila gewesen seien, sondern ebenfalls rötlich-rosa. Der Junge habe auch Erbrochenes eingeatmet und sei daran erstickt, dies habe er zwar als Todesursache eingetragen, dennoch habe er den Staatsanwalt damals darauf hingewiesen, dass die eigentliche Todesursache wohl eine Kohlenmonoxidvergiftung sei.

Marios Leichnam wurde daraufhin in der Berliner Charité obduziert. Bei dieser Untersuchung wurde tatsächlich ein tödlich hoher CO-Wert von 73 Prozent im Blut von Mario nachgewiesen. Und obwohl unmittelbar danach die Gasleitungen und der Gasherd in der Wohnung von Erna F. untersucht und keinerlei Defekte festgestellt wurden, wie auch ein Sachverständiger der DDR-Stadtgaswerke am Donnerstag bestätigte, wurde der unnatürliche Tod von Mario nie weiter untersucht. Nicht mal eine Todesanzeige wurde veröffentlicht. Erst jetzt, 41 Jahre später, steht Erna F. vor Gericht. Ein anonymer Briefeschreiber hatte sich 2009 bei der Staatsanwaltschaft Hannover beschwert, weshalb wegen Marios Tod nie ermittelt worden sei. Mario habe Erna F., "die geldgierig war und auch anschaffen ging", im Weg gestanden.

Der damalige Notarzt wundert sich noch heute über seine Begegnung mit Erna F. "Marios Mutter war ungewöhnlich gefasst", sagte er im Gerichtssaal. "Sie hat keinerlei emotionale Entladung gezeigt, wie es wohl beim Tod des eigenen Sohnes üblich gewesen wäre." Und dann sei da noch eine Sache, die er bis heute nicht vergessen könne: "Dass es keinerlei Gasgeruch in der Wohnung gegeben hat und sowohl die Mutter als auch ihre beiden Töchter völlig gesund geblieben sind, obwohl sie ja auch in der Tatnacht in der Wohnung geschlafen haben." Der Prozess wird am 10. Mai fortgesetzt.

© SZ vom 29.04.2016
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